Diesel-Fahrverbot

Fahrt ins Blaue

Von Holger Appel
 - 10:33

Zum Jahreswechsel hätten sie eigentlich schon aufschreien müssen, die Gegner und Totengräber des Dieselmotors. Mehr als ein Drittel der über Deutschland verteilten Messstationen haben am 1. Januar Feinstaubalarm ausgelöst, und daran ist nach verbreiteter Überzeugung der Verbrennungsmotor im Allgemeinen und der Diesel im Besonderen schuld. Weswegen er verboten oder wenigstens mit Fahrverboten für Innenstädte belegt gehöre. Vermutlich Ende Februar wird das Bundesverwaltungsgericht über Verfahren in Stuttgart und München entscheiden. Dabei geht es um die Frage, ob Städte zusätzlich zu grüner Plakette und Umweltzonenschild zur Luftreinhaltung eigene Schilder konzipieren, also Fahrverbote in Eigenregie verordnen müssen. In der Bevölkerung bleibt hängen: Der Diesel wird ausgesperrt, demnächst wird man damit nicht mehr in die Innenstädte fahren dürfen. Mit Fakten hat das oft wenig zu tun, dafür viel mit Aktionismus und im Falle sogenannter Umwelthilfen mit wirtschaftlichem Eigeninteresse.

Am 1. Januar nämlich jagen die Deutschen regelmäßig bis zu 200 Millionen Euro in die Luft. Von dem Feuerwerk werden rund 5000 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Diese Menge entspricht in etwa 17 Prozent des jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubs. Das sagt nicht die Autolobby, sondern das Umweltbundesamt. Die extrem erhöhte Konzentration führt an einer Vielzahl von Messstationen dazu, dass die Tagesmittelwerte 50 µg/m⊃3; überschreiten. Von den 35 zulässigen Überschreitungstagen ist damit schon mit dem ersten Tag des Jahres einer „verbraucht“. Und kein Auto kann etwas dafür. Zu allem Überfluss wird der Diesel fälschlich verdächtigt, weil er seit Jahren dank Partikelfilter kein Feinstaubproblem mehr hat und ist. Beim Diesel geht es um Stickoxide, und auch da macht die Industrie beeindruckende Fortschritte. Aber wer will das noch hören oder gar auseinanderhalten? Mit Sicherheit wird das Thema mit all seinen Irrationalitäten wieder auf die Agenda kommen, sobald die Berliner Koalitionäre zusammengefunden haben.

Wenigstens Schadstoffklasse Euro 6 die Zukunft sichern

Derweil verschimmeln auf den Höfen der Händler junge Gebrauchtwagen der Schadstoffklasse 5; auch jene in Kundenhand verlieren an Wert. Wenn die schon nicht mehr zu retten sind, wäre es angeraten, wenigstens der neuesten Technik mit Schadstoffklasse Euro 6 die Zukunft zu sichern. Sie ist es wert, auch aus Gründen des Umweltschutzes. Ein SUV mit modernem Dieselmotor ist eben kein zu hassendes Ungetüm, sondern abgasärmer als jeder ältliche Kleinwagen.

Die Branche hat dafür einiges getan. Selbst die krawallige Deutsche Umwelthilfe ist still geworden. Wen wundert es? Sieben der zehn besten getesteten Diesel mit der derzeit strengsten Norm sind Modelle aus dem VW-Konzern. Mercedes-Benz liefert im Abgasverhalten derart mustergültige Dieselmotoren, dass sich Angriffspunkte buchstäblich in saubere Luft auflösen. Und was in den Entwicklungsabteilungen läuft, reduziert die Stickoxide um weitere 30 bis 50 Prozent. Im direkt vom Kraftstoffverbrauch abhängigen CO2-Ausstoß ist der Diesel ohnehin unschlagbar, auf der Langstrecke ist er alternativlos. Und dennoch: Die Welt wird sich verändern.

Automesse 2017
Die deutsche Autoindustrie ist auf dem Elektro-Trip
© dpa, afp

3,5 Liter im Jahr 2025

Das Elektroauto gilt als Mobilitätslösung der Zukunft, leise und lokal emissionsfrei. Diejenigen, die ihre Wurzeln in einer seit hundert Jahren bewährten Antriebsart haben und damit Garant für Hunderttausende Arbeitsplätze sind, müssen mit immensem Aufwand immer strengere Vorschriften einhalten. Man muss sich das vergegenwärtigen: Die Grenzwerte in der EU laufen auf einen Durchschnittsverbrauch von 3,5 Litern im Jahr 2025 und von 2,8 Litern im Jahr 2030 hinaus. Kein Hersteller wird eine verkaufsfähige Flotte aus sicheren, flinken, komfortablen Fahrzeugen mit solchem Verbrauch anbieten können.

Es braucht also zusätzlich Autos ohne jeglichen Kraftstoffkonsum, die (Problem!) der Käufer akzeptiert und bezahlen kann. Es werden mithin parallel batterieelektrische, solche mit Brennstoffzelle und Wasserstoff, mit Erdgas und mit Verbrennungsmotoren verbundene Mischformen entwickelt. Welche sich am Markt durchsetzen werden? Welche die Politik fördern und welche behindern wird? Niemand weiß das; es ist eine kostspielige Fahrt ins Blaue, hoffentlich nicht die in ein blaues Wunder.

Die Folgen sind bereits spürbar. Die gesuchten beruflichen Qualifikationen wandeln sich, die Wertschöpfungskette wird umgestellt. Statt Getriebe und Zylinderkopf rücken Batterie und Pulswandler in den Fokus. Ungelöste Probleme wie die der Herkunft von bislang unersetzlichen Rohstoffen werden beiseitegedrückt. Kobalt etwa ist ein solcher, die größten Vorkommen liegen in Kongo unter chinesischer Kontrolle. Gleichwohl herrscht jetzt Aufbruch. Die versammelte deutsche Industrie wird von 2019 an eine Elektroautooffensive starten. Es sollte nur niemand glauben, schon morgen führen alle mit Strom, egal wie weit und wohin. Deutschland täte gut daran, der neuen Technik die Türen zu öffnen und die bewährte nicht zu verteufeln. Mehr Augenmaß und ein Blick auf die Fakten wären schon mal ein guter (Jahres-)Anfang.

Quelle: F.A.Z.
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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