Sprache als Bediensystem

Das Arkansystem der Assistenten

Von Michael Spehr
 - 09:48

Angeblich will niemand mit ihnen sprechen, mit den digitalen Sprachassistenten wie Alexa von Amazon oder Google Home oder Apples Siri. Wirklich niemand? Immerhin jeder vierte Deutsche hat derzeit großes Interesse an den scheinbar intelligenten Lautsprechern, die Auskunft zum Wetter oder zur Verkehrslage geben, Musik abspielen und auf Fragen sogar pfiffige Antworten haben, indem sie in der Wikipedia oder anderen Quellen nachsehen. Wenn diese Assistenten nicht nur „Wie alt ist die Bundeskanzlerin?“ mit der richtigen Zahl beantworten, sondern auch die Folgefrage „Wo ist sie geboren?“ erfassen, weil sie den Kontext und die Fragehistorie berücksichtigen, dann wird die Stoßrichtung dieser Technik für die Zukunft ersichtlich: Die digitalen Assistenten ersetzen demnächst als Nutzerschnittstelle die herkömmlichen Verfahren des Umgangs mit dem Internet, mit Rechnern, Smartphones und Datensystemen.

Muss man derzeit solche Helfer darum bitten, dass die E-Mails vorgelesen werden und anschließend die neuen Whatsapp-Nachrichten, ist künftig das Transportmedium irrelevant und die Aufforderung an den Assistenten, dieses oder jenes zu tun, überflüssig. Er wird von sich aus sagen, dass Gisela, die Tante, am kommenden Samstag zum Kaffee kommen möchte. Er wird darauf hinweisen, dass am Samstag auch der Sohn und seine Freundin eingeladen sind, und fragen, ob das passt. Das alles sind keine neuen Szenarien. Sie entstehen unweigerlich, wenn man, wie das jetzt angelegt wird, den Großsystemen von Google, Amazon oder Apple den Zugriff auf seine eigenen Daten gibt.

Bislang gilt dieser Schritt unter Gesichtspunkten des Datenschutzes als problematisch, wenn die amerikanischen Konzerne auf Kontakte, Termine und weitere private Dinge zugreifen. Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche sollte man auf den disruptiven Charakter achten, den Assistenzsysteme vor allem mit ihrer Bedienung entwickeln.

Nötigenfalls kann man den Verlauf kontrollieren

Wer auf gewohnte Weise am Rechner oder Smartphone Web-Adressen eingibt, Suchen startet oder Unerwünschtes wegklickt, der hat (oder glaubt es zumindest) die Kontrolle über sein eigenes Verhalten im Netz. Das meiste ist aktiv eingegeben, vom Nutzer auf den Weg gebracht. Nötigenfalls kann man den Verlauf einer Google-Suche kontrollieren oder korrigieren. Rechner und Netz machen nichts, was man nicht gewollt hat, so scheint es.

Im Umgang mit Sprachassistenten gelten vollkommen neue Regeln. Zwar lässt sich auch bei Amazons Alexa eine Liste der zuletzt gesagten Kommandos aufrufen. Aber das ist nur eine Beruhigungspille, denn was Google, Alexa und Siri mit dem akustisch Erfassten machen, bleibt vollkommen intransparent. Noch kann man mit einem Startkommando wie „OK Google“ die aktuellen Systeme aus dem Dämmerschlaf erwecken. Schon nach dem derzeitigen Stand der Technik ist ein solches Aufwecken gar nicht mehr erforderlich, weil sich die Assistenten so einstellen lassen, dass sie permanent zuhören.

Diese permanente Überwachung mag beunruhigen, aber nicht weniger sollte man darüber nachdenken, dass der Nutzer von Sprachassistenten nicht einmal ansatzweise die Möglichkeit hat, zu erfahren, welche Erkenntnisse die entsprechenden Systeme über ihn gewinnen können. Es geht nicht darum, dass Alexa die Vorliebe ihres Besitzers für einen Fußballverein kennt. Sondern Google, Alexa und Siri werden analysieren, wie oft und mit welchen Themen sie angesprochen oder gefragt werden.

Alle Sprachassistenten speichern vollkommen intransparent

Diese Verhaltensmuster können sie vergleichen mit dem Verhalten anderer Besitzer des Sprachsystems und nicht nur daraus ihre Erkenntnisse ziehen. Der Nutzer wird transparent mit Hunderten von Nuancen des Verhaltens und Fragens, mit Kleinigkeiten, die kaum willentlich beeinflussbar sind. Sprache ist subjektiver, emotionaler, persönlicher und authentischer als jedwede Tastatureingabe. Dem Smartphone musste man nur seine eigenen Daten geben, der Assistent will und bekommt dank Spracherkennung deutlich mehr. Zudem speichern alle Sprachassistenten sämtliche Nutzerdaten vollkommen intransparent in ihrem eigenen geschlossenen Arkansystem, also unzugänglich selbst für Fachleute. Website-Besuche, Texte und Bilder im Cache sowie Cookies: Da weiß man, wie man damit umgeht. Wer sich indes heute darüber echauffieren mag, dass eine Website ungezählte Cookies auf dem eigenen Rechner hinterlässt, der könnte sich morgen darüber ärgern, dass ihm der eigene Sprachassistent neuerdings Nervosität in der Stimme bescheinigt. Man bleibe bei diesem Gedankenspiel im Konjunktiv, denn die Datensysteme und die über den Nutzer hinterlegten Informationen und Erkenntnisse werden proprietär gesichert, sind untereinander nicht kompatibel, und man weiß nicht einmal, welche Kategorien der Datenspeicherung es gibt oder welche Datenfelder angelegt sind.

Einiges ist naheliegend: Ein Sprachassistent wird etwa erfassen, ob sein Nutzer allein zu Haus ist oder andere anwesend sind. Aber was ist mit jenen Daten, die ob der Möglichkeit der langfristigen Speicherung und des Vergleichs nicht ohne weiteres im Blickfeld der Aufmerksamkeit stehen? Man könnte Krankheiten aus typischen Veränderungen der Stimme ablesen und hätte dazu das akustische Vergleichsmaterial mit anderen Dritten und mit der betreffenden Person über Monate oder gar Jahre hinweg.

Man könnte Schlussfolgerungen aus der Art und Weise des Fragens und der Häufigkeit solcher Fragen an den Assistenten ziehen. Der Einblick in die Privatsphäre des Einzelnen gewinnt mit der Nutzung von Sprachassistenten eine ganze neue Qualität jenseits derjenigen Daten, die man seinem Computer oder Smartphone schon immer vorgesetzt hat. Die Rohdaten des Einzelnen werden von Unternehmen gesammelt, analysiert, verglichen und gefiltert. Daraus entstehen neue Produkte, und die Konzerne werden ihre Speichersysteme sowie ihre Algorithmen als Geheimrezepte hüten.

Wer die Mechanismen durchschaut und dennoch daran glaubt, dass sich die Sprachassistenten durchsetzen, mag dereinst zu Hause die Verhaltensweisen des Bürgertums im 19. Jahrhundert adaptieren: vor dem Dienstpersonal nichts Persönliches sagen und stets eine gute Miene machen. Das gilt dann auch für Alexa und ihre Kolleginnen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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