Google Pixel 2 XL im Test

Smartphone für Google-Fans und Android-Liebhaber

Von Marco Dettweiler
 - 15:00
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Hätte nicht Huawei am Montag das Mate 10 in München vorgestellt, wäre sicherlich das Pixel 2 von Google in diesem Jahr das letzte Oberklasse-Smartphone von Rang und Namen gewesen. Denn die Konkurrenz hat in diesem Jahr bereits abgeliefert: Samsung, Apple, Sony, HTC und andere haben ihre Flaggschiffe vorgestellt.

Wie gut sind das Pixel 2 und seine Phablet-Variante XL? Nach einigen Tagen mit dem Pixel 2 XL in der Hand und in der Tasche gab es selten den Moment, in dem dieses Smartphone einzigartig erschien. Es geht uns mit dem Pixel 2 wie mit so vielen Smartphones: Es kann alles ziemlich gut, weniges besser.

Design

Google hält weiterhin an dem Design der ersten Baureihe fest. Auf der Rückseite ist das obere Fünftel mit Glas überzogen und in einer anderen Farbe gehalten. Die restliche Fläche darunter hat eine leicht raue Oberfläche, was vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass einem einige Modelle gern aus den Fingern gleiten, weil sie zu rutschig sind. Das Pixel 2 liegt indes recht sicher in der Hand.

Das Gehäuse wirkt hochwertig und stabil. Im direkten Vergleich mit der S- oder Note-Serie von Samsung zeigt sich allerdings, dass die Anmutung der Koreaner noch edler und feiner ist. Das liegt unter anderem an dem Glasrücken und dem an den Längskanten gebogenen Bildschirm. Das Note 8 kostet nur 60 Euro mehr. Hinzu kommt, dass das Pixel 2 einen sogenannten „Active Edge“ mit „Squeeze“-Funktion hat wie auch das U 11 von HTC. Drückt man den Rahmen mit der Hand kurz zusammen, öffnet das Smartphone eine App. Dazu muss der Rahmen leicht beweglich sein. Im Falle des Pixel 2 startet der Google Assistent.

Bildschirm

Auch Google folgt dem Trend, den Bildschirm möglichst groß zu ziehen, damit vom Rand wenig übrig bleibt. Die Umsetzung ist nicht so radikal wie beim iPhone X oder Samsung S 8. Doch es fällt immer wieder auf, wenn man es einschaltet, weil dann der recht schmale „Bezel“ schön zu sehen ist. Er könnte allerdings noch schmaler sein, weil oben und unten noch ein paar Millimeter Platz sind. Das Display ist übrigens nahezu identisch mit dem des G 6 von LG, das ebenfalls ein Verhältnis von 18:9 hat. Eine Überraschung ist das nicht. Das Pixel 2 XL wird von LG gebaut, die kleine Variante übrigens von HTC.

Nur das Pixel 2 XL hat einen Oled-Bildschirm. Um genau zu sein: einen P-Oled-Bildschirm. LG unterscheidet sich von der Konkurrenz, die im Wesentlichen aus Samsungs Amoled-Bildschirmen besteht, indem die Ingenieure eine bestimmte Schicht aus Plastik einsetzen, die bei Samsung und anderen aus Glas gefertigt ist. Dadurch wird der Bildschirm vor allen Dingen etwas dünner. Die optischen Auswirkungen sind gering. Vergleicht man den Bildschirm des Note 8 mit dem Pixel 2 XL, hat man zwei sehr gute Displays mit starken Kontrasten und hoher Auflösung vor sich. Der Bildschirm des Note 8 hat allerdings noch knackigere Farben und strahlt etwas mehr.

Hardware

Mittlerweile haben die Angaben zur Hardware eines Smartphones immer weniger Sinn. Denn alle Oberklasse-Smartphone sind hinreichend schnell, haben genug Arbeitsspeicher, nur manchmal etwas zu wenig internen Speicher. Bevor nun jemand kritisiert, dass das Pixel 2 XL in der Standardausführung „nur“ auf 64 Gigabyte kommt, hier ein Hinweis: Wer ein Google-Smartphone kauft, kann die aufgenommenen Bilder und Videos in Originalqualität drei Jahre lang unentgeltlich in der Cloud speichern.

Das bedeutete im Test-Alltag, dass man bedenkenlos drauflos fotografiert, weil die Bilder sicher sind, ohne dass man auf den Speicher achten muss. Andererseits macht man sich nicht die Mühe, die weniger wertvollen Bilder zu löschen. Auf jeden Fall sollte man dieses Feature mit einplanen, wenn man den Preis für das nächste Smartphone kalkuliert.

Kamera

Google ist „besonders stolz, wieder als Testsieger im DXO Mobile-Test für Smartphone-Kameras eine bislang unerreichte Bewertung von 98 Punkten bekommen zu haben“. Dieses Urteil können wir nicht nachvollziehen. Die Kamera des Pixel 2 XL ist sehr gut und sie fotografiert auf einem Niveau mit den Flaggschiffen von Apple, Samsung, HTC und Sony. Aber jede Kamera hat ihre Vorzüge und die Frage, welche Bilder die besten sind, hängt sehr vom Betrachter ab.

