Roadtrip durch Alaska

Auf dem Highway ist der Bär los

Von Martin Häußermann
 - 16:41
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In Kanada ist vieles etwas größer. Zum Beispiel die Wohnmobile. Ehrfürchtig stehen wir vor einem Truck-Camper, also einen Pick-up mit aufgesetzter Wohnkabine. Der ist knapp vier Meter hoch, 2,50 Meter breit und gut sieben Meter lang. Zulässiges Gesamtgewicht: knapp über fünf Tonnen. In Nordamerika gelten solche Camper als kompakt. Groß sind hier Mobile auf Omnibus-Chassis oder wohnlich ausgestattete Sattelzüge, die vornehmlich amerikanischen Ruheständlern ein zweites - für manche auch erstes - Zuhause bieten. Angesichts breiter Straßen und entsprechender Infrastruktur mit Rast- und Campingplätzen, durch die man buchstäblich durchfahren kann, lassen sich auch solche Dickschiffe dort problemlos handhaben.

Wer also gerne viel Platz hat, mietet sich einfach ein größeres Wohnmobil. Jüngere Inhaber des Auto-Führerscheins müssen sich keine Sorgen machen: Die Kanadier kennen im Gegensatz zu Europa keine 3,5-Tonnen-Grenze. Wer in Deutschland Auto fahren darf und mindestens 21 Jahre alt ist, darf über dem großen Teich auch die ziemlich großen Kisten legal bewegen. Und das ist schon im Wortsinne ein erhebendes Erlebnis, denn in diese Wohnmobile steigt man nicht ein, hier steigt man auf. Und auch die Anmietung ist kein Hexenwerk. Gebucht wird im Regelfall zu Hause, entweder klassisch übers Reisebüro oder direkt über einen auf Nordamerika spezialisierten Reiseveranstalter wie Canusa oder CRD International – oder noch direkter online bei einem der großen kanadischen Vermieter wie Fraserway, Canadream oder Cruise Canada.

Der Alaska Highway ist eines der geschichtsträchtigen Ziele, die es sich lohnt, unter die Räder zu nehmen. Unsere Tour startet in Delta nahe Vancouver auf dem Hof eines Vermieters, der uns zuvor vom Hotel abgeholt hatte. Auch weil die erste Nacht nach einem Kontinentalflug meist nur bedingt erholsam ist, sollte man nicht gleich nach der Landung mit Jetlag ins Mietfahrzeug steigen. Der Vermieter Fraserway hätte das zudem nicht zugelassen.

Ein Truck-Camper bietet sich vor allem dann an, wenn auch rechts und links vom Highway abgebogen werden soll. Und da sind die Straßen oft unbefestigt. Von besseren Feldwegen spricht Holger Bergold, ein Touristiker mit reichlich Kanada-Erfahrung aus Frankfurt, und meint diese Schotterstraßen, auf denen ein Allradantrieb nicht von Nachteil ist. Den bringt die Basis unseres Wohnmobils mit. Es ist ein F 350 von Ford, dem bevorzugten Basisfahrzeuglieferanten des kanadischen Wohnmobilherstellers Adventurer, standesgemäß angetrieben von einem V8-Turbodiesel mit 6,7 Liter Hubraum. Wie zu erwarten, geht der Dieselkonsum ins Geld. Weniger als 20 Liter Diesel auf 100 Kilometer sind kaum möglich.

Sei’s drum. Für den Transport der großen Kabine, die zwei Personen ein kommodes Urlaubsdomizil bietet, taugt der F 350 prima. Der Federungskomfort ist ziemlich tadellos, und ins Wanken kommt die Kombination auch bei flotter Fahrweise – was in Kanada eben so als flott gilt – auch nicht. Das Tempolimit ist 100 km/h, oft auch 80 km/h, die Kanadier fahren sehr zurückhaltend oder auch defensiv.

Während der Fahrt hat man Ruhe

Zurück zum Wohnmobil: Wie bei dieser Fahrzeuggattung üblich, sind Kabine und Wohnraum vollkommen getrennt. Das hat Vor- und Nachteile. Um etwa an den Kühlschrank zu kommen oder bei einem Zwischenstopp schnell mal eine Jacke zu holen, muss man raus aus der Blechkiste, hinten die Treppe runterklappen und den Slideout bewegen. Der elektrisch ausfahrbare Erker (Slide-out), der eine angenehme Vergrößerung des Wohnraums auf dem Campingplatz bietet, versperrt im Fahrmodus den Zugang in selbigen. Dafür hat man während der Fahrt Ruhe, das Besteck in der Schublade und das Geschirr im Schrank klappern vor sich hin, ohne uns zu nerven. Was allerdings auch zu einer gewissen Nachlässigkeit beim Stauen zerbrechlicher Güter führt. Nicht alles kam unbeschadet bis ins Ziel.

