<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Cigarette 41’SD GT3

Wolle mer’n auf’n Rhoi losse?

Von Dieter Wanke
 - 15:37
zur Bildergalerie

Auf dem Wasser geht es nicht so schnell zu wie auf der Straße. Das nasse Element bietet einfach zu viel Widerstand. Relativieren lässt sich das mit Leistung. Die 2200 PS (1640 kW) der Cigarette 41’SD GT3 sollen den Flitzer zum schnellsten Konsolenboot der Welt machen. Ob das stimmt, konnten wir ausprobieren.

Das Cigarette Racing Team bei Miami in Florida kann auf eine ähnlich erfolgreiche Renngeschichte im Bootssport zurückblicken wie die Mercedes-Tochtergesellschaft AMG im Motorsport. Das führte zu einer Allianz der Marken. Von den rennfertigen AMG-Modellen inspiriert, gibt es regelmäßig Sondermodelle von Cigarette. Dazu gehört auch die 41’SD GT3. Der Zusatz GT3 verrät, dass es sich um eine vom Mercedes-AMG GT3 inspirierte Version im Renntrimm handelt.

So spektakulär wie die Boote ist auch die Firmengeschichte. Don Aronow hatte 1959 genug von seinem Baugeschäft und wollte sich zur Ruhe setzen. Immerhin war er im taufrischen Alter von nur 32 Jahren zum Multimillionär geworden. Also zog er ins warme Florida, um sich seinem Hobby zu widmen, dem Fahren von Bootsrennen. Die Boote baute er selbst. Die 1962 gegründete Firma Formula Marine wurde nach ersten Erfolgen schnell verkauft. 1964 gründete er Donzi Marine, um die Werft ein Jahr später ebenfalls zu verkaufen. Mit der nächsten Gründung Magnum Marine gelangen ihm zwei Weltmeisterschaften. Natürlich wurde auch dieser Laden wieder versilbert. Allerdings mit einer Klausel im Vertrag, dass Aronow nicht sofort mit dem Bootsbau weitermachen darf. Daran hielt er sich nicht. Zur Tarnung nutzte er die Werft von Elton Carry und begann sofort mit seiner nächsten Konstruktion, mit der er den zweiten Weltmeistertitel innerhalb von drei Jahren holte. Als er 1970 offiziell wieder Boote bauen durfte, gründete er das Cigarette Racing Team.

Ein großer Wurf gelang mit dem Rennkatamaran Blue Thunder. Das Boot gefiel auch dem amerikanischen Zoll. Die Staatsdiener sollten damit Drogenschmuggler jagen, denn die waren mit ihren schnellen Booten kaum zu schnappen – die Ganoven waren in Cigarettes unterwegs. Die konträren Geschäftsinteressen der beiden Kundengruppen blieben nicht ohne Folgen. Am 3. Februar 1987 wurde Aronow in seinem Auto in Miami von Kriminellen erschossen. Das Cigarette Racing Team überlebte bis heute. In Deutschland kümmert sich Alfred Zurhausen mit seiner Marine-Partner-Network GmbH & Co KG gleich um zwei ehemalige Marken des Unternehmers. Neben den Booten von Cigarette ist hier auch seine erste Marke Formula im Programm.

Von der schnittigen Linienführung und auffälligen Lackierung einmal abgesehen, wirkt die Cigarette 41’SD GT3 ganz harmlos. Dass der Flitzer vor Kraft kaum laufen kann, sieht man ihm auf den ersten Blick kaum an. Auch die Ausstattung ist wenig spektakulär. Das Teakdeck wird über ein Tor steuerbord betreten. Elegant sind die Sitzgelegenheiten in Form einer nach achtern ausgerichteten sowie einer nach vorne orientierten Sitzbank, die unmittelbar vor der Sonnenliege im Heck plaziert ist. Ein Element, das man auf solch einem Renner nicht erwartet. Unter dem Liegepolster verbergen sich die Motoren. Markante seitliche Öffnungen zur Belüftung deuten darauf hin, dass die Benziner hier ihren Frischluftbedarf decken und die Wärme entweichen kann. Eine Badeplattform fehlt. Spätestens hier wird klar, dass man es nicht mit einem Freizeitboot zu tun hat.