Wir zogen an einem sonnigen Tag mit einem Note 8 von Samsung in der linken Tasche und mit dem Pixel 2 XL in der rechten durch Frankfurt. Am Ende des Tages gab es folgende Erkenntnisse, die für den Automatikmodus gelten. Das Google-Smartphone erlaubte sich keine Fehler. Ab und zu waren auf Note 8-Bildern einige Bereiche überbelichtet. Eine leichte Schwäche, die wir auch von den Sony-Geräten kennen. Der Grund dürfte der gleiche sein: Weil das Note 8 oder etwa auch ein Sony Xperia XZ Premium mehr Helligkeitsabstufungen abbilden will, passiert es hin und wieder, dass die hellsten Stellen ausreißen. Die Bilder wirken dadurch kühler, steriler. Wer diese Art von Bildern mag, wird immer ein Gerät von Samsung oder Sony bevorzugen. Ob Bilder besser sind, die eher wärmer sind und gröbere Kontraststufen haben, oder realistischere, kühlere Abbildungen, ist Geschmackssache.

Obwohl das Pixel 2 nur eine Linse hat, schafft es die Software, im Porträtmodus ein Bokeh zu erzeugen. Und das mit einem ziemlich beeindruckenden Ergebnis. Die Übergänge von scharf zu unscharf sind sauber, es bilden sich selten Artefakte. Die Porträtfunktion ist nicht wie etwa beim Note 8 beliebig einsetzbar. Die Software muss ein Objekt erkennen, das sich vom Hintergrund absetzt. Bei Gesichtern funktionierte es immer, bei Pflanzen manchmal und bei Körpern gar nicht.

Google Lens

Die neue App Google Lens ist in die Kamera-App integriert. Bald soll sie auch im Assistenten verfügbar sein. Mit ihr lassen sich Objekte jeder Art näher bestimmen. Diese Idee hatte schon Amazon mit dem Fire-Phone, Samsung versucht es zurzeit noch mehr recht als schlecht mit Bixby. Und Google ist auch noch weit entfernt von einer Universalbestimmungs-App. Die Anwendung ist denkbar einfach. Man fotografiert etwas und drückt in der Kamera-App oder in Google Fotos auf das Lens-Zeichen. Dann fängt das Smartphone mit Hilfe der Google-Server die Daten durch die Algorithmen zu jagen, um weitere Informationen über das Objekt zu finden und in der Google-Suche weiterführende Links anzuzeigen.

Mit Fotos von Kunstwerken funktioniert das verblüffend gut. Das Pixel konnte Kunstwerke von Jasper Johns, Andreas Gursky, Claes Oldenburg, Pablo Picasso, Giorgio de Chirico, Alberto Giacometti genau benennen. Mit Aristide Maillol und Paul Klee konnte Lens nichts anfangen. Auch wenn diese Leistung beeindruckt, wird man sie nicht häufig in Anspruch nehmen, da im Museum, Internet oder Bildband die Infos über Titel und Künstler nur selten fehlen.

Eine Bestimmung von anderen Objekten scheitert meist. So führte uns Google, nachdem wir eine Esskastanie fotografiert hatten, zu leckeren Petit four, die in Farbe und Form ähnlich waren. Gleiches passiert, wenn man eine Uhr oder Schuhe fotografiert. Google zeigte dann Produkte aus der gleichen Kategorie, weiß aber nicht, um welches Modell es sich handelt.

Dort, wo es die meisten Nutzer gebrauchen könnten, nämlich bei der Bestimmung von Sehenswürdigkeiten, arbeitet Google Lens nicht ganz zuverlässig. Ein Foto des Brandenburger Tors und Eifelturms machten der Software noch keine Probleme. Aber ein Foto des Messeturms in Frankfurt bestimmte Lens lapidar mit „Hochhaus“. Als wir den Messeturm am Morgen fotografierten, spuckte die Software sogar nur das Wort „Wolkenkratzer“ aus.

Now Playing

So wie Lens für visuelle Bestimmung gedacht ist, soll “Now Playing” für akustische da sein. Die Funktion arbeitet, wenn das Smartphone im Standby schlummert. Im Always-On-Display, das Samsung schon seit dem Galaxy S7 einsetzt, werden stromsparend die Uhrzeit, das Datum und Hinweise auf neue Nachrichten eingeblendet. Läuft im Hintergrund nun Musik, blendet das Pixel 2 Titel und Interpreten ein - sofern die Software das Lied erkennt. Um das zu tun, muss das Gerät noch nicht einmal eine Serververbindung herstellen. Es ist eine Offline-Datenbank mit zehntausenden Liedern auf dem Gerät hinterlegt. Abonnenten von Play Music oder Spotify können mit einem Fingertipp den Song direkt in ihrem Streaming-Dienst aufrufen.

Wir haben dem Pixel 2 einige Songs von Amazons Echo vorspielen lassen. Die Anzahl der Lieder, die erkannt wurden, ist beachtlich. Beatles, Rolling Stones, Bob Dylan, Beach Boys, Elvis Presley, John Lennon, Herbert Grönemeyer, Jimi Hendrix, Helene Fischer, Bap, Joe Cocker, Michael Jackson, Prince, David Bowie und U2 kennt die Datenbank. Die vorgespielten Lieder von Radiohead, Queen und den Fantastischen Vier wurden nicht angezeigt.

Fazit

Nur die Software des Google Pixel XL ist sexy. Design und Hardware setzen sich von den anderen Oberklasse-Smartphones nicht ab. Wer auf Android fixiert ist und weitgehend die Dienste von Google nutzt, ist mit dem Pixel 2 bestens bedient - und muss tief in den Geldbeutel greifen. In der normalen Größe kostet das Pixel 2 800 Euro, als XL-Version 940 Euro. Mit einem internen Speicher von 128 Gigabyte überschreitet es sogar die 1000-Euro-Grenze um 50 Euro.

Dafür wird man stets als erster mit der aktuellen Betriebssystem-Version beliefert, die Integration der Dienste ist sehr geschmeidig und der kostenlose Upload der Bilder und Videos in unkomprimierter Form dürfte alle Google-Foto-Nutzer locken.

Quelle: FAZ.NET
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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