Skyhawk von Cessna

Manchmal fliegt die Tür auf

Von Jürgen Schelling
 - 10:53
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Wer egal wo in der Welt über einen kleinen Flugplatz schlendert, findet dort garantiert zwei Flugzeugtypen: die Cessna 172 und die Piper PA-28. Beide sind amerikanischen Ursprungs, viersitzig und haben oft die gleichen Triebwerke unter der Motorhaube. Aber die Piper ist ein Tiefdecker und hat nur eine Einstiegstür, die Cessna verfügt hingegen über eine obensitzende Tragfläche und zwei Türen. Sie wird (bei einer Produktionsunterbrechung zwischen 1986 und 1998) seit 1956 bis heute gebaut und ist mit etwa 43000 Exemplaren das meistverkaufte Flugzeug der Welt. Ihre Konstruktion ist zeitlos modern und gleichzeitig ein Meilenstein der Luftfahrt.

Dass sie seit mehr als sechs Jahrzehnten so beliebt ist, verdankt die 172 vor allem ihren gutmütigen Flugeigenschaften und ihrer Robustheit. Sie verzeiht Fehler des Piloten, oft sogar mehrere auf einmal. Die auch Skyhawk genannte Cessna fliegt selbst dann noch, wenn der Pilot sie quält und der Alarmton der Überziehwarnung heult, der vor einem Abreißen der Luftströmung an der Tragfläche und damit einem Absturz warnt. Fliegt man dennoch so langsam, dass nicht mehr genügend Auftrieb erzeugt wird, ist die 172 beim Strömungsabriss gut beherrschbar.

Die Skyhawk hält einiges aus

Wenn die Luftströmung an der Tragfläche tatsächlich abreißt und den Auftrieb zum Erliegen bringt, kippen manche Flugzeuge abrupt zur Seite ab und gehen ins gefährliche Trudeln über. Nicht so die Cessna. Sie kippt dann einfach nach vorne ab. Lässt der Pilot nun das Steuerhorn los, stabilisiert sie sich nach einigen Pumpbewegungen selbständig und fliegt dann eigenstabil weiter. Einem Passagier ohne jede Flugerfahrung gelang es deshalb am 9.Oktober 2013 über Großbritannien, eine Skyhawk zu fliegen, nachdem der Pilot während des Flugs gestorben war. Per Funk erhielt der unfreiwillig zum Flieger avancierte Passagier Anweisungen von einem Fluglehrer, und so gelang es ihm, die 172 ohne Crash am Flugplatz Humberside sicher zu landen.

Auch in puncto Robustheit ist die Skyhawk nahezu unerreicht. Flugschüler lassen sie manchmal ungewollt aus fast zwei Meter Höhe auf die Landebahn plumpsen. Das erträgt sie ebenso gelassen wie stark schiebend aufgesetzte Landungen bei Seitenwind oder heftige Turbulenzen in der Luft. Durch ihre solide Metallkonstruktion können beschädigte 172er oft selbst dann noch repariert werden, wenn bei anderen Flugzeugtypen schon ein Totalschaden die Folge wäre.

Triebwerke ändern sich im Laufe der Jahre

Die Cessna 172 wird in den Vereinigten Staaten gebaut, allerdings entstanden einige Zeit etliche Skyhawks als Lizenzbauten bei Reims Aviation in Frankreich. Es gibt die 172 auch auf Schwimmern als Wasserflugzeug oder als eher seltene Variante mit Einziehfahrwerk. Ihre Grundkonstruktion blieb über Jahrzehnte nahezu unverändert. Was sich im Laufe der Zeit deutlich änderte, waren die verwendeten Triebwerke. Vier- oder Sechszylinder-Benziner, aber auch Dieselmotoren kommen zum Einsatz. Experimentiert wurde sogar mit einem Elektroantrieb.

Die Leistung der Motoren reicht von 145 bis 180 PS in den amerikanischen Versionen oder maximal 210 PS in den französischen Lizenzbauten. Erst vor kurzem, am 6.Juni 2017, erlaubten die europäische und die amerikanische Luftfahrtbehörde die Zulassung der 172 JT-A als Neuflugzeug mit einem 155 PS starken Continental-Dieselmotor. Dieser Selbstzünder wird in Sachsen gebaut, allerdings von einer amerikanischen Firma in chinesischem Besitz. Bis dahin war es lediglich möglich, Gebrauchtflugzeuge auf einen 135 PS starken Dieselmotor umzurüsten.

