Sportuhr oder Smartwatch?

Sie haben es an der Hand

Von Michael Spehr
 - 11:47
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Sportuhren, Smartwatches und Fitness-Tracker drängen ans Handgelenk. Der Markt für die elektronischen Armbänder wächst nach den Prognosen des Marktforschungsunternehmens IDC in diesem Jahr um 20 Prozent. Man rechnet mit 125 Millionen verkauften Geräten in aller Welt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Gerätegattungen sind jedoch immens. Ein simples Fitness-Armband chinesischer Provenienz ist schon von 20 Euro an erhältlich und arbeitet als elektronischer Schrittzähler oder zur Erfassung des Schlafs. Wer mit wenig Aufwand einen kleinen Motivationsschub für mehr Bewegung sucht, liegt hier richtig, darf aber nicht viel erwarten.

Sportuhren können mehr, und sie können es besser. Sie erfassen mehr Parameter, unter anderem die Herzfrequenz, werten einzelne Sportarten detaillierter aus, bieten Hinweise zum Trainingszustand. Gegebenenfalls warnen sie vor körperlicher Überlastung oder geben Hinweise im Laufe des Tages, dass jetzt mehr Aktivität anstehe, um die selbstgesetzten Ziele zu erreichen.

Smartwatches wiederum haben oft ebenfalls Fitness-Funktionen eingebaut, sollen jedoch in erster Linie das Smartphone erweitern. Das Gerät am Handgelenk fungiert als Zweitdisplay des Handys. Wer Neuigkeiten abrufen will, muss nicht mehr in die Hosen- oder Handtasche greifen, sondern blickt auf die Uhr. Das ist nur ein kleiner Komfortgewinn, weil die Smartwatch nicht mehr kann als das Smartphone.

Groß oder klein - hell oder dunkel?

Die Marktforscher von IDC hatten zuletzt in der Sparte der Smartwatches den Marktanteil von Apple mit seiner Apple Watch bei rund 50 Prozent gesehen. Auf Platz zwei liegt demnach Samsung mit 800.000 Smartwatches und einem Marktanteil von 11 Prozent. An dritter Stelle folgt Garmin.

Wer mit einer Smartwatch oder Sportuhr liebäugelt, muss wissen, was er will, weil man stets Kompromisse eingeht. Das beginnt mit Bauform, Größe und Gewicht. Ist eine Uhr gefragt, die man den ganzen Tag am Handgelenk tragen kann und will? Muss sie unter einen Hemdsärmel passen? Oder darf die Sportuhr größer und klobiger sein, weil man sie ohnehin nur während des Trainings trägt? Soll das Gerät der Wahl tagelang ohne Nachladen des Akkus laufen, oder nimmt man gern ein weiteres Ladegerät für die Uhr mit auf Reisen? Eine lange Laufzeit geht meist mit einem weniger hellen, passiv beleuchtbaren Display einher. Eine brillante farbenprächtige Oled-Anzeige ist in der Dunkelheit des frühen Morgens für den Jogger deutlich besser abzulesen, benötigt aber mehr Strom.

Schließlich das Betriebssystem: Wer in der Google-Welt zu Hause ist und ein Android-Smartphone verwendet, mag sich für ein Produkt mit Googles Android Wear entscheiden. Telefonieren, Musikhören, Nachrichten lesen und Sportaktivitäten aufzeichnen, das geht prima. Aber ihre volle Funktionalität entwickelt eine solche Uhr natürlich nur mit dem Android-Smartphone. In der Apple-Welt ist die Apple Watch ausschließlich mit dem iPhone lauffähig. Android-Wear-2-Uhren sind von 200 Euro an zu haben. Die günstigste Apple Watch Series 3 kostet 370 Euro.

Die Sportuhr - Dinosaurier mit Vorteilen

Die Bedienung folgt stets den Konventionen des Betriebssystems. Apple und die Androiden setzen auf wenige Tasten und Wischbewegungen mit dem Finger über das berührungsempfindliche Display. Spracherkennung erlaubt es, mit der Uhr zu sprechen. Nicht nur, um ihr Kommandos zu geben und Fragen zu stellen, sondern auch, um kurze Nachrichten zu diktieren, und das funktioniert mittlerweile gut.

Sportuhren mit dicken Knöpfen erscheinen angesichts der geradezu charmanten Smartphone-Bedienung wie Dinosaurier aus dem Technikmuseum. Kein Fingerwisch, sondern fleißiges Tastendrücken und das Bewegen durch statische Menüs sind gefordert. Das erfordert Einarbeitung. Man muss wissen, welche Funktion wie aufgerufen wird. Doch die Hersteller haben sich dabei durchaus etwas gedacht. Mit einer Sportuhr stoppt der Läufer seine Bestzeit auf den Punkt genau. Ein Tastendruck genügt. Mit der eleganten Smartwatch, etwa von Apple, dreht er schon 50 Meter vor dem Ziel am Rädchen, um das Display zu entsperren, und anschließend muss der Finger präzise das Stopp-Symbol treffen, was nicht immer gelingt, wenn man gerade den Lauf seines Lebens geschafft hat. Kurzum: Die Tastenbedienung ist beim Sport ungeschlagen.

