E-Sport-Veranstaltungen

So viel Technik steckt in einer Lan-Party

Von René Meyer
 - 15:32
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Tausendsiebenhundert Spieler in einer Halle, doch es geht nicht um körperliche Ertüchtigung, sondern um die digitale im Rahmen eines E-Sport-Festivals. Der sportliche Wettkampf mit Computerspielen wird in aller Welt immer beliebter. Ob das Sport ist oder nicht, sei dahingestellt. Aber Großveranstaltungen wie der „ESL One“ ziehen in den Multifunktionsarenen von Köln oder Hamburg mehr als 15 000 Zuschauer an. Am Anfang des Jahres fand in Leipzig die größte Lan-Party Deutschlands statt, die seit 2004 bestehende „Dreamhack“. Wir haben uns die Technik und Infrastruktur angesehen, einen Blick hinter die Kulissen geworfen und gefragt, wie Vernetzung und sportlicher Wettbewerb funktionieren.

Lan-Partys wie die Dreamhack sind ein Relikt aus älteren Tagen. Als Mitte der neunziger Jahre Computerspiele netzwerkfähig wurden, entstanden aus kleinen Gruppen große Treffen, bei denen meist mehrere hundert und seltener mehrere tausend Spieler eine Halle mieteten. Damals waren Internetverbindungen langsam und teuer, da im Minutentakt abgerechnet wurde. Zehn Jahre später sank die Begeisterung: Durch Breitbandanschlüsse, Internetspiele und Sprachchats war es nicht mehr nötig, mit seinem PC durchs Land zu reisen. Als einer der wenigen Sterne am Lan-Himmel blieb die Dreamhack, deren Geschichte in Schweden begann. Dieser Veranstaltung gelingt es, sich seit 23 Jahren zu behaupten mit E-Sport-Turnieren, bei denen um hohe Preisgelder gespielt wird.

Die Leipziger Messe ist über zwei Provider mit je 10 Gigabit je Sekunde ans Internet angebunden. Für die Aufgabe, mehreren tausend PCs einen Zugang zu geben und miteinander zu vernetzen, hat man sich den Dienstleister Planetlan ins Boot geholt. Als Zentralen wurden zwei Netzwerkverteiler aufgestellt, die Backbones. Vielleicht hätte es nur einen Hauptstrang benötigt. Doch da hier alle Verbindungen zusammenlaufen, spart man mit zwei Zielen in der großen Halle Kabel. Die Stränge gelangen über begehbare Versorgungsgänge unter dem Boden in die Halle. Von diesen Korridoren zweigen im Abstand von fünf Meter Medienschächte ab. Sie sind 75 Zentimeter tief und bringen die Kabel in alle Ecken der Halle. Diese Architektur bestimmt die Anordnung der Tischreihen für die Spieler – sie werden genau über die Kabelschluchten geschoben.

Über die Schächte kommen die Tische auch zu Strom. Spiele-PCs schlucken zwar ordentlich Leistung, vor allem, wenn es 1732 Stück sind. Doch spezielle Aufwendungen waren dafür nicht nötig: Andere Messen benötigen deutlich mehr Leistung. Man denke an große Industriemaschinen. Die Reise der Daten endet zunächst in einem Switch, das ist eine Netzwerkweiche, entweder mit 24 oder mit 48 Steckplätzen für Netzwerkkabel, je nachdem, wie viele Spieler an einer Tischreihe sitzen. Drei Kilometer Glasfaserkabel der schnellen Sorte und ein Kilometer Kupferkabel werden im Anschlussbereich verlegt. Sie verknüpfen vor allem die Backbones mit den Switches. Hinzu kommen 18 Kilometer Kupferkabel, um die Rechner der Spieler mit den Switches zu verbinden.

Die PCs der Spieler haben meist zwei Monitore – um beim Spielen nichts vom Geschehen auf Facebook, in Foren und Chats zu verpassen oder um nebenbei Videos zu schauen. Jeder PC erhält 100 MBit/s zugeteilt, sowohl für das Empfangen als auch für das Senden von Daten. Symmetrisch nennt der Fachmann das. Der Internetanschluss zu Hause ist normalerweise asymmetrisch: Der Download ist zehn bis zwanzig Mal so schnell wie der Upload. Über das Wochenende fließen 95 Terabyte Daten durch die Leitungen. Das ist mehr, als 1000 Haushalte in einem Monat verbrauchen. Spitzenreiter ist ein Teilnehmer mit einem Datenvolumen von sage und schreibe 400 Gigabyte.

Auf einem großen Monitor behalten die Techniker den Datenfluss rund um die Uhr im Auge. In Spitzenzeiten tanzen 9,6 Gigabit je Sekunde durch die Kabel. Morgens um 6 Uhr, wenn viele schlafen, sinkt es auf 0,5 Gigabit. Zickt ein Switch, leuchtet er im Hallenplan rot auf. So sehen die Techniker meist schneller als die Spieler, wenn es mit der Verbindung klemmt.

