Motor
50 Jahre AMG

Garagenwagen, 50 Jahre, gepflegt

Von Boris Schmidt
© Daimler AG, F.A.S.

Unternehmen entstehen nach reiflicher Überlegung und der Aufstellung eines penibel geprüften Business-Plans? Bitte sehr, hier ist mal wieder eine Gegenbeispiel. Am Anfang von AMG stand ein Ausstieg. Mercedes-Benz hatte sich 1955 nach dem fürchterlichen Unfall in Le Mans aus der Formel 1 zurückgezogen. Tourenwagen immerhin fuhr die Marke bis Mitte der sechziger Jahre noch. Doch dann wurde auch diese Rennserie aufgegeben, und Entwicklungsingenieur Hans Werner Aufrecht, zuständig für die Rennmotoren, sah sich um die Früchte seiner Arbeit gebracht. Vom Motorsport wollte er nicht lassen, er kündigte und gründete kurz entschlossen im Juni 1967 zusammen mit seinem Kollegen Erhard Melcher sein eigenes Unternehmen. Beide waren noch keine 30 Jahre alt.

Der Name für das „Ingenieurbüro – Konstruktion und Entwicklung von Rennmotoren“ mag auf den ersten Blick einfallslos sein, heute ist er unbezahlbar und sogar geschützt: AMG. A für Aufrecht, M für Melcher und G für Großaspach, dem ersten Firmensitz und Wohn- sowie Geburtsort von Aufrecht. Reiner Motorsport ist der Unternehmenszweck, und der Durchbruch gelingt AMG schon 1971 mit einem Klassensieg bei dem 24-Stunden-Rennen in Spa. Aus einem verunfallten Mercedes-Benz 300 SEL 6.3, einer schweren Limousine, hatten sie einen Rennwagen gebaut, dessen Motor Melcher mit leichteren Kolben, größeren Einlassventilen, geänderten Kipphebeln und schärferen Nockenwellen zu Höchstleistungen treibt. Außerdem wird der Hubraum von schon üppigen 6,3 auf 6,8 Liter erhöht. Mehr als 400 PS sind geboten, und der 1,6 Tonnen schwere Wagen fährt den 700 Kilogramm leichteren Rennwagen locker davon.

Die Plakette ...
© Daimler AG, F.A.S.

AMG wird über Nacht bekannt, doch dass sie allein vom Motorsport nicht leben können, wird den Firmengründern schnell klar. Leistungsgesteigerte Versionen von Mercedes-Benz-Serienfahrzeugen werden angeboten und vom Markt gut angenommen, die Motorsport-Aktivitäten ruhen zunächst. 1976 erfolgt ein Umzug von Burgstall, wohin die junge Firma aus der Aufrechtschen Garage gezogen wag, nach Affalterbach, dem heutigen Firmensitz. Dem Großraum Stuttgart ist das Unternehmen seit jeher treu.

Dass die Leistungssteigerung auch zu sehen sein muss, wird Aufrecht und Melcher erst nach und nach klar. Mit schwarz beschichteten oder lackierten Zierteilen fängt es an. Heute macht das „optische Tuning“ einen großen Teil des Umsatzes aus, AMG-Styling-Kits sind gefragt. 1982 erfolgt die Rückkehr in den Motorsport, 1988 unterstützt dann Mercedes-Benz die kleine Firma AMG zum ersten Mal offiziell, zu einer Kooperation kommt es 1990. Der Mercedes-Benz C 36 AMG drei Jahre später ist das erste Fahrzeug aus dieser Zusammenarbeit. Mehr als 5000 Einheiten werden verkauft. 1999 übernimmt Daimler-Chrysler – wir erinnern uns an die „Hochzeit im Himmel“ – 51 Prozent der AMG-Anteile, die Daimler AG erwirbt 2005 schließlich AMG vollständig. Ein Zukauf, der sich gewiss gelohnt hat, für Daimler und die Herren Aufrecht und Melcher, die heute beide Ende 70 sind.

1500 Mitarbeiter stehen in Lohn und Brot

Im Jahre 2017 ist AMG längst ein wesentlicher Bestandteil der Mercedes-DNA. Von fast jedem Modell gibt es eine AMG-Version, dazu kommen die eigenständigen GT-Modelle, für die es kein Vorbild im Mercedes-Portfolio gibt. Die drei Buchstaben stehen heute für eine ziemlich eigenständige Tochter. In Affalterbach sitzen Geschäftsführung, Verwaltung, Vertrieb, Entwicklung, Design und die Motorenproduktion. 1500 Mitarbeiter stehen in Lohn und Brot. Der oberste AMG-Mitarbeiter, zurzeit ist das Tobias Moers, hat schon deswegen eine besondere Position, weil schon die Daimler-Vorstände Wolfgang Bernhard, Hubertus Troska und Ola Källenius AMG-Chefs waren.

Mal sehen, wie weit es Moers noch bringt. Weniger bekannt ist, dass AMG-Motoren auch in Kölleda (Vierzylinder) und in Mannheim (V12) gebaut werden. Alle AMG-Fahrzuege heißen seit geraumer Zeit offiziell Mercedes-AMG und nicht mehr Mercedes-Benz mit der Bezeichnung AMG als Suffix, also zum Beispiel Mercedes-AMG S 63 für die getunte S-Klasse.

Auf diese Besonderheit sind sie stolz in Affalterbach

Im Gegensatz zu früher bestückt AMG aber eben nicht nur die Oberklasse oder die Sportwagen aus Stuttgart mit seinen Motoren, selbst in der kleinen A-Klasse arbeitet ein echtes AMG-Triebwerk. Diese Vierzylinder-, Achtzylinder- und Zwölfzylinder-Motoren (45-er, 63-er und 65-er-Modelle) sowie jene für den lupenreinen Sportwagen AMG GT werden nach dem „Ein-Mann-ein-Motor-Prinzip“ gebaut. Auf diese Besonderheit sind sie stolz in Affalterbach, und es ist in der Tat eine Art Alleinstellungsmerkmal.

