Lautsprecher Echo im Test

Wer ist schlauer: Amazon oder Google?

Von Marco Dettweiler
 - 10:38
© F.A.Z., F.A.Z.

Wer spricht, will etwas erreichen. Fragen und Aufforderungen wie „Kannst du mal das Licht anschalten?“, „Haben wir noch Butter im Kühlschrank?“ oder „Die Heizung ist zu kühl eingestellt“ sollen Handlungen auslösen. Der Angesprochene macht Licht, öffnet den Kühlschrank oder dreht das Thermostat hoch. Doch eigentlich wäre es effizient, mit den Dingen selbst zu reden. So wie es Captain Kirk in „Star Trek“, die Astronauten in Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“ oder David Hasselhoff in „Knight Rider“ schon immer getan haben. Und siehe da: Weil zwei große amerikanische Unternehmen gerade zwei technische Entwicklungen zusammenführen, kommt Sciencefiction ins Wohnzimmer.

Das „Internet of things“ ist das eine. Kühlschränke, Waschmaschinen oder Heizungen lassen sich übers Internet direkt ansprechen. Sie brauchen dafür eine eigene IP-Adresse im heimischen Netzwerk. Dank des neuen Internet-Protokolls IPv6 können zirka 340 Sextillionen (Sextillion = eine Eins mit 36 Nullen) vergeben werden, so dass auf lange Zeit jedes Haushaltsgerät sogar seine eigene Adresse haben kann. Das Smartphone hat sich als geeignete Fernbedienung etabliert, um Dinge zu steuern. Die Heizung, das Licht oder die Waschmaschine zu Hause von der Arbeit aus anzuschalten ist längst kein Problem mehr.

Die zweite Technik, die sich parallel dazu entwickelt hat, ist die Sprachsteuerung des Smartphones oder Computers. Sie funktioniert mittlerweile sehr gut und etabliert sich als Alternative zum tippenden und wischenden Finger. Wer sein Gerät mit „O.k., Google“, „Hey Siri“ oder „Hey Cortana“ anspricht und weitere Worte folgen lässt, bekommt bei geeigneter Fragestellung die passende Antwort. Das Smartphone übernimmt auch Aufgaben. So lässt sich per Sprachsteuerung eine Telefonnummer wählen, ein Termin in den Kalender eintragen oder der Wecker stellen. Diese Kommunikation zwischen Smartphone und Besitzer bleibt jedoch immer auf das Gerät beschränkt.

Hören fast überall und jederzeit zu

Nun etabliert sich gerade eine neue Gerätegattung, die beides, das Internet der Dinge und die Steuerung durch Sprache, zusammenführt. Amazon Echo und Google Home hören mit bis zu sieben Mikrofonen dank Fernfeldtechnik zu Hause fast überall und jederzeit zu, sie arbeiten unabhängig von Smartphone oder Computer, sie brauchen lediglich einen Internetzugang per W-Lan. Da Google Home momentan nur für den amerikanischen Markt bestimmt ist und frühestens im Frühjahr nächsten Jahres nach Deutschland kommt, stand für den Praxistest über mehrere Wochen das Produkt von Amazon im Mittelpunkt.

Echo steht im Wohnzimmer auf einem Sideboard. Das Gerät sieht aus wie einer dieser vielen zylinderförmigen Lautsprecher, die Musik rundherum abspielen und kabellos bedient werden. Und so ein Lautsprecher ist Echo zunächst auch. Über eine App wird er wie üblich ins heimische Netz integriert, die Anmeldung über das Amazon-Konto ist Pflicht. Um dem Lautsprecher Töne zu entlocken, muss man mit ihm reden. Echo will stets mit „Alexa“ angesprochen werden. Dann leuchtet eine ringförmige LED auf, um zu signalisieren, dass die Software zuhört. So hat der Befehl „Alexa, spiele ,We will rock you‘ von Queen!“ zur Folge, dass wenige Sekunden später der einprägsame Schlagzeugtakt ertönt.

