Marlis Otto und ihr Golf

Vom Autofahren mit 92

Von Walter Wille
 - 17:21
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Wie viele PS ihr VW Golf Plus hat, weiß sie nicht. Unwichtig. Doch die hohen Sitze des Wagens weiß sie zu schätzen, die vereinfachen das Ein- und Aussteigen enorm. Dabei denkt Marlis Otto gar nicht an sich selbst. „Ich komme noch in jedes Auto hinein.“ Aber die anderen in ihrem Bekanntenkreis sind weniger beweglich, zumindest die ungefähr Gleichaltrigen. Die nimmt sie mit in die Ausstellung, ins Theater, ins Café, ins Museum. Sie ist die Fahrerin, immer. Die Einzige, die noch fährt. Mit 92.

Marlis Otto fährt nicht wenig. In zehn Jahren hat ihr Golf Plus, graumetallic und tipptopp gepflegt, 75.000 Kilometer gesammelt. Kilometer von der echten Sorte überwiegend, weniger solche, die Autos älterer Besitzer häufig absolvieren: Einkauf, Arztbesuch, Grabpflege, stets auf vertrauten Wegen, bloß nicht im Dunkeln, weil Augen, Gehör und Reaktionen nachlassen. Für Menschen, die noch Auto fahren, obwohl sie es eigentlich nicht mehr können, hat Marlis Otto kein Verständnis.

Ihr Golf geht weite Wege. Einmal im Jahr rollt er Richtung Klappholttal auf Sylt, von der Wohnung in Neu-Isenburg bei Frankfurt aus knapp 800 Kilometer entfernt. 400 Kilometer, ein Klacks dagegen, sind es zur Halbinsel Mettnau am Bodensee. Dort gönnt sich Marlis Otto jedes Jahr eine mehrwöchige Aktivkur mit Entspannung und Fitnessprogramm. Freunde und Verwandte besucht sie mit ihrem Golf überall in Deutschland, auch das Elternhaus in Wuppertal. Dort lebt ihr „kleiner Bruder“. Der ist jetzt 82.

Auch auf zwei Rädern noch sicher unterwegs

Daheim in Neu-Isenburg nutzt sie das Auto nur dann, wenn es nicht zu vermeiden ist. Alles, was sich mit dem Fahrrad erledigen lässt, erledigt sie mit dem Fahrrad, auch das Einkaufen. Der Tag vor unserem Treffen war ein stürmischer Tag. „Der Wind hätte mich fast vom Rad geweht“, erzählt Marlis Otto, wahrscheinlich ohne Übertreibung, zierlich, wie sie ist. Sie fährt viel Fahrrad. Mit 92.

An diesem Montag im Mai soll es nach Freiburg gehen. Dort möchte Marlis Otto eine Klassenkameradin besuchen, die mittlerweile im Altersheim wohnt. Ohne zu zögern hatte sie zugestimmt, als wir gefragt hatten, ob wir sie auf dem Beifahrersitz begleiten dürfen, um einen Artikel zu schreiben. Autofahren mit 92, Zeitung, Artikel – das hatte sie keineswegs misstrauisch gemacht. Marlis Otto ist entwaffnend freundlich und liebenswürdig, hat gern Menschen um sich, freut sich über Gesellschaft. Gern nimmt sie Anhalter mit. „Es ist allerdings zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal welche gefunden habe.“

Die hohen Sitze des Golf Plus machen einem das Einsteigen wirklich leicht. Marlis Otto hat ihr Ziel in Freiburg schon im Navi programmiert. Das Garmin-Gerät liegt auf der Mittelkonsole hinterm Handbremshebel, verkabelt mit der Strombuchse, und ist auf volle Lautstärke gestellt, trotz der Hörgeräte. Niemals blickt sie unterwegs auf den Bildschirm („Ich schaue immer auf die Straße“), lässt sich allein von den Sprachhinweisen führen. Bisher hat das immer funktioniert, wie sie erzählt, mit einer Ausnahme. Auf dem Weg zu Bekannten in Braunschweig, als die Route wegen Verkehrsbehinderungen ständig neu berechnet und die Sache zunehmend konfus wurde, stand sie in freier Landschaft vor einer Feldscheune, als das Gerät plötzlich meldete: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Heute lacht Marlis Otto darüber.

