Flexible Oled-Anzeigen

Völlig von der Rolle

Von Wolfgang Tunze
 - 11:15
zur Bildergalerie

Es war ein offenes Geheimnis: Hinter verschlossenen Türen zeigte das Unternehmen LG Displays, der Welt-Lieferant aller großen Fernseh-Bildschirme in Oled-Technik, einen Prototyp von bisher ungekannter Biegsamkeit – in einem unscheinbaren Konferenzraum am Rande der Fachmesse CES in Las Vegas. Was in der vergangenen Woche nur Eingeweihte sehen durften, sah aus wie ein auf dem Kopf stehendes Rollo – oder eben wie ein analoges Roll-up, das in Ausstellungen als Schautafel dient. Der komplette Schirm, Diagonalmaß immerhin stattliche 65 Zoll, steckte aufgespult in einem schmalen Kasten mit einem Öffnungsschlitz auf der Oberseite.

Auf Kommando konnte es aus der Behausung fahren, sich an der Wand ausbreiten und feine farbige Bilder zeigen, genau wie ein konventioneller Fernseher. Mit einem anderen Befehl schnurrte die bunte Fläche wieder ins Gehäuse zurück und ließ sich aufwickeln wie eine Papierrolle – bei Bedarf auch nur partiell: Blieb ein schmaler Streifen außerhalb des Gehäuses, zeigte auch dieser Rest-Schirm Bildinhalte, zum Beispiel visuelle Informationen über das Wetter draußen. Ob der Bildschirm aus der Kiste in dieser Form je das Licht eines Wohnzimmers erblickt, ist offen.

Dem Hersteller ging es vor allem um eine unmissverständliche Botschaft an Industriekunden: So etwas geht, man kann Oled-Schirme, auch solche großen Kalibers, derart flexibel fertigen, dass bisher ungeahnte Anwendungen möglich werden. Dass Oled-Schirme aus Folien bestehen, die mit organischen Halbleitern quasi bedruckt werden, weiß man natürlich. Und dass sich solche dünnen Scheiben biegen lassen, haben schon die gekrümmten, inzwischen wieder etwas aus der Mode gekommenen Fernseher gezeigt. Aber dass sie sogar als Wickelware funktionieren, ist schon eine eindrucksvolle Erfahrung. Die Phantasie von Entwicklern und Produktdesignern dürfte zu Hochform auflaufen.

In manchen Unternehmen tut sie es längst, etwa im erst fünf Jahre jungen Unternehmen Royole, das von kalifornischen Universitätsabsolventen gegründet wurde und das nach milliardenschweren Investitionen heute seinen Sitz im chinesischen Shenzhen hat. Wir haben uns am CES-Stand dieser Super-Starter angeschaut, was so alles geht. Zum Beispiel die Fertigung des dünnsten flexiblen Displays der Welt – mit einer Stärke von gerade einmal 0,01 Millimeter. Oder die Kombination von bildgebenden Strukturen mit druckempfindlichen Sensoren.

Daraus lässt sich zum Beispiel eine PC-Tastatur machen, die sich aus einem dünnen, stabförmigen Gehäuse herausziehen lässt. Also das Roll-Keyboard aus dem etwas dickeren Kugelschreiber, sozusagen. Royole sieht seine Technik künftig in allen erdenklichen Umgebungen – dem smarten Zuhause, im Kleiderschrank, in Fahrzeugen, im Büro oder in der Architektur.

Viele Ideen haben schon konkrete Formen angenommen – teils als Designstudien, teils als reale Produkte, die auf Distributoren warten. Dazu zählt etwa ein Smartphone, das sich wie ein Armreif ums Handgelenk wickeln lässt. Oder ein Schnurlostelefon, das wie eine schmale, durchsichtige Scheibe aussieht, nur bedruckt mit filigranen Ziffern zum Wählen. Fürs Auto hatten die Display-Spezialisten ein schmales Cockpit mitgebracht, das in sanften Wellen von der Windschutzscheibe zwischen die Vordersitze fließt – voll mit virtuellen Instrumenten, Schaltflächen zum Berühren und mit Bildschirmzonen für die Navigation. Radfahrer können sich bald Rucksäcke auf den Rücken schnallen, die mit leuchtenden, eingewebten Pfeilen anderen Verkehrsteilnehmern signalisieren, dass sie bitte nur in gebührendem Abstand links überholen mögen.

Was schon jetzt in amerikanische Läden kommt, etwas später dann auch in europäische, kombiniert archaische Bildgebung von Hand mit ultrasensibler Sensorik: Ein Notizbüchlein, in dem man nach alter Väter Sitte auf Papier schreibt oder malt, um ebendiese Information gleichzeitig in digitaler Form zu speichern oder an ein smartes Mobilgerät zu schicken. Das geht so: Unter einem Stapel aus ein paar echten Papierblättern liegt eine rutschfeste, lederartige Folie, unter der wiederum die Sensoren schlummern. Bekommen sie Druck vom Kugelschreiber, senden sie diese Information an die angeschlossene Digitalelektronik.

Das Ganze funktioniert selbst durch mehrere Papierschichten hindurch – und macht viel mehr Spaß als etwa das Kritzeln auf den glatten Touch-Oberflächen von Tablets. Aus dieser Idee lässt sich noch viel mehr machen. Demo-Objekte mit dicker Lederhaut über winzigen Sensoren zeigen: Die Elektronik spürt Berührungen selbst durch robuste Materialien hindurch. Das smarte Möbel ist somit keine ferne Zukunft mehr.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenCESLG