Erste Eindrücke

So fühlt sich das iPhone X an

Von Michael Spehr
 - 11:00
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Für Apple ist es das wichtigste Produkt des Jahres: Das iPhone X. Es ist nicht das zehnte iPhone, wohl aber das Gerät zum zehnjährigen Jubiläum des Apple-Smartphones, und es macht einiges neu. An erster Stelle das Design: Wie andere Hersteller verwendet nun auch Apple den Trick, die Ränder rund um die Anzeige drastisch zu reduzieren. Bei gleicher Gehäusegröße wächst das Display. Deshalb verschwindet der liebgewonnene Home-Button am unteren Gehäuserand, und für die Selfie-Kamera oben gibt es nur noch eine Aussparung. Der Effekt: Viel Inhalt auf kleinem Raum, man erhält bei einer Bildschirmdiagonale von 5,8 Zoll eine Display-Auflösung von 2436 x 1125 Pixel, und das Gerät ist mit Maßen von 14,4 x 7,1 x 0,77 Zentimeter nur unwesentlich größer als ein iPhone 7 oder 8 mit 4,7-Zoll-Bildschirm.

Erstmals verwendet Apple ein Oled-Display, die Technik steht für hohe Kontraste und kräftige Farben. Statt Touch ID und biometrischem Fingerabdruckscanner kommt eine kameragestützte Gesichtserkennung namens Face ID zum Einsatz. Sie erfasst mehr als 30.000 Punkte des Gesichts, es wird dreidimensional abgetastet. Face ID funktioniere auch mit Hut oder Sonnenbrille, im Dunklen und bei hellem Sonnenschein, es sei sicherer als der Fingerabdruck, sagt Apple. Die Chance, auf eine Person mit identischen Gesichtsmerkmalen zu stoßen, betrage eins zu einer Million. Face ID speichert biometrische Informationen nur lokal im Gerät, nicht in der Cloud, nicht auf Apple-Servern.

Erste Eindrücke gesammelt

So weit die Ankündigungen und offiziellen Verlautbarungen. Als das iPhone X am vergangenen Freitag vorbestellbar war, sprang die Lieferzeit binnen weniger Stunden auf sechs Wochen. Angeblich kann Apple nicht so viel liefern, wie sie wollen. Wir haben ein Testgerät am Montagnachmittag von Apple in London abgeholt, am Montagabend in Betrieb genommen, und heute erste Eindrücke gesammelt.

Die beiden wichtigsten Fragen: Wie gut ist Face ID und wie ändert sich die Bedienung ohne den Home Button? Um Face ID einzurichten, muss man nur zweimal in die Portraitkamera des iPhone X blicken, den Kopf im Kreis drehen und eine Bestätigung abwarten. Fortan ist das Gerät entsperrt, wenn man es in die Hand nimmt und auf die Vorderseite blickt, die Augen müssen geöffnet sein. Der zweite Schritt, das kann man kritisieren, besteht darin, dass man zusätzlich mit dem Finger von unten nach oben streichen muss, um den Startbildschirm mitsamt Apps zu sehen.

Alle weiteren neuen Gesten mögen sich kompliziert anhören in der Beschreibung, gehen aber flink in Fleisch und Blut über: Um von einer laufenden App zurück auf den Hauptbildschirm zu gelangen, wischt man mit dem Finger von der unteren Kante nach oben. Das ist ungemein intuitiv und eingängig. Auch die nächste Herausforderung gelingt mit dem iPhone X schneller: Um von einer laufenden App zur nächsten zu wechseln, musste man bislang den Home-Button drücken, um das Gerät zu entsperren und dann mit einem Doppelklick die Liste der aktiven Apps aufrufen. Anschließend konnte man nach links und rechts durch diese blättern.

Nun ist das iPhone X automatisch entsperrt, und es reicht eine Fingerbewegung für die gleiche Aufgabe: Mit dem Finger vom unteren Rand aus bogenförmig nach links oder rechts wischen. Oder, wenn man den Bogen nicht heraus hat, von unten nach oben wischen und in der Mitte des Bildschirms innehalten.

Unter dem Vorbehalt des bislang nur kurzen Ausprobierens: Face ID funktioniert genau so, wie man es erwarten darf, im ersten Eindruck nahezu perfekt, auch in dunkler Umgebung und mit weiteren Schikanen wie dem tief ins Gesicht gezogenen Käppi. Nicht entsperrt wurde das Gerät gelegentlich bei extrem breitem Lächeln. Vorgehaltene Fotos oder ein Spiegelbild können das System nicht täuschen.

Aber was ist mit Zwillingen? Auch wird es in den nächsten Wochen eine Diskussion darüber geben, was schneller und effektiver ist: Das Gerät mit dem richtigen Finger auf dem Scanner in die Hand nehmen oder die klitzekleine Wartezeit für die vollautomatische biometrische Gesichtserkennung? Ist der Vorteil von Face ID so groß, dass man 1150 oder 1320 Euro für die beiden Modelle mit 65 und 256 Gigabyte Speicher ausgibt? Das ebenfalls neue iPhone 8 kostet zwischen 800 und 1080 Euro.

Weitere Beobachtungen in Kürze: Das neue Oled-Display ist eine Wucht, und der verbesserte Slow-Sync-Blitz für die Kameraabteilung ein klarer Gewinn. Verspielte Naturen werden die Animojis lieben: Die Frontkamera filmt die Bewegungen des eigenen Gesichts und überträgt sie auf die ausgewählte Figur, etwa einen Hund, eine Katze oder ein Einhorn.

Für den Empfänger sieht es so aus, als würde der Hund mit einem sprechen. Das funktioniert nur mit dem iPhone X und dem hauseigenen iMessage. Jenseits dieser Spielerei heißt es in den nächsten Tagen: Weitere Erfahrungen sammeln. Im Laufe des Mittwochs bringen wir ein Video zu Face ID hier auf FAZ.NET.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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