RSS-Reader

Freundliche Lesehelfer

Von Michael Spehr
 - 09:09

Fragte man vor fünf Jahren an Nachrichten besonders interessierte Menschen nach der künftigen Informationsquelle Nummer eins für Aktuelles, lautete die Antwort oft: Twitter. Mit nur 140 Zeichen lief der amerikanische Nachrichtendienst allen anderen davon. Wer schneller und besser informiert sein wollte, lag hier richtig. Heute sieht die Welt anders aus. In Zeiten von Fake News, Filterblasen und Echokammern ist das Misstrauen gegenüber den sich sozial nennenden Diensten gewachsen.

Man muss sich durch unendlich viel hindurchwühlen und bekommt trotzdem keinen Blick aufs Ganze, weil nicht nur Facebook, sondern seit Jahren auch Twitter erheblich filtern, also je nach Nutzer unterschiedliche Inhalte in den Vordergrund stellen und scheinbar Irrelevantes ausblenden. Zudem sind in den vergangenen Jahren Verlage, Medienhäuser und Redaktionen besser und schneller geworden. Sie haben ihre Kernkompetenz rund um die Darstellung, Bearbeitung und Kommentierung von Nachrichten geschärft, und ihre Angebote sind heute attraktiv wie nie.

Wer viele Nachrichtenseiten effektiv in den Blick bekommen will, nutzt wieder ein schon älteres Werkzeug, das durch Twitter und Facebook vorübergehend in seiner Bedeutung zurückgedrängt wurde: den RSS-Reader. Er erspart es einem, jeden Tag immer wieder die gleichen Seiten anzusteuern. RSS heißt „Really Simple Syndication“ und ist ein seit vielen Jahren bestehendes Internetprotokoll. Man kann es sich wie eine besonders schlanke Variante der gewohnten www-Seiten vorstellen: kein Ballast, kaum Grafiken, kaum Werbung.

Alle wichtigen Internetseiten sind in einer RSS-Variante abrufbar, und man nutzt dazu ein besonderes Leseprogramm, einen RSS-Reader. Diese Software zeigt dann neue Beiträge der großen Nachrichtenportale, aber auch privater Blogs wie eine E-Mail-Liste. Ordentlich untereinander sind die aktuellen Themen mit ihrer Schlagzeile aufgeführt. Man muss nicht lange surfen, sondern sieht in diesem „Feed“ sofort die Neuheiten wie die Betreffzeilen der E-Mail. Interessiert das Thema, klickt man auf die Zeile, und schon erscheint entweder ein Artikelvorspann oder das Original aus dem Netz. Das alles sieht so aus, als hätte man das Web in seinem Outlook-Postkorb, und im täglichen Umgang funktioniert RSS viel schneller als das Klicken durch bunte Seiten.

Lange Zeit hatte Google alles getan, um diesen Markt zu monopolisieren: Der Google Reader wurde unentgeltlich angeboten, verdrängte alle Mitbewerber, und als der Suchmaschinengigant dann auch auf diesem Feld quasi ein Monopol hatte, wurde das Produkt im Jahr 2013 plötzlich eingestellt. Man wollte die Nutzer zur Verwendung von Google Plus zwingen. Doch die Geschichte nahm eine gute Wendung. Es gibt zumindest einen Anbieter, der von der misslichen Lage profitieren konnte und mittlerweile ein überzeugendes Rundum-Angebot geschnürt hat, das auf allen wichtigen Plattformen und Betriebssystemen läuft: Feedly gewann 2013 mit einem Schlag mehr als 10 Millionen Kunden und gilt mittlerweile als Marktführer, wenngleich viele kleinere Dienste ebenfalls wieder um die Gunst der Kunden buhlen. Die Software läuft im Web-Browser oder als App, bis zu 100 Nachrichtenquellen lassen sich unentgeltlich in einem Konto bündeln.

Die eigenen Quellen lassen sich in Ordner gruppieren

Um einen RSS-Feed hinzuzufügen, quasi zu abonnieren, gibt man einfach die Web-Adresse im Suchfeld ein, also beispielsweise faz.net. Viele Angebote sind an derselben Stelle auch gleich aufrufbar, gebündelt nach Themen wie Nachrichten, Kultur, Wirtschaft. Man wird also zum Stöbern eingeladen. Die eigenen Quellen lassen sich zur leichteren Orientierung in Ordner gruppieren. Einzelne Meldungen lassen sich mit einem Mausklick auf Twitter, Facebook oder Pinterest teilen. Wer mehr Kanäle abonnieren oder weitergehende Möglichkeiten der Organisation und Verbreitung will, muss eines der beiden Abonnements abschließen, die zwischen fünf und 18 Euro im Monat kosten.

Schon in der günstigsten Variante ist das Gebotene mehr als ausreichend. In Feedly arbeitet man wie in einem Regiezentrum für Nachrichten, kann übergreifend suchen, markieren, speichern, an viele weitere Dienste weiterleiten, darunter auch IFTTT, Evernote oder Instapaper. Jeden Tag aufs Neue beeindruckend: die Übersicht der Nachrichten auf allen Kanälen. Was ist wichtig, wird oft geteilt? Feedly zeigt mit numerischen Angaben und Symbolen sofort die „heißen Trends“. Wer Hunderte von Kanälen verfolgt, um die Berichterstattung über ein Thema oder ein Unternehmen im Blick zu behalten, kann komplexe Suchvorgänge auf den Weg bringen, die sich mit logischen Operatoren verknüpfen lassen. Das Gegenteil geht auch: Begriffe, Schlagworte und Ähnliches kann man auf Knopfdruck stummschalten.

Wir haben Feedly in der Pro-Version seit 2013 in Betrieb, und es gibt kaum Anlass zur Kritik. Auf den Mobilgeräten kommen die jeweiligen Apps zum Einsatz, und was auf dem iPad bereits gelesen wurde, ist nahezu sofort auch im Browserfenster entsprechend markiert. Alle Daten werden in der Cloud vorgehalten, man kann also ein und denselben Nachrichtenbestand im Büro durchforsten, zu Hause im Arbeitszimmer, abends auf dem Sofa mit dem Notebook und unterwegs in der Bahn mit dem Handy. Egal, was man als gelesen, markiert oder empfohlen hat: Alles ist stets aktuell. Diese Synchronisation der Nutzerdaten ist die größte Herausforderung, die das amerikanische Unternehmen zu bewältigen hat. Gelegentlich kommt es zu Server-Ausfällen, und 2014 wurde Feedly von einer DDoS-Attacke heimgesucht; die Angreifer wollten Geld erpressen.

Die wohl wichtigste Alternative zu Feedly ist Newsblur, das in der Gratisvariante ein Abonnement von bis zu 64 RSS-Kanälen erlaubt. Es läuft ebenfalls im Browser und auf den Mobilgeräten als App. The Old Reader, nomen est omen, arbeitet nur im Web. Wer seine RSS-Kanäle nicht in die Cloud auslagern will, mag einen Blick auf Fever werfen, das auf dem eigenen Server installiert werden kann. Feedly bleibt demgegenüber die einfachste und solideste Anwendung für Nachrichtenfreunde mit dem Wunsch nach mehr Überblick.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
FacebookTwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFacebookTwitter