View 10 von Honor im Test

Erkennt Gesichter so gut wie Apple

Von Michael Spehr
 - 08:19

Mit der Zweitmarke fährt man billiger: Seit Jahren vertreibt der chinesische Hersteller Huawei seine Mobilfunkgeräte in einer günstigen Modellvariante unter dem Namen Honor. Wichtiges bleibt identisch, gespart wird am Gehäuse und vielen Details. Jetzt fährt sogar das Flaggschiff Huawei Mate 10 Pro in einer Sparversion vor. Das Original hat drei Monate nach dem Marktstart einen Straßenpreis von rund 700 Euro, liegt also 100 Euro unter dem offiziellen Preis. Das Honor View 10 startet nun mit 500 Euro. Lohnt sich das?

Nebeneinandergelegt haben die Kandidaten eine identische Bauform mit schmalem Rand rund um das Display, das wiederum im 18:9-Format eine Diagonale von 6 Zoll erreicht. Beide liegen wegen der aus dem Gehäuse herausragenden Kameraoptik nicht plan auf dem Tisch. Beim Huawei ist es nur ein Millimeter, beim Honor hingegen sind es zwei bis drei. Die Displayauflösung ist identisch (2160 × 1080 Pixel), aber nur das Huawei verwendet eine Oled-Anzeige, ist gegen Staub und Wasser geschützt und hat eine deutlich hochwertigere Einfassung. Befindet sich beim Huawei der biometrische Fingerabdruckscanner auf der Rückseite, hat das Honor ihn vorn unterhalb der Anzeige. Das Honor bringt zudem eine Klinkenbuchse für den Anschluss eines Kopfhörers mit, Huawei verzichtet darauf. Bei unserem Testgerät saß die Buchse nicht mittig im unteren Rand, sondern war ein kleines Stück in die hintere Abdeckung hineingebohrt.

Weitere Details des Sparprogramms: Der Schlitten zur Aufnahme der Nano-Sim-Karte besteht aus Kunststoff und wirkt labberig. Immerhin: Statt zweier Sim-Karten wie im Huawei kann man hier kombinieren, also eine Sim-Karte mit einer Macro-SD-Speicherkarte ergänzen, das geht mit dem Huawei Mate 10 Pro nicht.

Die zwei aus China verwenden den derzeit schnellsten Huawei-Prozessor Kirin 970 mit acht Kernen. Er hat genügend Leistung für alle Apps und Spiele. Ihm zur Seite steht jeweils ein Zusatzprozessor für Künstliche Intelligenz, der beispielsweise beim Fotografieren das Objekt erkennt und für das Motiv die jeweils richtigen Einstellungen wählen soll. Viel sieht man davon nicht, aber die Kameras bringen nahezu identische Aufnahmen auf sehr hohem Niveau zustande. Die Optik des Huawei Mate 10 Pro ist einen Hauch lichtempfindlicher.

Beide haben üppige 6 Gigabyte Arbeitsspeicher und einen 128 Gigabyte großen Speicher, der nur beim Honor View 10 mit Speicherkarten erweiterbar ist. Sie gehören sodann zu den wenigen Geräten, welche Googles aktuelles Android in der Version 8 verwenden. Allerdings nicht pur, sondern versehen mit dem Betriebssystem-Aufsatz Emui, ebenfalls in der Version 8. Beide hatten Mitte Januar, beim Schreiben dieses Artikels, den Android-Sicherheitspatch vom 6. November des vergangenen Jahres. Kurz vor Testende folgte dann ein Update mit Stand vom 1. Januar. Diese Aktualisierung bringt Face ID mit, also das Entsperren des Geräts mit Gesichtserkennung. Hatte man dergleichen in der Android-Welt nur schlecht implementiert gesehen, führt dieser Anlauf sofort zum Erfolg. Die Entsperrung arbeitet so flüssig und präzise wie mit dem iPhone X.

Der Akku des Honor View 10 hält gut anderthalb Tage durch, mit 3750 Milliamperestunden fällt er etwas kleiner aus als der des Mate 10 Pro mit 4000 Milliamperestunden. Negativ fällt auf, dass die Chinesen immer mehr lästige Bloatware auf ihre Geräte packen. Das umstrittene und nervige Swiftkey als Tastatur-App kann man nicht mehr entfernen und nur mit beträchtlichem Aufwand gegen eine andere Tastatur ersetzen. Auf dem Honor kommt noch einiges hinzu, was man zum Glück deinstallieren kann. Es bleiben indes merkwürdige Hinweise, etwa von nicht in der Anwendungsliste auffindbaren „Essential Apps“, die gleich ankündigen, dass sie auf Google Advertising sowie Geräte- und Netzwerkinformationen zugreifen, um „diesen Service bereitzustellen“. Was sich dahinter verbirgt, kann man nur erahnen.

Beide Geräte sind von Kamera, Ausstattung und Verarbeitung her in der Oberklasse einzuordnen. Sieht man davon ab, dass Face ID ein starkes Argument für die günstigere Variante ist, erhält man mit dem Honor View 10 dennoch kein Schnäppchen. Denn die gesparten 200 Euro bemerkt man nicht auf den ersten, wohl aber auf den zweiten Blick.

Quelle: F.A.Z.
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
FacebookTwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHuaweiApple