Leica CL ausprobiert

In Wetzlar sind die Kannibalen los

Von Hans-Heinrich Pardey
 - 09:13

Ja, wie isses denn nur möglich, möchte man mit Mutter Kempowski rufen, wenn man die neue Leica CL, die digitale, zur Hand nimmt. Vor mehr als einem Menschenalter gab es ja schon einmal eine CL (wie Compact Leica), natürlich eine analoge für 35mm-Film. Entschieden kleiner als das damalige Spitzenmodell M5, war sie das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Leitz, Wetzlar mit dem - inzwischen auch von Zeitläuften und Fusionierung verschlungenen - Kamerahersteller Minolta in Japan. Die analoge CL war den Stückzahlen nach ein Renner im Vergleich zu den M-Modellen von Leitz, denen der kompakte Kannibale als modernere Alternative und ideales Zweitgehäuse ordentlich zusetzte. Aber die in Nippon gefertigte CL brachte den Wetzlarern zu wenig ein, und es gab sie nur von 1973 bis 1976. Bis heute ist sie unvergessen, antiquarische Exemplare sind hochgeschätzt.

Nun hat Leica der TL2 – über deren gefloppte Vorgängerin und ihren Sneak-Fokus soll kein weiteres Wort verloren werden – also diese digitale CL eher gegenüber als an die Seite gestellt. Denn es sind trotz des gleichen Bajonetts und des 24-Megapixel-Sensors im APS-C-Format (15,8 x 23,6 Millimeter) zwei grundsätzlich verschiedene Kameras: Muss man der TL2, so man durch einen elektronischen Sucher blickend fotografieren möchte, einen unförmig großen Visoflex aufstecken, so hat die CL einen ausgezeichneten Sucher eingebaut (2,36 Millionen Bildpunkte, 0,74fache Vergrößerung, Austrittspupille 20 Millimeter).

Zudem ist das Bedienungskonzept mit drei Tasten links vom Monitor, zwei mit Tasten kombinierten Rädchen oben auf dem Gehäuse und einer Vier-Wege-Wippe im Vergleich zur TL2 geradezu konservativ. Danke! Um nur ganz kurz daran zu erinnern: Wer unbedingt mit Betatschen und Wischen auf einem LCD herumschmierend am ausgestreckten Arm Leica-Fotograf sein möchte, kann sich ja statt einer TL2 ein Smartphone von Huawei zulegen. Je nach Modell kommt das sogar mit zwei Linsen, an denen Leica steht, und ist noch dazu etwa um den Faktor 5 billiger als eine CL mit dem ebenso kompakten wie leistungsfähigen Elmarit-TL 1:2,8/18mm, was, wie ausprobiert, als Kit für rund 3500 Euro (Gehäuse: rund 2500 Euro) über den Ladentisch geht.

Warum eigentlich nicht gleich?

Lassen wir mal die werbende Versicherung aus Wetzlar beiseite, der Leica-Konstrukteur Oskar Barnack würde heute statt seines Ur-Modells eine Kamera mit APS-C-Sensor entwerfen. Warum eigentlich nicht gleich und noch ein bisschen kompakter eine nach Micro-Four-Thirds-Standard? Am längsten ließe sich darüber diskutieren, ob Barnack heute wohl an dem von Leica „ikonisch“ genannten Design einer ovalen Blechdose festhalten würde. Die war vor dem ersten Weltkrieg eine minimalistische Antwort des Konstrukteurs darauf, dass er zwei Spulen unterzubringen hatte, zwischen denen der Film hinter dem Bildfenster transportiert wurde. Was damals die Form diktierte, findet heute nicht mehr statt. Das schmucke Oval des CL-Gehäuses und die Höckerlinie seiner zerklüfteten Oberkante sind nicht mehr zwingend, sondern eher eine Anspielung auf eine Leica II oder III aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Verglichen mit einer ähnlich kompakten APS-C-Kamera mit Sucher, etwa der X-E3 von Fujifilm (F.A.Z. vom 24. Oktober 2017), wirkt das ikonische Design der angenehm belederten CL weder griffiger noch ist es so taschengängig wie die kleine Fuji.

Sehr gute Bildqualität und eine exzellente Verarbeitung, das versteht sich bei Leica. Was nach einem Krümelstündchen im Caféhaus negativ auffiel, waren die beiden Bedienungsräder oben auf der Kamera. Für deren flotte Handhabung sind sie essentiell: Sie bekommen ad hoc oder dauerhaft mit ihrer Taste eine Zuständigkeit zugewiesen und verändern, wenn man sie dreht, die jeweiligen Parameter. Das kann genauso die Betriebsart sein wie die Einstellung etwa des Weißabgleichs - was man eben gerade braucht. Anders als bei der TL2 sind die Rädchen nicht ins Gehäuse eingelassen, sondern drehen sich mit minimalem Abstand darüber. In den Spalt wird nicht nur Staub den Weg finden. Dass die Bedienungselemente erhaben angeordnet wurden, erschien jedoch verständlich: Hätte man sie versenkt, wäre da oben auf dem Gehäuse einfach zu wenig los gewesen.

Das Minidisplay dazwischen (Blende und Verschlusszeit, Betriebsart und Belichtungskorrektur) wirkt auch eher als Zeichen dafür, dass die Kamera eingeschaltet ist, als dass seine Informationen dringend oben auf dem Gehäuse benötigt würden. Mangels eines klappbaren Monitors (3 Zoll, 1,44 Megapixel) fotografiert man ja kaum hinuntersehend auf die in Hüfthöhe gehaltene Kamera, sondern zu allermeist mit dem wuchtig armierten Okular am Auge. Da hat man wesentlich mehr Informationen schön außerhalb des Bildfelds an den Rand geräumt vorzüglich im Blick. Nebenbei: Die arretierbare Dioptrienverstellung am Sucher ist ein Segen.

Anders als die TL2 ist die Leica CL eine unauffällig und rasch, weil ohne alle die Umständlichkeiten des Touchscreens, zu bedienende Sucherkamera in bester Leica-Tradition. Vermissen kann man Objektive mit Bildstabilisierung und das Fehlen von Bluetooth im Gehäuse, das sich vom Smartphone aus über eine App dirigieren lässt. Die besondere Eignung der CL als Reportagekamera auf der Straße dokumentiert die zur Zeit in Wetzlar zu sehende kleine Ausstellung „Tender are the Nighthawks“ der Britin Sarah Lee: eindrucksvolle Farbporträts von nächtlichen Buspassagieren. Der erfreut-verwunderte Ausruf der Rostocker Reedersfrau Kempowski über eine Leica – fast – auf der Höhe der Zeit könnte man auch so umschreiben: Warum nicht gleich so?

Quelle: F.A.Z.
Hans-Heinrich Pardey
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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