Der Smarthome-Einsatz ist der eigentliche Clou. Um dem Licht Befehle geben zu können, hat Hue in der Wohnung Einzug erhalten. Das ist ein vernetztes Lampensystem von Philips, indem die farblich vielseitig einstellbaren Leuchtmittel über das heimische Netz gesteuert werden. Alexa und die Basis der Hue-Birnen reden nicht automatisch miteinander. Vorher muss auf Echo über die Alexa-App der entsprechende „Skill“ Hue aktiviert werden. Erst dann versteht Alexa Befehle wie „Licht aus im Wohnzimmer“ oder „Dimme Licht im Flur um 50 Prozent“.

Alexa kann sagen, wie das Wetter heute oder morgen wird, wenn man danach fragt. Wie alt Manuel Neuer ist, weiß sie auch. Wann der FC Bayern München und andere Bundesligamannschaften wieder spielen, ist ihr unbekannt. Nur das nächste Spiel von Borussia Dortmund kennt sie. Dass die Hauptstadt von Honduras Tegucigalpa ist, sagt sie sofort. Über Steve Jobs erfährt man lediglich, dass er ein „amerikanischer Unternehmer“ war, mehr nicht. Was 3840 mal 2160 ist, bekommt sie heraus, was die Auflösung von 4K ist, weiß sie nicht. Alexa kann den Timer ebenso wie den Wecker auf Zuruf stellen. Ein Eintrag im Kalender von Google ist auch schnell gemacht.

Käpt'n Kalle ist nicht Captain Kalle

Doch Alexa kann sehr vieles nicht. Die Sätze „Das weiß ich nicht“ oder „Ich habe die Frage nicht verstanden“ kommen zu häufig vor. Besonders ärgerlich ist der Fall „Käpt’n Kalle“. Das Hörbuch wurde zunächst bei Audible, einem Portal für Hörbücher, gekauft. Alexa sollte es wiedergeben, kann aber „Käpt’n Kalle“ angeblich nicht finden, obwohl Mann, Frau und Kind Dutzende Male nacheinander auf sie einreden. Alexa irrt. In der App ist Käpt’n Kalle gelistet und kann von dort aus abgespielt werden.

Was geht da schief? Bei allen Spracherkennungssystemen wird gesprochene Sprache zunächst transkribiert. Alexa versucht den Lautfolgen eine Bedeutung zuzuweisen. Dabei arbeitet das System unter anderem mit Wahrscheinlichkeiten. Ist das erste Wort ein Wie, Wer, Wo oder Was, folgt mit ziemlicher Sicherheit eine Frage. Diese muss nicht ausformuliert sein. Die Frage „Was Jaguar?“ führt zum gleichen Ergebnis wie „Was ist ein Jaguar?“. Um zu erfahren, wie das Wetter an diesem Tag wird, reichen sogar die Schlagworte „Wetter heute“. In all diesen Fällen gleicht Alexa die Frage oder Anweisung mit einer lexikalischen Datenbank ab. Im Fall des Jaguars wird Wikipedia zitiert, beim Wetter eine meteorologische Datenbank angezapft. Und so lässt sich das Problem mit Käpt’n Kalle erklären. Wenn man in die Alexa-App schaut, finden sich dort alle Fragen und Befehle, die man zuletzt gestellt hat. Dort steht, der Nutzer habe nach „Captain Kalle“ gefragt. Eine Wortkombination, die für Alexa Sinn hat, aber nicht gemeint war. Also gleicht sie mit Audible ab und stellt fest, dass das Hörbuch nicht vorhanden ist, was, ihrer Logik folgend, sogar richtig ist.

Alexa ist nicht so schlau, dass man sie - etwa in Form eines Dialogs - korrigieren könnte. Weder lässt sich die Güte der Spracherkennung wie bei einem Sprachprogramm von Nuance und anderen Anbietern trainieren, noch personalisiert Amazon die Kommunikation mit dem Nutzer. Wie Lautfolgen transkribiert werden und welche Bedeutung zugewiesen wird, entscheidet die Masse ebenso wie die Antwort auf bestimmte Fragen. Erst wenn sehr viele Nutzer mit Antworten nicht zufrieden sind, lernt Alexa und ändert das statistische Modell.