Geprüfte Fahrtauglichkeit

„Zwei Stunden vierzig“, prognostiziert das Garmin für die Fahrt nach Freiburg. Marlis Otto checkt noch mal kurz ihr Smartphone, startet wie verabredet um 9 Uhr den Motor, tritt die Kupplung, legt den Gang ein, blickt um sich, setzt den Blinker, lässt die Kupplung kommen, gibt dosiert Gas. Unspektakulär beginnt die Reise. Hinter der Stadtgrenze Neu-Isenburgs ist rasch die Schnellstraße erreicht, die auf die A5 in Richtung Süden führt. Kein Problem so weit. Das Problem befindet sich auf dem Beifahrersitz.

Dort muss der Passagier sich zusammenreißen, nicht „Achtung“ oder „Vorsicht“ zu sagen. Mit ihrer schicken Kurzhaarfrisur, der sportlichen Kleidung – blauer Pulli, rote Hose, weiße Sneaker – mag die hellwache Dame am Lenker wesentlich jünger wirken. Aber sie ist nun mal 92, wie ihr Passagier weiß. So unterläuft ihm auf dem Beifahrersitz hin und wieder die Unschicklichkeit des Mitbremsens.

Irgendwann war Marlis Otto die immergleichen erstaunten Nachfragen leid: Was, du in deinem Alter fährst noch Auto? Sogar allein in den Urlaub? So meldete sie sich schließlich vorigen August zum „Fahr-Fitness-Check“ des ADAC an. „Ich habe gespürt, dass ich das noch kann, und wollte mir das von einer anderen Person bestätigen lassen.“ Anderthalb Stunden lang ließ sich ein Fahrlehrer von Marlis Otto durchs Rhein-Main-Gebiet chauffieren. Auf der Teilnehmerurkunde – Gebühr 37 Euro – wurden Punkte wie Beweglichkeit, Reaktionsvermögen, Beobachtung des Verkehrs, Geschwindigkeit, Verkehrsregeln und Bedienungselemente abgehakt. Marlis Otto bekam ausschließlich Smileys.

Sonntags sind die unterwegs, die sonst nicht fahren

Ein Blumenkübel fügte ihrem Golf die einzige Schramme zu, ganz am Anfang, als er noch fast neu war. In einem Regenguss wollte Marlis Otto ihre Mitfahrerinnen so aussteigen lassen, dass sie nicht nass werden sollten, manövrierte den Wagen deswegen zu dicht an den Straßenrand heran. Ihr letztes Bußgeld stammt noch aus D-Mark-Zeiten, 39 km/h in der Tempo-30-Zone, auf dem Weg zu ihrem Garten, an einem Sonntag. Sonntags fährt sie ohnehin ungern. „Da merkt man, dass Leute unterwegs sind, die sonst nicht fahren.“

Als sie ihren Führerschein erwarb, 1951, war das Autofahren noch eine „Männerdomäne“. Marlis Otto fährt zügig, überwiegend um die 130, meistens mit beiden Händen am Steuer, ordnet sich nach dem Überholen stets wieder nach rechts ein. Mittelspurschleicher sind ihr ein Graus. Bei jedem Spurwechsel setzt sie den Blinker, hält genügend, aber nicht zu viel Abstand, führt den Golf-Plus unverkrampft, nimmt Kurven rund und nicht eckig, genießt das Fahren angeregt plaudernd, erzählend, fragend, zuhörend, und bald ist vergessen, dass auch hier gerade so eine Art Fahr-Fitness-Check stattfindet. Bis vor zwei Jahren fuhr sie noch Ski – Abfahrt, nicht Langlauf – und würde es auch gern wieder tun, wenn sie Begleitung fände. Allein auf der Piste wäre okay, aber abends allein im Hotel, das wäre nichts für sie. Als sie auf der linken Spur an einem tiefergelegten Audi vorbeizieht, schauen die beiden jungen Kerle darin herüber. „Ui“, sagt Marlis Otto beim Kontrollblick auf den Tacho, „wir fahren gerade 160.“

Albert, ihr Mann, starb 1988. Erst kurz zuvor hatte Marlis Otto sich im Alter von 60 frühzeitig pensionieren lassen, um noch ein paar schöne Jahre mit ihm verbringen zu können. Als Kriegsfotograf war Albert, etliche Jahre älter und von Beruf Graphiker, mit der Leica an allen Fronten eingesetzt gewesen. Marlis, damals mit Nachnamen Wilhelm, musste zum BDM, zum Arbeitsdienst, dann zur Fernsprechvermittlung nach Holland, schließlich als Funkerin ins Siegerland, wo sie lernte, Einmannlöcher zu graben und Tieffliegerbeschuss zu fürchten. Von wegen Siegerland.

