Herstellung von Nagellack

Schlammfarben für die Finger

Von Dagmar Oberndorfer
 - 17:30
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Sei es auf dem roten Teppich oder den Werbeplakaten der Schmuckhersteller, Nagellack darf als i-Tüpfelchen des eleganten Auftretens nicht fehlen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um knallrote Krallen à la Uma Thurman in Pulp Fiction. Für die moderne Frau sind seit einiger Zeit Schlammfarben Pflicht. „Particulière“ oder „You don’t know Jacques“ nennt die Kosmetikindustrie die Farbtöne. Stars und Sternchen traten damit in der Öffentlichkeit auf und machten biedere Grau- und Brauntöne zum letzten Schrei. Nun schlägt das Pendel zurück, Grün- und Orangetöne sind wieder im Kommen.

Die Herstellung der Nagelzierde ist weniger glamourös. Das zeigt sich schon im Sprachgebrauch der Produzenten. Solange die Farbe noch in Eimern lagert, sprechen sie nicht vom „Lack“, sondern nennen das edle Produkt, fast abwertend, „Bulkware“ oder kurz „Bulk“. Ihre nüchterne Einstellung ist durchaus angebracht. Denn die Lösungsmittel ausdampfenden Lacke sind in großen Mengen nicht ungefährlich. Die Kosmetikhersteller stapeln die Lackbehälter daher in „Ex-Räumen“. Das sind weiß gekachelte Kammern, die mit T-90-Türen verschlossen sind: „Ex“ für Explosion, „T 90“ für 90 Minuten, so lange müssen die schweren Eisenpforten Feuer standhalten. Ein Gitter im Boden mit Auffangwanne darunter, explosionsgeschützte Deckenleuchten und Absaugvorrichtungen vervollständigen das sachliche Interieur.

Der Lack passend zur Kleidung

Die Vielfalt der Farben ist nahezu unüberschaubar, die Favoriten der Damen und einiger Herren hängen jedoch stark von der Mode ab. Rot, dezente Klarlacke und Hautfarben werden immer gern gekauft. Grün, Orange und Blau hingegen kommen und gehen. Das stellt die Kosmetikindustrie vor ein Problem: Die meisten Menschen kaufen Nagellacke passend zur Kleidung. Gut laufen daher Farben, welche die Mode widerspiegeln. Die Kosmetikmarken brauchen aber, wenn sie schnell sind, mehrere Wochen, um eine neue Farbe herauszubringen. Hängen die Kleider schon in den Läden, ist es also zu spät. Die Hersteller müssen vorausahnen, was sich durchsetzen wird. Das sind schwierige Entscheidungen, von denen der Erfolg der Marke abhängt. Deswegen beobachten sie genau, was die Stoff-Industrie auf ihren Messen vorstellt. Denn mit diesen Farben und Mustern entwerfen die Modedesigner ihre Kollektionen.

Wie dort lassen auch die Kosmetikfirmen ihre Kundschaft träumen und sich den schönen Schein bezahlen. Mit einer bekannten Marke versehen, werden für die Fläschchen gerne ein paar Euro mehr ausgegeben. Die innere Güte des Produkts hängt indes vor allem von den Pigmenten ab. Das sind kleine, unlösliche Partikel. Sie schweben fein verteilt im Lack und verleihen ihm Farbe und Deckkraft. Weil sich die Pigmente mit der Zeit teilweise absetzen, geben die Hersteller oft zwei kleine Kugeln in die Fläschchen. Beim Schütteln wirbeln sie die Pigmente wieder auf.

Für intensive, bunte Farben, wie etwa Knallrot, werden organische Verbindungen verwendet. Der Star unter den Pigmenten ist aber das anorganische Titandioxid. Der Alleskönner färbt nicht nur Lacke, sondern auch Zahnpasta, Papier und Wandfarbe strahlend weiß. Eines hat die Farbe am Körper der an der Wand jedoch voraus: den Glitzer. Dazu braucht man eine besondere Zutat, die in der Fachsprache „Effektpigment“ heißt. Im einfachsten Fall sind das winzige Metallflocken. Wie eine Vielzahl von Spiegeln reflektieren sie das Licht. Solche Effektpigmente machen nicht nur aus Nägeln Blickfänger, sondern verschönern oder verschandeln auch Autos und Verpackungen.

Perlglanz aus Fischschuppen

Nagellacke aber sollen nicht nur ordinär glitzern, sondern edel schimmern. Gold- oder Perlglanz wäre dafür ideal. Diese Zutaten sind für ein paar Tage Nagelschmuck aber zu teuer. Früher behalf man sich daher mit einer Substanz, die aus Fischschuppen gewonnen wurde. Heute liefern auch Interferenzpigmente den noblen Glanz. Sie bestehen typischerweise aus Glimmerplättchen, die mit Titandioxid oder Eisenoxid beschichtet sind.

So wichtig sie sein mögen, von der Masse machen Pigmente nur einen kleinen Teil aus. In der Lackherstellung wiegen die Produzenten das Bindemittel und etwas Lösungsmittel ab und verrühren sie kräftig. Dann fügen sie weitere Lösungsmittel, Harze, Weichmacher und Zusatzstoffe bei. Dieser Grundlack lässt sich gut auf Vorrat herstellen. Die Farbe mischen sie dann nach Bedarf hinzu.