Start und Landung auch von kurzen Strecken möglich

Eine Rakete ist die 172 aber weder mit 155 Diesel-PS noch mit den 180 Pferden des derzeit leistungsstärksten Benziners. Etwa 230 km/h im Reiseflug erzielt sie so, der Diesel schluckt etwa 25 Liter, ein Benziner etwa 35 bis 40 Liter in der Stunde. Die nicht mehr gebaute Einziehfahrwerkvariante bringt es auf knapp 260 km/h im Reiseflug, wurde aber wegen ihres hohen Aufpreises kein Verkaufsschlager. Eine Skyhawk kann je nach Benzin- oder Dieselversion und Tankvolumen zwischen 1100 und fast 1800 Kilometer weit fliegen.

Fast wichtiger als die Reichweite ist für 172-Piloten die geringe Startstrecke. Die Skyhawk kann von sehr kurzen Runways aus starten. Abhängig von Außentemperatur, Triebwerk und Beladung, ist eine 172 auf einer asphaltierten Startbahn oft nach nur etwa 270 Metern in der Luft. Die Landestrecke ist mit weniger als 200 Metern noch kürzer. Auch unbefestigte Gras- oder Schotterpisten sind für das robuste Fahrwerk kein Problem.

Cockpit und Rettungssystem wurden modernisiert

Jeder Pilot, der einst in der 172 geschult wurde, erinnert sich auch an das hochbauende Instrumentenbrett, den typischen Wippschalter für die elektrische Verstellung der Landeklappen im Armaturenbrett und die kleine Plastikhalterung, in die das Mikrofon nach dem Funken mühsam hineingefummelt werden musste. Bei stark strapazierten 172ern mit vielen Flugstunden geht manchmal auch überraschend eine der beiden Türen im Flug auf. Das ist für den Piloten keine große Sache, rasch hingreifen und zuziehen klappt mit einem Handgriff. Lediglich die Passagiere an Bord bekommen einen Mordsschreck.

Das Cockpit bestand anfangs aus einer Vielzahl von kleinen Instrumenten und Anzeigen. Heute schauen Piloten moderner 172er auf große Displays, die alle wichtigen Daten wie Geschwindigkeit, Kurs, Höhe, Steigen oder Sinken sowie Fluglage und Position virtuell darstellen. Sogar ein Gesamtrettungssystem kann heute nachgerüstet werden, an dem die 172 im Notfall am Fallschirm zu Boden schwebt. Allerdings kostet diese Sicherheitstechnik Zuladung sowie Platz und ist nicht billig.

Die Rolle der Skyhawk in Politik und Film

Die 172 ist jedenfalls grundsolide, und das mögen viele Piloten. Es gibt schnellere, elegantere und agiler zu fliegende viersitzige Propellerflugzeuge - aber in der Summe ihrer Eigenschaften ist die 172 Skyhawk eine derart gelungene Konstruktion, dass sie sich bis heute gut verkauft. Erst seit dem neuen Jahrtausend hat ihr die Cirrus SR22 den Rang als meistverkauftes einmotoriges Propellerflugzeug abgelaufen, weil sie schneller ist und auch serienmäßig ein Fallschirmrettungssystem an Bord hat. Die Cessna 172S liegt nun auf Platz zwei.

Eine deutsche Cessna 172 mit dem Kennzeichen D-ECJB hat einst sogar Geschichte geschrieben und die Weltpolitik beeinflusst. „Kreml-Flieger“ Mathias Rust schaffte es mit einer gecharterten Cessna 172 P, am 28. Mai 1987 von Helsinki aus unentdeckt vom russischen Militär bis nach Moskau zu brummen. Dort legte er nahe Kreml und Rotem Platz auf der Großen Moskwa-Brücke eine souveräne Landung hin. Mit wohl kaum einer anderen Einmotorigen wäre das auf so engem Raum gelungen, zumal Rust bei dem Flug gerade mal 18 Jahre alt war und erst kurze Zeit die Pilotenlizenz besaß. Der für die Luftverteidigung der damaligen Sowjetunion peinliche Vorfall bot für den damaligen Regierungschef Michail Gorbatschow zu Beginn der Perestrojka einen Anlass, den Verteidigungsminister und weitere reformunwillige Generäle in den vorzeitigen Ruhestand zu versetzen.

Auch im James-Bond-Streifen Goldeneye von 1995 übernimmt die Skyhawk eine tragende Rolle. Agent 007, damals gespielt von Pierce Brosnan, muss mit seiner Begleiterin auf der Suche nach dem Bösewicht unbemerkt auf dem winzigen Feldweg einer karibischen Insel landen. Für die Cessna und Bond natürlich ein Kinderspiel. Aber eigentlich ist die Skyhawk überhaupt kein Glamour-Typ. Gutmütig, robust, zweckmäßig, so lautet das Urteil der Piloten über eine 172. Kein Traumflugzeug, aber dafür oft fürs ganze Fliegerleben eine sichere und zuverlässige Begleitung.

Quelle: F.A.S.
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