Home ist der materialisierte Google Assisent

Google hat ein ähnliches Produkt wie Amazon. „Home“ ist ebenfalls ein Lautsprecher, der Sprache versteht, Antworten gibt und Kommandos befolgt. Doch das Konzept unterscheidet sich von Echo. Obwohl das Produkt momentan nur Englisch spricht, lässt sich seine Funktionsweise auch für das Deutsche gut erklären. Home ist nichts anderes als Googles „Assistent“ im Gewand eines Lautsprechers mit Mikrofonen. Google hatte diese Software mit der App „Allo“ eingeführt, sie ist zudem im hauseigenen Smartphone Pixel integriert. Der Assistent hört auf „Okay., Google“ und beantwortet Fragen.

Der funktionelle Kern des Assistenten ist seine Lernfähigkeit aufgrund seiner künstlichen Intelligenz. Dafür braucht Google eine große, auswertbare, empirische Datenbasis. Und die hat es. Google analysiert so ziemlich alles, was ein Nutzer hinterlässt: Mails, Suchmaschinenabfragen, Google-Now-Daten, Kalendereinträge und Nachrichten. Da der Home-Nutzer mit seinem Google-Konto angemeldet ist, schneidet der Assistent seine Erkenntnisse auf den Nutzer zu. Dies geschieht geräteübergreifend. Die Dialoge, die auf dem Smartphone stattfinden, fließen ebenso ein wie jene mit dem Lautsprecher Home. Lernt der Assistent auf dem Pixel, ist er auch auf Home schlauer. Der Assistent ist die Plattform, die Geräte sind seine materielle Umgebung.

Die große Stärke von Google im Vergleich zu Amazon ist die Erfolgsrate bei der Spracherkennung. Nach Aussagen des Unternehmens liegt diese bei 92 Prozent, was der tägliche Einsatz des Assistenten dem Gefühl nach bestätigt. Die Erfolgsrate bei den Antworten von Home ist niedriger als beim Smartphone. Home hält Antworten zurück. Weil der Lautsprecher nur sprechen kann, fällt zum Beispiel die Antwort „Das habe ich im Internet gefunden“ aus. Auch Fotos kann Home natürlich nicht zeigen.

Googles Lautsprecher kann ebenso als sprachliche Smarthome-Steuerung eingesetzt werden. So ist Philips Hue ebenso an Bord wie auch Geräte des Unternehmens Nest, das mittlerweile Google gehört. Neben dem Einsatz als Jukebox mit der Einbindung von Spotify oder Google Music verzahnt Google seinen Lautsprecher natürlich mit seinen eigenen Diensten wie Kalender, Übersetzung oder Flugsuche. Und es wird sicherlich nicht mehr lange dauern, bis Home das Kinoprogramm des Abends vorspricht und im Saal der Wahl Karten bucht. Das Gleiche gilt für den Besuch im Restaurant. Wann das nächste Spiel des FC Bayern München ist, wird Home ebenso wissen wie die Tabelle der Fußball-Bundesliga.

All das kann Echo nicht. Und intelligent ist Alexa noch lange nicht. Das Produkt wird mit der Anzahl der Skills jedoch besser werden. In Amerika, wo Echo schon seit zwei Jahren verkauft wird, hat ihre Zahl die 3000 überschritten. In Deutschland gibt es gerade mal ein Prozent davon. Amazon hat auch für deutsche Entwickler das „Alexa Skills Kit“ bereitgestellt und hofft darauf, dass diese dadurch schnell mehr werden. Doch Google Home dürfte auf lange Sicht überlegen sein. Das Unternehmen hat jahrelange Erfahrung und einen zu großen Vorsprung, was die Spracherkennung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz betrifft. Zudem kann kein anderes Unternehmen so viele Daten sammeln wie Google, weil allein die Zahl der Androidnutzer stetig zunimmt.

Damit wächst natürlich auch die Angst der Kritiker, die in dem Unternehmen eine Datenkrake und in den Lautsprechern wie Home oder Echo den Spion im Wohnzimmer sehen. Wie es ausgehen kann, wenn der Computer überall zuhört und sehr intelligent ist, zeigt Stanley Kubricks Film „2001 - Odyssee im Weltraum“ sehr anschaulich. Doch keine Angst, von HAL sind Echo und Home noch Lichtjahre entfernt.

Quelle: F.A.Z.
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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