Die Kommandozentrale des Flitzers befindet sich unter der markanten Überdachung. Hier ist sofort sichtbar, dass unter dem harmlosen Gewand feinste Technik schlummert. Der Steuerstand mit drei Garmin-Multifunktionsdisplays und zahlreichen Kippschaltern zur Kontrolle aller Funktionen wirkt eher wie das Cockpit eines Düsenjets. Anders als im Jet dürfen auf den drei Einzelsitzen mit durchgehender Sitzfläche neben dem Piloten noch zwei Beifahrer Platz nehmen. Eine Überraschung gibt es hinter einer Tür in der Konsole an Backbord. Dahinter verbirgt sich eine Kabine. Zwar mit bescheidenen Abmessungen, aber es gibt eine Doppelkoje, eine elektrische Toilette und ein Waschbecken. Genug für eine spontane Übernachtung. Im Bug folgen eine weitere Liegefläche und eine Sitzgruppe. Erstaunlich viel Komfort bei bester Verarbeitungsqualität also.

Zeit für einen Blick in den Motorraum. Das Auge fällt auf edle Technik aus dem Sortiment von Mercury Racing. Montiert sind zwei 90-Grad-V8-Alumotoren mit je 9 Liter Hubraum. Die Zylinderköpfe sind mit zwei obenliegenden Nockenwellen samt Vierventiltechnik ausgestattet und werden über wassergekühlte Doppelturbolader zwangsbeatmet. Die 2200 PS gelangen über zwei M6-Z-Antriebe mittels Oberflächenpropellern ins Wasser.

Die Betätigung der Anlasser wird mit kräftigem Geblubber quittiert. Mit dem ersten Hebel der Schaltung werden nur die Gänge eingelegt. Im Standgas bewegen wir uns – abgesehen von der Geräuschkulisse – dezent zur Hafenausfahrt. Im Rhein angekommen, kann’s dann los gehen. Der Spaß beginnt aber erst, nachdem die Gleitfahrt erreicht ist, und das geht nur durch sehr vorsichtiges Gasgeben bei gleichzeitigem Nachtrimmen. Ohne entsprechendes Fingerspitzengefühl passiert nicht viel. Wer vermeidet, dass die Propeller Luft ziehen, erreicht bei 2300 Umdrehungen und flotten 26,2 Knoten die stabile Gleitfahrt.

Erst jetzt können die Hebel hemmungslos auf den Tisch gelegt werden. Das resultiert nicht nur in vehementer Beschleunigung. Die Geräuschkulisse entwickelt sich zu einem Inferno, das einem startenden Düsenjet nahekommt. Das Beschleunigungsverhalten unterstützt den Eindruck. Der Rhein wird mit seinen Frachtern schnell zu einem engen Slalomkurs. Bald stehen die Drehzahlmesser auf 6200 Umdrehungen. Damit schaffen wir 165,4 km/h, was 89,3 Knoten entspricht, und verpassen nur knapp den Rekordwert von 167 km/h, den die Cigarette 41’SD GT3 bereits geknackt hat. Obwohl der breite Strom dabei wie ein schmales Rinnsal erscheint, liegt das Boot ruhig im Wasser. Der tiefe V-Rumpf gräbt sich wie auf Schienen durch sein Element. Ein Fahrgefühl fast wie auf der Betonoberfläche einer Autobahn. Die Heckwellen der Frachter, die wir wie eine Perlenkette umschiffen, verursachen nur ein leichtes Rütteln.

Wer sich den Spaß selbst gönnen will, der sollte über ein prall gefülltes Sparschwein verfügen. Rund 1,5 Millionen Euro sind für den Flitzer anzusparen. Auch der Betrieb ist nicht billig, denn der 1325-Liter-Tank will regelmäßig gefüllt werden. Wem das Boot gefällt, aber die gemächliche Gangart ausreicht, der kann zwischen drei weiteren Mercury-Racing-Benzinern oder zwei Mercury-TDI-370-Dieseln wählen. Damit stehen dann immer noch 544 kW (740 PS) zur Verfügung, die wohl für die meisten Ansprüche genügen werden.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFloridaMiamiSD