Hinterreifen

Wirklich unplattbar

Von Hans-Heinrich Pardey
 - 00:15

Es ist zwar nicht alles, manches aber doch schon besser gewesen früher einmal. Am Sonntagnachmittag, die Sonne lacht, also allein hinaus auf dem E-Mountainbike mit ganz leichtem Gepäck. Nach rund sechzig Kilometer Gekraxel und Schotter stiebenden Abfahrten ein schmatzendes Geräusch unter dem Sattel. Oh nein, nicht das, tatsächlich, das Hinterrad hat einen Platten. Wirklich so jwd, wie es nur geht, muss einem das passieren – und überhaupt nichts dabei: kein Handy, kein Werkzeug, bloß den Notgroschen, der hier mitten in der Juchhei jedoch absolut nichts nützt. Das Rad irgendwo anschließen und zu Fuß ein Lastentaxi organisieren, irgendwelche Hilfe holen? Ach, herrliche hessische Waldeinsamkeit! Es wird ein Marsch mit geschobenem Bike daraus von sage und schreibe achtzehn Kilometern, ohne dass einem eine Menschenseele begegnet. Am Ziel wird die Reparatur auf den kommenden Morgen verschoben. Doch der Versuch gerät zur Ernüchterung: Der ordentlich durchgewalkte Reifenmantel lässt sich nicht von der Felge hebeln.

Also zum Händler. Der grinst: „Machen Sie sich nichts draus. Daran sind schon ganz andere gescheitert. Wir haben dafür einen Spezialisten.“ Der macht sich gleich daran, ein Hüne mit viel Kraft in den Händen und Armen. Auch er hat richtig zu kämpfen, knetet den Mantel eine Weile durch, muss drücken und zerren und flucht auf die Felge: „Dabei ist das hier nicht einmal die schlimmste Sorte.“ Befund: Das Schieben hat inwendig den Mantel und äußerlich den Schlauch ruiniert, als ob beides als Radiergummi verwendet worden wäre. Also alles komplett neu bitte. Das Suchen geht los, und des leisen Fluchens ist so schnell kein Ende: „Dass die Kartons aber auch alle gleich aussehen müssen . . .“ Kaum ist der neue Mantel halbwegs auf die Felge gewürgt, noch mal Kommando zurück: „Da muss ja ein 27,5+ drauf!“ All so etwas hätte dem Freiherrn von Drais nicht passieren können. Der ist vor 200 Jahren mit seiner Laufmaschine zu seiner ersten belegbaren Tour aufgebrochen – mit hölzernen Rädern, deren Lauffläche ein Eisenreifen war.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Pardey, Hans-Heinrich (hp./py.)
Hans-Heinrich Pardey
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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