Landen auf einem Gletscher

Glacier Express

Von Jürgen Schelling
 - 10:23
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Mitten im Hochgebirge kommt der Untergrund rasch näher. Obwohl das in der Sonne glitzernde Weiß eine scheinbar homogene Masse bildet, heißt es dennoch aufpassen. Fast unmerklich setzt das angesichts seiner Umgebung winzige Flugzeug im Neuschnee auf. Es fühlt sich an, als hätte die Piper Cub sich in einen riesigen Wattebausch gekuschelt, so sanft geschieht der Kontakt mit dem Boden.

Anders als bei einer normalen Landung nimmt der Pilot das Gas jetzt aber nicht auf Leerlauf zurück, sondern schiebt sogar gefühlvoll Leistung nach. Die Maschine rutscht mit Schwung genau wie ein Skifahrer ein gutes Stück weiter bergauf. Dann geht es in eine Kurve, so dass der Zweisitzer quer zum Hang zu stehen kommt. Nun wird der Motor abgestellt. Eine grandiose Stille empfängt die beiden Gletscherflieger nach dem Aussteigen auf dem Hüfifirn in den Schweizer Alpen.

Fliegen im Hochgebirge ist ohnehin nur etwas für Experten, Starten und Landen auf einem Gletscher stellt aber quasi die Königsdisziplin für Piloten von Propellerflugzeugen dar. Vollendete Beherrschung des Flugzeugs ist hier die Pflicht, das „Lesenkönnen“ der Verhältnisse auf dem Gletscher, richtiges Einschätzen der Wetterbedingungen und auch Selbstdisziplin, in dieser normalerweise menschenfeindlichen Umgebung nichts erzwingen zu können, die Kür. Wenn aber alle Parameter passen, wird der Gletscherflieger mit einem unvergleichlichen Naturerlebnis in atemberaubender Kulisse belohnt, das sonst höchstens Bergsteigern vorbehalten ist.

Gelandet wird auf einem fürs Fliegen zugelassenen Gletscher unabhängig vom Wind immer bergauf, gestartet immer talwärts. Unsichtbare Spalten, vereister Schnee, plötzliche Böen oder verborgene Hindernisse sorgen für Risiken, die vom Piloten abgeschätzt werden müssen. Denn auf einem Gletscher ist meist längere Zeit keine Hilfe zu erwarten, wenn etwas schiefläuft. Deswegen wird auch vor einem möglichen Aufsetzen immer mindestens eine Runde tief über dem geplanten Landefeld gedreht und genau beobachtet, wie die Bedingungen dort sind. Rasche Wetterwechsel, in den Alpen alltäglich, müssen ständig einkalkuliert werden. Verantwortungsvolle Piloten haben deshalb Material für ein Notbiwak, Verpflegung und warme Kleidung mit an Bord, bevor sie in Höhenlagen über 2000 Meter zur Landung ansetzen.

Gelernt wird Starten und Landen mit Instruktoren in den französischen, schweizerischen, österreichischen oder italienischen Alpen auf dafür zugelassenen Gletschern. Zweisitzige und leistungsstarke Flugzeuge wie Piper Super Cub, Aviat Husky, Jodel Mousquetaire oder die viersitzigen Maule Mx-7 sind optimal für diese Fliegerei geeignet. Kufen werden entweder anstelle der Räder montiert, meistens sind aber kombinierte Rad-Skifahrwerke angebracht. Ein Gletscherflug-Novize muss schon eine bestimmte Mindestzahl von Flugstunden als Pilot absolviert und Spornraderfahrung haben, bevor er die Ausbildung beginnen kann. Der Profi hingegen weist einfach eine bestimmte Zahl von Gletscherlandungen jedes Jahr nach, dadurch bleibt diese spezielle Flugerlaubnis gültig. Angesichts der enormen Faszination dieser Art des Fliegens die wohl leichteste Aufgabe.

Quelle: F.A.S.
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