Apples großer Wurf

Wie viel Zukunft hat das iPhone X?

Von Marco Dettweiler
 - 10:43
© AP, F.A.Z.

Apple hat es der Konkurrenz wieder einmal gezeigt. Das steht außer Frage. Das iPhone X ist von nun an die Referenz unter den Oberklasse-Smartphones. Was Tim Cook am Dienstagabend im Steve Jobs Theatre in Cupertino vorgestellt hat, setzt in mehreren Hinsichten Maßstäbe. Gesichtserkennung mit Face ID, rahmenloses Display, Kamera mit Augmented Reality, kabelloses Aufladen und einige andere Funktionen hat die Konkurrenz in dieser Perfektion nicht zu bieten.

Dabei hat Apple wie immer abgewartet, zugeschaut und es besser gemacht. Neu sind diese Funktionen grundsätzlich nicht. Die Top-Smartphones von Samsung lassen sich schon länger mit Gesichtserkennung entsperren, auch haben sie einen fast rahmenlosen Bildschirm, Asus und Sony haben Smartphones mit Augmented-Reality-Anwendungen, induktives Aufladen bieten gleich mehrere Hersteller an, und wasserdichte Gehäuse gehören mittlerweile zum Standard. Die Konkurrenz präsentiert ihre Technik dabei nicht immer im ausgereiften Stand. Manchmal gilt sogar nur das olympische Motto, dabei sein ist alles.

Warum passiert so etwas? Die Konkurrenz hat seit Jahren das Problem, dass sie unter Zugzwang steht. Alle Welt wartet im Herbst auf das nächste iPhone, da müssen Samsung, Huawei, Sony, HTC und andere vorlegen, um potenzielle Kunden umzustimmen. Also versucht man durch neue Funktionen der Welt zu zeigen, dass man es besser kann als Apple. Das funktioniert gut so lange, bis es September ist. Und manchmal darüber hinaus. Doch Tim Cook und seine Mitstreiter sind hervorragende Blender. So werden bestimmte Funktionen auf der Keynote als neu und einzigartig angepriesen, obwohl sie die Konkurrenz längst hat - wenn auch nicht immer in dieser technischen Reife.

Und Apple hat eben nicht immer das Beste. Ein Beispiel ist die Kamera. Sie war sicherlich über viele Jahre die Referenz unter den Smartphones. Doch mittlerweile macht es die Konkurrenz sehr gut - und einige können es sogar besser. Das Unternehmen DxOMark pflegt und aktualisiert ständig auf seiner Webseite eine Tabelle der besten Smartphone-Kameras. Dort war ein iPhone schon länger nicht mehr auf dem ersten Platz zu finden. Momentan teilen sich diesen das Google Pixel und HTC U11.

Doch Apple hat mit der Wir-machen-es-einfach-besser-Methode ein grundsätzliches Problem. Das Unternehmen setzt wirtschaftlich alles auf eine Karte. Mit dem iPhone macht es mehr als die Hälfte des Umsatzes. Das funktioniert nur so lange, wie es Smartphones gibt. Das klingt zunächst trivial. Natürlich wird es diese auch in den nächsten Jahren geben. Aber wie lange noch? Fünf, sieben oder zehn Jahre? Das Produkt ist ausgereizt. Ein rahmenloses Display ist keine Innovation, sondern eine technische Meisterleistung. Die neue Menüführung ohne Homebutton mit Hilfe der Wischgeste nach oben ist eine durchdachte Konzeption der Softwaredesigner. Paradigmenwechsel sind das nicht.

Was nützen all diese Funktionen, wenn sich das Smartphone allmählich auflösen und durch andere Produkte ersetzt würde? Brillen, Uhren, Kontaktlinsen, Sensoren in der Kleidung und andere Wearables stehen noch lange nicht vor dem Durchbruch. Selbst Google ist mit seiner Glass damit zwar gescheitert. Sie werden sich in den nächsten Jahren aber umso mehr aufdrängen. Ein Grund ist die Miniaturisierung der Technik. Sensoren, Prozessoren, Speicher werden immer kleiner. Wozu sollte man ein riesiges Smartphone weiterhin in der Hosentasche tragen? Reicht nicht eine Smart Watch?

Ein anderer Trend schmälert ebenfalls die Bedeutung des Smartphones als singuläres Produkt. Es ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Alltag. Auch hier gilt: Was zurzeit angeboten wird, etwa die vernetzten Lautsprecher Google Home und Amazon Echo, ist eigentlich noch ein bisschen doof. Die Forschung ist jedoch weiter und Unternehmen wie Google investieren Milliarden in diesen Bereich. Apple hat hier geschlafen.

Nun ist man in Cupertino erwacht. Mit dem neuen Prozessor A 11 Bionic arbeiten die Entwickler insofern mit künstlicher Intelligenz, dass die Gesichtserkennung des iPhone 8 und X während der Nutzung lernt, wer da vor ihm sitzt, steht oder liegt. Deshalb lässt es den Besitzer auch rein, wenn dieser Brille oder Hut auf hat. Das funktioniert, weil Apple im Prozessor eine Neural-Engine für Machine Learning einsetzt. Mit neuralen Netzen experimentiert Google schon länger. Im Unterschied zu Apple versucht das Unternehmen aus Mountain View die Erkenntnisse nicht für ein Hardware-Feature zu nutzen sondern für Geräte übergreifende Software.

„iPhone X, das ist wirklich die Zukunft“, sagte Tim Cook auf der Keynote. Ist das so? Es reicht wohl für die nächsten Jahre. Denn die Konkurrenz geht einen ähnlichen Weg. So hat Huawei auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin einen neuen Prozessor vorgestellt. Kirin 970 hat eine ebenfalls eine Recheneinheit, die für Anwendungen Künstlicher Intelligenz vorgesehen sind. „Neural Processing Unit“ nennen das die Chinesen. Was sie damit anstellen wollen, erfahren wir Mitte Oktober, wenn Huawei das Mate 10 vorstellt. Spätestens dann starten wieder die Vergleiche mit Apple - und seinem iPhone X.

Quelle: FAZ.NET
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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