Bei dieser Bauweise im Manufaktur-Stil ist ein einzelner, bestimmter Mechatroniker für alle Montageschritte zuständig, vom Einbau der Kurbelwelle in den Motorblock über die Montage der Nockenwellen bis hin zur Verkabelung und Befüllung mit Motoröl. Der Motorenbauer unterschreibt höchstpersönlich auf einer Plakette, die an den Motor kommt. Doch nicht alle AMG-Triebwerke sind „Einzelstücke“. Bei den Motoren für die Einstiegsmodelle in die AMG-Welt, den 43-ern, handelt es sich um eine spezifische Weiterentwicklung des Sechszylinder-Serienmotors von Mercedes-Benz.

Die Modellpalette wird ständig ausgeweitet

Nicht nur wegen des hohen Absatzes, der sich seit 2013 verdreifacht hat, wird AMG immer wichtiger im Daimler-Konzern. Seit 2009 gibt es, wie schon erwähnt, eigenständige AMG-Modelle, die kein Mercedes-Pendant als Unterbau haben. Damals erschien der SLS, der mit seinen Flügeltüren eine Hommage an den legendären SL aus den 1950er Jahren war. Heute ist der AMG GT, der trotz seiner hohen Preise ab 117.280 Euro schon ein Stück näher am Kunden als der SLS ist, ein wichtiger Faktor für AMG. 2015 kam er auf den Markt, und die Modellpalette wird ständig ausgeweitet.

Neu ist der Roadster, dessen Verdeck in elf Sekunden öffnet. Das zweisitzige Coupé gibt es in drei Varianten mit 476, 522 oder 585 PS, alle werden von einem 4,0-Liter-V8-Biturbo-Motor angetrieben. Das Spitzenmodell GT R kostet 164.410 Euro. Für den nagelneuen Roadster steht eine weitere Motorvariante bereit, die es auf 557 PS bringt. Man sieht schon, Leistung zählt. Und sie hat ihren Preis. Der AMG GT C Roadster kommt für 160.650 Euro in die heimische Garage. Zu den Besonderheiten des GT gehören die Transaxle-Bauweise mit dem Getriebe direkt an der Hinterachse und mitlenkende Hinterräder, die sich bei niedrigen Geschwindigkeiten gegenläufig und bei höheren in Fahrtrichtung drehen.

Wohin die stärkeren Modelle zielen, ist offensichtlich. Der GT ist zum Gegner des Porsche 911 avanciert, noch aber führt der Altmeister nach Punkten mehr als deutlich: In Deutschland standen 2016 mehr als 9000 verkaufte Elfer exakt 1300 AMG GT gegenüber. Dafür hat der AMG GT hausintern dem guten alten Mercedes-Benz SL den Rang abgelaufen. Der kam im vergangenen Jahr nur noch auf 741 Neuzulassungen. Insgesamt hat AMG 2016 fast 100.000 Autos verkauft, im Vergleich mit 2015 war das eine Steigerung um 44 Prozent.

In naher Zukunft wird die AMG-Modellpalette abermals ausgeweitet. Auf dem Genfer Automobilsalon im März wurde der GT Concept gezeigt, der 2018 in den Schaufenstern der Händler stehen soll. Er werde zwar nicht vollkommen eigenständig sein, aber viel spezifische Technik aufbieten, verspricht AMG-Chef Moers. Basis dürfte der Mercedes-Benz CLS werden. Auch hier wird wohl der 4,0-Liter-Biturbo-V8 mit dann wahrscheinlich gut 600 PS zum Einsatz kommen. Allradantrieb soll für noch für mehr Traktion sorgen, und ein Elektromotor, der die Hinterachse antreibt, weist in die Zukunft auch von Hochleistungsautos. Langfristig wird der Einsatz von Hybridtechnik selbst bei AMG nicht zu vermeiden sein, um den immer strengeren Abgasgesetzen Folge leisten zu können. Dass AMG sich diesem Feld öffnet, hat das Unternehmen mit dem vollelektrischen SLS einst bewiesen. Damit nicht genug: Für 2019 ist ein, kleiner geht es in de Namensgebung offenbar nicht, Hyper Car angekündigt, mit dem AMG dem Bugatti Chiron die Stirn bieten will. Die Rede ist von mehr als 1000 PS und dem ersten für die öffentliche Straßen zugelassenen Sportwagen mit lupenreiner Formel-1-Technik. Schon im September dieses Jahres kommen der Mercedes-AMG GLC 63 als SUV und Coupé mit dem Achtzylinder-Biturbo in zwei Leistungsstufe: 476 oder 510 PS. Die Neulinge werden in wenigen Tagen auf der New York Auto Show präsentiert. Im Juni folgt die Verkaufsfreigabe.

Der Griff nach den Sternen will freilich unterfüttert sein mit soliden Verkaufsanstrengungen. Die meisten Autos gehen bislang nach Deutschland, Nordamerika und China. Mehr als 400 Performance Center in 40 Ländern sollen den Absatz weiter ankurbeln. Sie sind nach dem Shop-im-Shop-Prinzip in Mercedes-Benz-Autohäuser integriert, außerdem gibt es eigenständige AMG-Betriebe in Australien und seit Januar auch in Tokio. Das Konzept soll ausgeweitet werden. Wann es den ersten eigenen AMG-Händler in Deutschland gibt, ist noch offen. Es soll keine 50 Jahre mehr dauern.

Quelle: F.A.S.
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