Rund die Hälfte des Datenvolumens entfällt auf das Herunterladen und Aktualisieren von Spielen. Die zweithäufigste Nutzung ist das Streamen von Videos, etwa von Youtube oder Twitch. Beim eigentlichen Spielen werden nur vergleichsweise wenige Daten versendet und empfangen. Das wusste man schon im ISDN-Zeitalter, als man schon mit 64 Kilobit in der Sekunde ruckelfrei interagieren konnte. Anders beim Schauen eines Videos werden beim Online-Spielen keine bewegten Bilder, sondern nur Steuerdaten übertragen.

Jeder Teilnehmer hat einen im Voraus gewählten Sitzplatz. Der wird bei der Anmeldung fix gebucht wie in vielen Kinos – tatsächlich stand für die Software ein Reservierungssystem für Lichtspielhäuser Pate. Dabei werden zwei wichtige Angaben nicht vergessen: der typischerweise verwendete Spitzname und das „Clantag“, das die Mannschaft des Spielers angibt, sofern er sich einer solchen angeschlossen hat. Beides steht auf dem Namensschild. Um Diebstählen von Computern vorzubeugen, hat man sich ein hübsches Verfahren ausgedacht. Jeder Teilnehmer erhält Aufkleber für seine Rechentechnik. Beim Verlassen der Halle wird überprüft, ob das Gerät zum Namensschild passt.

Soll ein Datenpaket durch die ganze Halle von Platz T4 nach C17 transportiert werden, überwindet es erst den Switch, gerät zum Backbone der rechten Hälfte, der sie zum Backbone auf die andere Seite leitet. Dort geht es wieder zum Switch der Tischreihe C und letztendlich zu C17. Außer den Technikern von Planetlan gibt es rund um die Uhr Helfer, falls ein Spieler keinen Zugang zum Netz findet. In der Regel ist der eigene Computer schuld, versperrt etwa eine zu resolute Firewall oder ein Virenscanner den Weg.

Natürlich fuhr man nach Schweden, um sich das Original anzuschauen. Dort steckt der Lan-Bereich mitten unter den anderen Attraktionen. Und die Spieler wissen sich selbst zu beschäftigen. Im ersten Leipzig-Jahr stellte sich heraus, dass Deutsche anders ticken. Sie wollen abgeschirmt spielen, ohne eine laute Bühne nebenan, und sie wollen an die Hand genommen werden. Vor allem mit einem Arsenal an angebotenen Spielen und einem Turnierprogramm.

Das bindet eine Menge von Kräften. Denn für viele Spiele bietet es sich an, eigene Server aufzustellen und sie vor Ort ins Netz einzubinden. Im Vergleich zu einem Spiele-Server, der zum Beispiel in einem großen Rechenzentrum in Frankfurt steht, reduzieren sich dadurch die Zugriffszeiten um mehr als die Hälfte. In absoluten Zahlen liegt das vielleicht nur im einstelligen Millisekunden-Bereich. Aber auch weniger erfahrene Spieler merken den Unterschied.

Während das Berufsförderungswerk Leipzig die Rechentechnik der Server stellt, sorgt ein darauf spezialisierter Dienstleister für die Spiele. Mittelpunkt ist ein Server-Schrank mit zwei dicken Maschinen: eine kleinere mit zwei 18-Kern-Prozessoren und 200 Gigabyte RAM und eine größere mit vier Prozessoren und 1,5 Terabyte Arbeitsspeicher. Als Festplatte arbeitet eine flotte SSD mit drei Gigabyte Fassungsvermögen. Besonders hohe Anforderungen an den Prozessor stellen Server für das Ballerspiel Counter-Strike dar, da es einerseits auf der Dreamhack besonders beliebt ist und andererseits hohe Anforderungen stellt.

Eine lokale E-Sport-Community wiederum betreut die Wettbewerbe. Dabei helfen selbstprogrammierte Werkzeuge auf der Basis der beliebten Turnier-Verwaltung Toornament. Das ist kein Spaziergang: Was als Server-Management für das Spiel Counter-Strike zuvor gut funktioniert, sorgt im Live-Betrieb während der Lan-Party für Probleme. Kurzerhand wird der Quelltext der Software geladen und parallel mit den Log-Auswertungen analysiert. Zugleich wird die Datenlast durch das Schaffen virtueller Instanzen verteilt.

Auch für die Technik der Kommunikation der Spieler untereinander will gesorgt sein. Zum Einsatz kommt Discord, eine Alternative zu Skype oder Teamspeak. Sie bietet einerseits einen Sprachchat und andererseits Chaträume, die an Foren erinnern. Hier liest man allgemeine Hinweise wie die Öffnungszeiten des Imbisses (23 Stunden am Tag), verabredet sich zu Spielen und erfährt Details zu den Turnieren.

Quelle: F.A.Z.
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