Keinen Sinn für Automatik

Im Wiederaufbau der Nachkriegszeit nahm Marlis Otto eine Bürostelle an, was ihr als Leistungsturnerin mit Bewegungsdrang eigentlich nicht zusagte, aber ermöglichte, auf eine Vespa hin zu sparen. Dann heiratete sie nach Frankfurt und verwendete das Ersparte für eine Nähmaschine. Viel später wurde sie Grundschullehrerin. Das Studium begann sie mit 40, Manfred und Andreas, die beiden Söhne, waren da schon zehn und elf. Beide wurden Architekten, und als neulich das Navi-Gerät nach einem Software-Update verlangte, erledigte Manfred das für seine Mutter.

„Wie eine Nähmaschine“ lief das erste Auto der Familie, ein DAF von 1970, je ein Vorwärts- und ein Rückwärtsgang. Der DAF, ein komisches Fahrzeug, war damals recht verbreitet, und jeder, der einen besaß, schien sich dafür zu genieren. Es folgte ein VW Golf Automatik, „ein schreckliches Auto, das nie ansprang“. Trotzdem war jedes weitere Auto ein Golf, nicht zuletzt wegen der nahegelegenen Werkstatt („Da bin ich bekannt“), mit der Marlis Otto stets zufrieden war. Bloß ein Automatik-Wagen sollte nie wieder ins Haus kommen. „Das Schalten erledigt man selbst automatisch!“

Südlich von Karlsruhe wird eine Rast eingelegt. Marlis Otto öffnet den Kofferraum, wo drei Gepäckstücke akkurat nebeneinander plaziert sind, die Walkingstöcke obenauf. An die hochschwingende Klappe kommt sie so gerade eben heran, zierlich, wie sie ist. Getränke, etwas Obst, ein paar Brote hat sie für längere Entfernungen immer dabei, zudem ein Kissen und eine Decke. „Wenn ich merke, dass die Augen müde werden, halte ich an und schlafe eine Viertelstunde.“ Beim Verlassen des Parkplatzes touchiert sie mit dem rechten Vorderrad den Bordstein. Aber nur, weil sie für ein Foto zweimal hin und her fahren soll. Kurz darauf folgt eine kilometerlange Baustellendurchfahrt, die sie beim Fahren nicht aus der Ruhe und beim Erzählen nicht aus dem Takt bringt.

Den Krebs besiegt, das Bundesverdienstkreuz erhalten

Autofahren, antwortet Marlis Otto auf die Frage, warum sie nicht aufhöre damit, bedeute ihr Freiheit und Unabhängigkeit. Es sei ein großes Geschenk, dass sie es immer noch könne. „Sich immer nur im kleinen, unmittelbaren Umkreis bewegen – das wäre mir zu langweilig. Ich bin ein ziemlich aktiver Mensch, der immer alles gleich und spontan machen will.“ Marlis Otto sprüht vor Begeisterungsfähigkeit und Lebenslust und sagt: „Es gibt so viele Menschen, die im Alter allein sind, keinen Anschluss finden.“

Nach dem Ende des Schuldienstes, dem Tod ihres Mannes, dem Überstehen einer Krebserkrankung suchte sie eine sinnvolle Beschäftigung – und gründete in Neu-Isenburg einen Verein zur Vermittlung und Fortbildung von Tagesmüttern und Babysittern. „Das war abenteuerlich. Ich hatte von nix eine Ahnung und kein Geld. Aber ich fand eine Aufgabe, mit der ich vielen Menschen helfen konnte.“ Bis zum Alter von 85 blieb sie Vorsitzende des Vereins, dessen Ehrenvorsitzende sie heute ist. Auf das Bundesverdienstkreuz und den Ehrenbrief des Landes Hessen ist sie stolz.

Marlis Otto lenkt den Golf ins Zentrum Freiburgs hinein, das sie nicht kennt, was man merkt, was wiederum dazu führt, dass der Beifahrer doch wieder gelegentlich mitbremst. Er steigt aus, um die Rückreise mit dem Zug anzutreten, winkt hinterher, als seine Fahrerin davon düst, die einen solchen Elan hat, dass man sich in ihrer Gegenwart ganz alt fühlen kann, auch wenn man viel jünger ist.

Vielleicht gibt es ja bald ein Wiedersehen. Auf das Angebot ihres Passagiers, sie könne gern mal dessen Vespa fahren, hatte sie ganz begeistert reagiert: „Au ja, das machen wir!“ Egal, wie viele PS.

Quelle: F.A.S.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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