Am Start geht alles reibungslos. Die Einweisung dauert rund eine halbe Stunde, erklärt wird die komplette Fahrzeug- und Bordtechnik. Mieter, die ihren englischen Sprachkenntnissen nicht ganz trauen, bekommen eigentlich bei jedem großen Vermieter auch eine Einführung in deutscher Sprache. Dazu werden junge Saisonkräfte, meist Studenten, aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigt. Das Ehepaar nebenan, dass sich für ein siebeneinhalb Meter langes Alkovenmobil entschieden hat, ist dafür durchaus dankbar. Siggi und Angela kommen aus Schleswig-Holstein, wir treffen sie auf unserer Reise immer mal wieder. Obwohl Siggi ein eigenes Wohnmobil besitzt, hört er aufmerksam zu: „Die Technik funktioniert schon ein bisschen anders als zu Hause. Aber wenn man nicht gerade zwei linke Hände hat, kriegt man das gut in den Griff. Und wenn es mal gar nicht klappt, fragt man einfach dem Nachbarn auf dem Campingplatz. Camper helfen sich immer.“

Die Ausstattung von kanadischen Mietmobilen ist erfreulich vollständig, wie wir bei der Übergabe des Fahrzeugs erfahren. Klappstühle sind ebenso an Bord wie eine Axt, mit der man das Holz für das abendliche Lagerfeuer spaltet. Notfalls würde sie vielleicht zur Verteidigung gegen Bären helfen, wenn man sie denn nur rechtzeitig zur Hand hat. Bären sieht man auf dieser Strecke eigentlich immer, sagt uns Kanada-Profi Bergold. Ende Mai, Anfang Juni tauchen sie vermehrt auf. Da endet die Winterruhe der Grizzlys und Schwarzbären, die sich erst an ihrem Salatbuffet am Straßenrand bedienen, bevor sie auf die Jagd nach Lachsen oder Hirschen gehen. Dennoch ist es absolut ratsam, die Bären ausschließlich aus dem geschlossenen Fahrzeug heraus zu beobachten. Schließlich beschleunigt ein Bär, wenn er sich bedroht fühlt, so schnell wie ein ordentliches Motorrad. Eine direkte Konfrontation gilt es auf jeden Fall zu vermeiden.

1942 ordnete Präsident Roosevelt den Bau an

Die Bären sind dort zu Hause, wo vor 75 Jahren mehr als 10 000 amerikanische Soldaten eine Straße quer durch die kanadische Wildnis bauten, um ihren nördlichsten Bundesstaat auf dem Landweg erreichen zu können, den Alaska Highway. Auslöser war der Luftangriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941. Da wurde den Amerikanern und Kanadiern schmerzlich bewusst, dass der Norden ihres Kontinents militärisch ziemlich schutzlos war. Das beschleunigte sowohl die bilaterale Beschlussfassung als auch die Umsetzung des Straßenbauprojekts. Im Februar 1942 ordnete Präsident Roosevelt den Bau an, im März unterzeichneten die Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada das zugehörige Abkommen, im selben Monat starteten die Bauarbeiten. Innerhalb von neun Monaten wurde die knapp 2300 Kilometer lange Verbindung zwischen Dawson Creek in British Columbia (Kanada) und Delta Junction in Alaska buchstäblich aus dem Boden gestampft.

Aus der Not geboren, ist der Alaska Highway heute eine der touristischen Traumstraßen der Welt. Und das Wohnmobil das ideale Vehikel, um sie zu genießen. Das sagen auch die Nordlichter, mit denen wir in Vancouver gestartet sind. Das Ehepaar ist aber auch schon einschlägig infiziert, sie sind in Europa viel mit dem eigenen Wohnmobil unterwegs. Aus dieser Erfahrung heraus trifft Siggi die Feststellung: „Hier kommen zwei wichtige Faktoren zusammen. Es herrscht weniger Verkehr, und die Kanadier nehmen im Straßenverkehr generell mehr Rücksicht aufeinander.“ Angela fasst dies so zusammen: „Hier kannst du das Reisen viel intensiver erleben. Hier sind wir 500 Kilometer am Tag gefahren und am Abend entspannt auf dem Campingplatz angekommen. In Deutschland wäre das purer Stress.“

Zum entspannten Reisen trage auch das Wohnmobil seinen Teil bei, wie der technikbegeisterte Pensionär betont: „Die Kombination aus V8-Benziner und Automatik arbeitet schon sehr souverän, dafür läuft aber auch ordentlich was rein. Für uns beide ist das Platzangebot geradezu üppig, und die Betten sind sehr bequem.“

Nach dieser Reise steht für beide fest: „Das war sicher nicht das letzte Mal, dass wir in Kanada mit dem Wohnmobil unterwegs waren.“ Dem wollen wir nicht widersprechen.

Reisetipps Fahrzeug

Ob man ein Alkovenmobil oder einen Truck-Camper mietet, ist Geschmacksache und hängt von den eigenen Reiseplänen ab. Im Verbrauch unterscheiden sich die beiden Fahrzeuge nicht entscheidend, obwohl der Truck-Camper von einem Diesel und die Alkovenmobile meist von einem Benziner angetrieben werden.

Eine Vollkaskoversicherung, in der auch Glasschäden abgedeckt sind, empfiehlt sich, denn man fängt sich ruck zuck einen Steinschlag von einem entgegenkommenden Truck ein. In der Hauptsaison bieten die meisten Wohnmobilvermieter nur Rundreisen an, Einwegmieten entweder gar nicht oder nur gegen Aufschlag. Schnäppchenjäger wählen die Vor- oder Nachsaison, wenn die Vermieter ihre Fuhrparks verlegen.

Beispiel: Die von uns gefahrene Tour auf dem Alaska Highway wird vom Reiseveranstalter im Mai 2018 für rund 800 Euro angeboten. Anreise: Von Frankfurt direkt nach Vancouver gelangt man mit Lufthansa, Air Canada und Condor. Die einzige Direktverbindung ins Yukon Territory bietet die Condor, die von Ende Mai bis Ende September jeden Sonntag zwischen Frankfurt und Whitehorse pendelt.

Quelle: F.A.S.
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