Motor
720 S Coupé von McLaren

Schall und Rauch

Von Boris Schmidt
© Hersteller, F.A.S.

Da sage einer noch, Engländer könnten keine erfolgreichen Autos bauen. McLaren aus Woking bei London macht vor, wie es geht, und das ohne deutschen oder indischen Mutterkonzern im Hintergrund. McLaren Automotive, gegründet 2010, hat kürzlich den Sportwagen Nummer 10000 gefeiert. Schon 2013, im dritten Produktionsjahr, wurden schwarze Zahlen erreicht, und der jährliche Ausstoß aus der Fabrik in Woking steigt und steigt. 2015 waren es gut 1600 Einheiten, im vergangenen Jahr dann schon 3200, dieses Jahr rechnet man mit 4000. Das Ziel sind 5000 McLaren. Ein Massenprodukt sollen die meist in McLaren-Orange gehaltenen Flitzer allerdings nicht werden.

Von ungefähr kommt der Erfolg der Briten freilich nicht, ohne das Formel-1-Engagement von McLaren (seit 1964) gäbe es die Sportwagen nicht. Lange Jahre war der Daimler-Konzern an McLaren beteiligt (mit bis zu 40 Prozent), 2010 erfolgte der Ausstieg „in Freundschaft“. Heute gehört McLaren Automotive mehrheitlich zu einer Holding aus Bahrein (55,5 Prozent); die TAG Group (Luxusuhren, Brillen) und Ron Dennis halten elf beziehungsweise zehn Prozent, dazu kommen vier weitere Anteilseigner mit Anteilen im einstelligen Prozentbereich.

Die Türen öffnen mechanisch nach oben. Das ist jedes Mal eine Schau.
© Hersteller, F.A.S.

Großer Mann bei McLaren war lange Jahre jener Ron Dennis, der sich vom Formel-1-Mechaniker in den sechziger Jahren (bei Brabham) zum späteren Mc-Laren-Teamchef (bis 2009) hocharbeitete. Zu Beginn der Aktivitäten von McLaren Automotive war Dennis noch mit 25 Prozent beteiligt, danach zog er sich peu à peu zurück. Das operative Geschäft führt jetzt Mike Flewitt, der zuvor bei Ford und davor bei TWR, Bentley und Rolls-Royce tätig war.

Spritverbrauch kann sich sehen lassen

Allen McLaren-Sportwagen gemein ist die Karbonzelle, um die herum das Auto gebaut wird. Der 3,8- oder 4,0-Liter-V8-Motor (neu im 720 S) ist eine Mc-Laren-Entwicklung, das Doppelkupplungsgetriebe stammt vom Rennsport-Spezialisten Graziani. Die Fertigungstiefe in Woking – bezogen auf britische Teile – beträgt stattliche 50 Prozent, sie wird noch steigen, wenn von 2019 an die Karbonschalen in Eigenregie gebacken werden. McLaren investiert zusammen mit der Universität Sheffield 50 Millionen Pfund in eine neue Fertigungsstätte, die zudem 200 neue Arbeitsplätze nach Sheffield bringen soll. In Woking selbst arbeiten 1800 Menschen. Rechnet man die Formel-1-Aktivitäten dazu, sind es 3500.

Der erste Straßen-McLaren aus dem Jahr 2011 – abgesehen von 106 F1-Boliden in den neunziger Jahren und gut 2500 Mercedes-Benz-McLaren SLR, die von 2004 bis 2009 ebenfalls in Woking, aber an anderer Stelle gebaut worden waren–, trug noch den etwas kryptischen Namen MP4-12C. Inzwischen ist man dazu übergegangen, einfach die gebotene PS-Zahl zu nennen, das ist schon beeindruckend genug. Bei 540 geht es zur Zeit los, brandneu ist der 720S, der den 650S ersetzen wird. Außer 720 PS werden 770 Newtonmeter maximales Drehmoment geboten, die bei 5500 Umdrehungen in der Minute anliegen.

Der 4,54 Meter lange Zweisitzer beschleunigt in 7,8 Sekunden von 0 auf 200 km/h, andere sind da noch nicht mal bei 100 km/h. Die sind bei vollem Leistungseinsatz schon nach 2,9 Sekunden passiert. Maximal geht es rauf bis 341 km/h. Ein Normverbrauch von 10,7 Liter Super kann sich angesichts der Leistungsdaten sehen lassen. Beim Spritsparen hilft auch das relativ geringe Gewicht von trocken 1283 Kilogramm, das ist sogar eine Spur weniger, als der 650S auf die Waage brachte.

