Einsteiger-Kameras ausprobiert

Kernkompetenz Selfie

Von Hans-Heinrich Pardey
 - 12:40

In der TV-Werbung trompetet Samsung gerade herum, für das neueste Galaxy habe man die Kamera quasi neu erfunden. Nicht ohne Ergriffenheit nimmt der Fotofreund die Innovation zur Kenntnis: Vor hundert Jahren hatte jede Box für fünf Papiermark (mindestens) eine Lochblende.

Influencer, deren vorrangige Qualifikation offenbar darin besteht, im Physikunterricht nicht aufgepasst zu haben, berichten im Netz von einem geradezu erstaunlichen Gewinn an Abbildungsschärfe, wenn man den Durchmesser am Galaxy-Guckloch reduziert. Gleichzeitig ist oft zu hören und zu lesen, die Kameraindustrie erwehre sich der immer erdrückender werdenden Konkurrenz des Smartphones und seiner eingebauten und als Apps nachgeschalteten Möglichkeiten der Bildbearbeitung mit immer raffinierteren Apparaten.

Stimmt schon, die Featuritis in der Tausend-Euro-Klasse der Kameras ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich wird die Schlacht zwischen dem unter anderem auch fotografierenden Kommunikator und der alles mögliche, bloß nicht telefonieren könnenden Kamera am unteren Ende der Produktskala geschlagen.

Da heißen die Fragen: Brauche ich zu meiner Sowieso-immer-dabei-Kamera im Smartphone noch eine Nur-Kamera? Macht die so viel bessere Bilder, dass es sich lohnt, mehr als den Preis fürs Prestige-Phone noch einmal auf den Ladentisch zu legen? Darauf sollen Kameras wie die X-A5 von Fujifilm oder die Pen E-PL9 von Olympus die positive Antwort sein.

Zwei technisch und formal deutlich unterschiedliche Systeme

Beide sind mit rund 700 Euro fürs Kit der preisgünstige Einstieg in zwei technisch und formal deutlich unterschiedliche Systeme: Die schnuckelige E-PL9 verspricht „ohne viel Tamtam“ bessere Bilder. Für die Fuji könnte der Kampfauftrag genauso lauten. Aber mit dem Schlachtruf „compact and stylish“ werden von Fujifilm der größere Sensor (APS-C statt Four-Thirds), mehr Megapixel (24 statt 16 MP) und eine, wenn auch kaum nutzbare, so doch zumindest nominell höhere Empfindlichkeit (bis ISO 51 200 statt ISO 25 600 erweiterbar) werbend in den Vordergrund gerückt.

Olympus hingegen zielt mit der E-PL9 durch mehr Chromglanz und um ein Spürchen zierlicher in den Abmessungen, was am deutlichsten jeweilig mit den Kit-Objektiven (Fujinon XC 1:3,5-5,6/15-45 Millimeter und M-Zuiko 1:3,5-5,6/14-42 Millimeter) zu spüren ist, ohne alle Umwege ins Damenhandtäschchen. Dass es die Olympus leichter hat, so kompakt zu sein, ist einfach dem kleineren Sensor geschuldet. Und ihr Chic liegt freilich ganz im Auge des Betrachters. Genderneutral gesagt: Die Fuji kommt einfach ein bisschen technischer daher, äußerlich wenigstens. Umgekehrt: Für Neulinge ist die Menü-Struktur der Bedienungsoberfläche in der Fuji um Längen leichter fasslich als die immer wieder monierte, tatsächlich einige Einarbeitung erfordernde Hakeligkeit der Olympus-Menüs – da muss man bloß mal auf Sommerzeit umstellen wollen. Bei der E-PL9 wie bei den Vorläufermodellen kann man aber auch über die Vollautomatik hinaus sich zu einem Simpel-Modus flüchten.

Die Lösung an der E-PL9 ist die eindeutig praktischere

Die Kernkompetenz beider vernetzbarer Kameras? Selfies. Und ja nicht zu vergessen: Beide Kameras können auf ihrem neigbaren und nach vorn umklappbaren 3-Zoll-Touchscreen-Monitor bedient werden. Dabei gibt es wieder kleine, jedoch unbedingt zu berücksichtigende Unterschiede. Bei Fuji wird nach oben geklappt, bei Olympus nach unten. Das ist keineswegs Jacke wie Hose, sondern die Lösung an der E-PL9 ist die eindeutig praktischere, ganz egal, ob man auf dem Monitorbild herumtatscht oder oben auf dem Kameragehäuse an die Bedienungselemente heranwill.

Bitter stößt auf, dass der Pen wegdesignt wurde, was bei der X-A von Fuji sowieso nie vorgesehen war: die Mini-Buchse unter dem Blitzschuh zum Anschluss eines elektronischen Suchers. Die hatten noch die Pen E-PL8 und die E-PL7 – ein herber Verlust. Dass man nun wie auch in der Fuji einen internen Miniblitz bekommt, wiegt speziell bei Sonnenschein den Verzicht nicht auf. Im grellen Licht sieht man nämlich wenig bis nichts – auf beiden Displays.

Die Bildqualität, möchte man denken, müsse bei der Fuji genauso wie ihr APS-C-Sensor größer sein als bei der Pen. Das ist aber nicht der Fall. Ganz abgesehen davon, dass die kleine Olympus viel mehr Spielereien zur Bildbearbeitung in ihrer Software enthält, waren die Ergebnisse der Fuji nicht unbedingt hinsichtlich Schärfe und Rauschen, wohl aber in der Farbwiedergabe nicht immer wirklich befriedigend. Wenn man mehr als doppelt so teure Gehäuse aus der X-Serie von Fuji und der OM-D-Baureihe von Olympus zum Vergleich heranzieht, ist zu erkennen: Die X-A5 trennt von den besseren Fujifilm-Kameras wesentlich mehr als die Pen E-PL9 von den Top-Modellen aus dem Hause Olympus.

Sucht man solch ein Einsteigermodell nicht zur Abrundung einer vorhandenen Ausrüstung nach unten, sondern tatsächlich als ersten Einstieg in die Möglichkeiten der Wechseloptiken und eines Systems mit weitaus üppiger ausgestatteten Gehäusen, will die Entscheidung zwischen den beiden Kameras gut überlegt sein.

Quelle: F.A.Z.
Hans-Heinrich Pardey
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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