Dass Smartwatches und Sportuhren gleichermaßen Informationen vom Handy aufs Handgelenk bringen, ist mittlerweile selbstverständlich. Meist lässt sich fein einstellen, was wie ankommt: Der Facebook-Hinweis lautlos, allein an einem Symbol erkennbar, die Whatsapp-Nachricht mit Vibration und nur das Wichtigste auch akustisch. Selbst die Nutzung der Uhr als Freisprecheinrichtung für das per Bluetooth angebundene Telefon ist kein Hexenwerk.

Hilferuf vom Handgelenk

Eine Ausnahme ist die Uhr mit eingebauter Sim-Karte für Telefonate ohne jedes Smartphone in der Nähe. Die Samsung Gear S2 3G (für rund 200 Euro) und die neue Apple Watch Series 3 verwenden dazu eine E-Sim, eine fest eingebaute Sim-Karte, die allerdings einen Zusatztarif erfordert. Wir haben die Telefonie mit der Apple Watch ausprobiert, es ist faszinierend. Man selbst hört zwar das Gegenüber ob der kleinen Uhren-Lautsprecher etwas blechern, aber die Angerufenen merkten in der Regel nicht, dass über eine Uhr telefoniert wurde, sogar im fahrenden Auto mit entsprechenden Nebengeräuschen. Besser wird der Klang für den Anrufer, wenn er mit Apples Ohrhörern Airpod telefoniert, dann ist der Unterschied zum Smartphone kaum zu hören. Allerdings funktioniert die Telefonie nur in Gegenden mit LTE oder UMTS-Mobilfunk, und sie kostet viel Akku-Laufzeit. Jedoch kann der Jogger im einsamen Wald auf diese Weise schnell Hilfe rufen.

Seine Sportergebnisse muss der Besitzer einer Apple Watch jedoch noch immer am iPhone auswerten. Das geschieht mit der neuen Series 3 in zwei Apps: Aktivität zeigt Rundenzeiten, Streckenverlauf, Geschwindigkeiten und Höhenmeter und ganz neu eine Pünktchengrafik der gemessenen Herzfrequenz. Hier entdeckt man sogleich den ersten Minuspunkt der Apfeluhr: Sie misst zwar sehr präzise, aber die Messung setzt gelegentlich aus. Die Durchschnittsherzfrequenz ist dann falsch. Die Health-App kennt nun neben vielen Gesundheitsdaten auch die Herzfrequenzvariabililtät und die VO2max- Sauerstoffaufnahme. Beide Werte sind für optimales Training und die Kontrolle der eigenen Leistung wichtig.

Wer noch viel mehr Details sehen will, werfe einen Blick auf die gehobenen Sportuhren etwa von Suunto (ab 400 Euro), Polar (ab 200 Euro) oder von Garmin. Von diesem amerikanischen Hersteller haben wir das hauseigene Sportsystem Connect einige Monate erprobt. Mit ihm arbeiten die Garmin Fenix (ab 600 Euro) oder die günstigere Forerunner (ab 200 Euro) zusammen. Hier ist nicht nur die Herzfrequenzmessung besser, sondern auch die Analytik jedes einzelnen Workouts. Während unseres 5-Kilometer-Laufs am vergangenen Sonntag hatten wir demnach durchschnittlich 170 Schritte in der Minute, das ist befriedigend. Die Balance der Bodenkontaktzeit, gemessen mit einem zusätzlichen Brustgurt, war auch nicht so toll. Die Garmin-Uhr berechnet Trainingseffekte, die Laktatschwelle und viele weitere Werte. Im Klartext liest man dann, dass zum Beispiel die Trainingsbelastung der vergangenen Wochen zu hoch gewesen sei und der Körper mehr Erholung benötige. Oder dass man sich nach einer reduzierten Trainingsbelastung jetzt in Höchstform befinde. Die Darstellung erfolgt übersichtlich im Web-Browser. Man ist also nicht an ein bestimmtes Smartphone gebunden.

Die Inhalte sind entscheidend

Um Leistungen zu vergleichen oder virtuelle Wettrennen zu starten, verbindet man sich in der Garmin-Welt mit anderen Sportlern oder Familienmitgliedern. So sieht man, dass der Neffe gerade zehn Kilometer in weniger als 45 Minuten gelaufen ist. Noch mehr Wettbewerb, sogar mit automatischer Auswertung, enthält der Menüeintrag „Segmente“ in Garmin Connect: Hier zeigt die Software einzelne Wegstrecken aus eigenen Aktivitäten im Vergleich mit Garmin-Sportlern, die ihr Profil veröffentlicht haben. So schnell waren andere beim Laufen oder Radfahren auf Strecken, die man selbst absolviert hat. Zudem kann man Trainingspläne am Rechner erstellen und zur Uhr senden. Ein Kräftemessen mit der Apple-Uhr und Dritten gelingt ebenfalls. Man verbindet sich mit anderen Personen und erhält eine tägliche Trainingsübersicht der Sparringspartner in der App Aktivität.

Wenn man es ernst meint mit einer Sportuhr oder Smartwatch, steht also die Beschäftigung mit den jeweiligen Ökosystemen ganz oben auf der Prioritätenliste: Nicht mehr die Uhr an sich ist in Zukunft wichtig, sondern ihre Einbindung in Betriebssysteme und Sport-Datenbanken. Liegt der Fokus eher auf Assistenz am Handgelenk, gilt Gleiches: Die Uhr der Zukunft ist nur das Terminal, die Inhalte sind entscheidend.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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