Der 720S ist im Prinzip nicht limitiert

Der Basispreis für den 720s beträgt in Deutschland 247350 Euro, wer jetzt bestellt, kann von Glück sagen, wenn er den Wagen dieses Jahr noch geliefert bekommt. 1400 Exemplare sind schon geordert, seit kurzem arbeitet die Fabrik im Zweischichtbetrieb. McLaren sind gefragt, es ist schick, etwas anderes zu fahren als Lamborghini oder Ferrari, und auf der Rennstrecke machen die Italiener dem Briten auch nichts vor – eher im Gegenteil. Zwar ist der 720S im Prinzip nicht limitiert, aber McLaren hat es in der kurzen Zeit der Marktpräsenz durchaus verstanden, mit limitierten Sonderserien oder Fahrzeugen, die nur für die Rennstrecke taugen, höchstes Begehren zu wecken.

Neuester Coup in diese Richtung ist der BP 23, von dem 106 Einheiten gefertigt werden. Alle sind schon verkauft. 1,6 Millionen Euro Pfund netto veranschlagt Woking für den Wagen, der eine Hommage an den F1 sein soll. Von diesem, dem ersten McLaren für öffentliche Straßen, waren 76 Einheiten und weitere 30 für die Rennstrecke gebaut worden, also 106 Exemplare. Der F1 ist vielen vor allem wegen seines Fahrer-Mittelsitzes ein Begriff, und anderen ist er deswegen im Gedächtnis, weil der damalige BMW-Chef Bernhard Pischetsrieder einen F1 auf einer sonntäglichen Spazierfahrt in der Nähe von München zu Schrott fuhr. Mit an Bord waren seine Frau und ein weiterer Beifahrer, der sich den Arm brach. Der F1 hatte einen V12-Zylindermotor von BMW und kostete damals rund 1,5 Millionen Mark.

Zurück in die Gegenwart. Die ersten BP23 (Bespoke Project, zweiter Dreisitzer) sollen übernächstes Jahr ausgeliefert werden, die Kunden sollen intensiv in die Entstehung ihres maßgeschneiderten (bespoke) McLaren einbezogen werden. Versprochen wird ein Hybridantrieb, und wahrscheinlich gibt es auch mehr als 1000 PS. Diese Marke hat aber schon der McLaren P1 GTR im Jahr 2105 geknackt. Hiervon wurden 375 Stück gebaut. Die meisten davon werden ausschließlich auf der Rennstrecke gefahren.

Auch der 720 S verführt mit einer üppigen Aufpreisliste

Obwohl alle McLaren natürlich die Formel-1-Gene in sich tragen, fahren sich zumindest die straßenzugelassenen auch ganz zahm. Beim neuen 720S konnte sich der Autor selbst davon überzeugen. Für zwei Personen ist auch genug Stauraum an Bord. Vorne passen 150 Liter unter die Haube (ähnlich wie beim Porsche 911), hinter die Sitze unters flache Rückfenster weitere 210 Liter. Allerdings muss das Gepäck von innen nach hinten geschoben werden. Es gibt keine Klappe im Heck. Das Warten sollte man den Spezialisten überlassen, die von unten an den Mittelmotor herankönnen.

Wie jedes teure vierrädrige Spielzeug verführt auch der 720 S mit einer üppigen Aufpreisliste. Man kann sich für 11200 Euro weitere Karbonteile ans Auto schrauben lassen oder knapp 6000 Euro für einen Sportauspuff anlegen. Notwendiger sind die 2610 Euro für die Möglichkeit, das Fahrzeug vor Bordsteinen und Ähnlichem etwas anheben zu können, oder die 2550 Euro, die eine Rückfahrkamera nebst Parkpiepser kostet.

Die sind gut angelegt, weil man nur wenig nach draußen sieht. Moderne Assistenzsysteme (wie adaptiver Tempomat oder Totwinkelassistent) gibt es nicht, das werde auch kaum nachgefragt, heißt es. Schließlich sei ein McLaren ein Auto für echte Männer. Doch es gebe auch zahlreiche Frauen unter den Kunden, weiß der Marketingchef. Nicht gespart wird an der Sicherheit. Alle McLaren durchlaufen die für eine Großserie (ab 500 Einheiten) nötigen Crashtests. Es gibt Front- und Seitenairbags.

Das Verkaufen übernehmen 80 Händler in bislang 30 Märkten. In Deutschland sind es fünf, in München, Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg. Berlin ist der erste Kandidat für einen weiteren Stützpunkt.

Auf die Händler scheint einiges an Arbeit zuzukommen. Bis 2022 verspricht Mike Flewitt 22 neue Modelle, davon habe mindestens die Hälfte einen Hybridantrieb. Alles Sportwagen, ein SUV sei auf keinen Fall darunter. Einen rein elektrischen McLaren wird es bis dato wohl auch geben. Das mag sich alles sehr großspurig anhören, doch bisher ist den Bolidenbauern aus Woking so ziemlich alles gelungen, was sie angekündigt haben. Und vielleicht läuft es ja auch bald in der Formel 1 wieder besser.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Ron Dennis | Bentley Motors Limited | BMW | Ford Motor | Mclaren Group Limited | Rolls-Royce | Pfund | Sportwagen