Nagellacke sind ein Spezialfall, weil sie auf den Körper aufgetragen werden. Viele Stoffe sind deswegen tabu. Die Substanzen in Autolacken beispielsweise reagieren nach dem Auftragen miteinander. Das macht den Lack kratzfester, doch ist eine solche Reaktion des Nagellacks unerwünscht. Verträglichkeit geht vor, und so splittern die Schichten manchmal schon am nächsten Tag ab. Ein weiterer Grund mangelnder Haftung sind fettige Nägel. Sich die Hände eincremen und danach Nagellack auftragen ist reine Verschwendung, die abhängig von der Marke ganz schön ins Geld geht: Die Produkte kosten teilweise mehr als einen Euro je Milliliter. Und davon sind 70 Prozent Lösungsmittel, die nach dem Auftragen verdampfen.

Was übrig bleibt, besteht zu einem großen Teil aus Nitrocellulose (12 bis 15 Prozent im flüssigen Lack). Sie bildet einen harten, klaren Film, würde allein aber kaum glänzen und schnell abblättern. Deswegen setzen die Hersteller Harze (7 bis 12 Prozent) und Weichmacher (5 bis 7 Prozent) zu. Hilfsstoffe, die das Produkt stabilisieren und vor UV-Strahlung schützen, und Pigmente machen zusammen nur ein bis zwei Prozent aus.

Die Kosmetikmarken lassen liefern

Die Kosmetikfirmen werben mit der Qualität ihrer Lacke. Die Herstellung übernimmt aber kaum eine der großen Marken selbst. Vielmehr kaufen sie die zähe Masse fertig ein, beispielsweise in Italien, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Ihre eigene Rolle beschränkt sich dann darauf, Farbton, Glitzereffekte und andere Eigenschaften mit dem Lieferanten abzusprechen.

Der Marktführer für hochwertige Kosmetik, wie sie in Parfümerien verkauft wird, heißt in Deutschland Artdeco und sitzt in Karlsfeld. Auch er hält wenig von der Eigenproduktion des Nagellacks. Um die Qualität der eintreffenden Lacke zu überprüfen, hat das Unternehmen ein Labor eingerichtet. Der Raum sieht so ähnlich aus wie eine Küche: Spüle, Arbeitsflächen, Hängeschränke - nur ein Herd fehlt. Dafür gibt es reichlich metallverkleidete Messgeräte, braun getönte Flaschen mit verschiedenen Chemikalien und Computermonitore. Eine Laborantin prüft neben der Farbe auch die Dichte der Nagellacke. Daraus kann sie auf die Viskosität schließen, die ein wichtiges Merkmal ist. Denn ist der Lack zu flüssig oder zu fest, lässt er sich schlecht auftragen.

Mit der Freigabe vom Labor kann der Bulk in die Abfüllung. 4,5 bis 5 Millionen Glasbehälter mit Lack verlassen Karlsfeld im Jahr. Der Markt ist groß. Allein in Deutschland wurden 2011 in Parfümerien, Kauf- und Warenhäusern 5,8 Millionen Fläschchen verkauft. Damit wurde ein Umsatz von etwa 42 Millionen Euro erzielt.

Vom Bulkeimer zum Lackfläschchen

Aber wie kommt die Farbe in die Behälter? Das Abfüllen von Nagellack läuft ähnlich ab wie das von Getränken. Die Glasfläschchen fassen freilich statt eines halben oder ganzen Liters nur 5 bis 15 Milliliter, und die Deckel enthalten einen Pinsel. Die großen Maschinen brauchen kaum Hilfe von Menschenhand. Sie erkennen mit Lichtschranken, ob der leere Glasbehälter an Ort und Stelle ist. Dann lassen sie je zwei Metallkügelchen hineinfallen und füllen den Lack ein. Selbst die Verschlüsse werden automatisch aufgereiht, mit dem Pinsel nach unten in die Glasfläschchen gesteckt und zugedreht.

Für 90 Farben im Basissortiment hat Artdeco nur vier große Abfüllanlagen. Die zähen Lacke haften hartnäckig in den Maschinen. Soll erst ein heller und anschließend ein dunklerer Lack eingefüllt werden, genügt es noch, die Maschine mit Lösungsmittel zu spülen. Steht der hellere Lack an zweiter Stelle, müssen die Arbeiter die Anlage zerlegen und die Teile einzeln säubern. Dieser Aufwand lohnt sich nur bei großen Mengen. Wenn, wie bei den Schlammfarben, sich ein Lack besser verkauft als gedacht und die Händler Nachschub bestellen, springt eine zusätzliche, kleinere Anlage an. Mensch und Maschine arbeiten abwechselnd: Ein Arbeiter stellt die leeren Glasbehälter in die Kuhlen des Drehtellers. Für das Befüllen mit Metallkugeln und Lack ist die Maschine zuständig. Von Menschenhand werden die Pinsel, die am Deckel befestigt sind, in den Lack gestellt. Roboterfinger drehen die Verschlüsse zu. Nur leichter Lackgeruch liegt in der Luft. Der stört nicht weiter, außer wenn man auf eine Leiter klettert, um in den großen Behälter zu sehen. Dann steigen einem die Ausdünstungen stechend in die Nase.

Dabei könnte einem der Gedanken kommen, die Verwendung von Nagellack sei möglicherweise nicht gerade gesundheitsfördernd. Tatsächlich leidet, wer sich mit Nagellack verschönert, aber nur selten. Wenn, dann zeigen sich allergische Reaktionen überraschenderweise nicht an den Fingern. Sie treten eher im Gesicht und am Hals auf, an jenen empfindlichen Hautstellen, die wir unbewusst oft berühren. Selbst für Kinder bergen die Lacke meist kein großes Risiko, weil sie in der Regel höchstens den Pinsel ablecken. Dabei nehmen sie glücklicherweise zu wenig auf, um sich zu vergiften. Von technischer Seite gibt es also grünes Licht für modische Schichten. Und der Glamour? Der darf im Auge des Betrachters entstehen.

Quelle: F.A.Z.
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