Fahrbericht Cadillac CT6 TT

Der weiße Riese

Von Boris Schmidt
 - 16:51

Sie suchen nach einem Oberklassen-Auto und wollen mal was anderes als Mercedes, BMW oder Audi? Und es soll kein Volvo, Maserati oder Jaguar sein? Wie wäre es damit: Cadillac CT6 Platinum. Sieht man garantiert nicht an jeder Ecke, in Deutschland wurden 2017 von der im vergangenen Jahr neu aufgelegten Limousine bis einschließlich September keine 50 Einheiten neu zugelassen.

Nach der Trennung von Opel muss General Motors einiges neu organisieren, und Cadillac gehört dazu. Die Marke wird von Zürich aus geführt, Online-Marketing steht im Vordergrund. Nur elf Händler in Deutschland verkaufen die 115 Jahre alte Marke, die einmal für klassischen amerikanischen Luxus stand. Das tut sie heute noch, nur definiert sich der vollkommen anders. Cadillac 2017 ist geradlinig, kantig, ohne Schnörkel und auch technisch auf der Höhe der Zeit. Mit den Maßen übertreiben die Amerikaner immer noch ein bisschen. 5,18 Meter Länge sind eine Ansage dafür ist der Kofferraum viel zu klein (433 Liter), die Beinfreiheit im Fond umso größer.

In dieser Hinsicht ist der CT6 ein reines Chauffeur-Auto, zumal sich in der Platinum-Ausstattung die Einzelsitze hinten vielfach elektrisch verstellen lassen. Dazu gibt es eine Massagefunktion und selbstredend Entertainment in der hinteren Reihe mit zwei Monitoren und dicken Kopfhörern. Musik ertönt aus einer Anlage von Bose mit 34 Lautsprechern. Ein dicke Armlehne mit Ablagefächern und Becherhaltern trennt die beiden Fondpassagiere, eine kleine Durchreiche fehlt nicht, mehr Variabilität zur Erleichterung allfälliger Beladung gibt es aber nicht. Ist die Lehne oben, kann in der Mitte ein fünfter Passagier sitzen, mehr schlecht als recht.

Als Platinum ist der Cadillac mit nahezu allem ausgerüstet, was heute in der Luxusklasse hinsichtlich Assistenz, Komfort und Infotainment gängig ist, inklusive überflüssiger Nachtsichtanlage und einer Kamerafunktion für den Rückspiegel. Die Verarbeitung des vielen Leders mag nachlässiger sein als bei den deutschen Herstellern, aber die sind wesentlich teurer. Zwar kostet der Cadillac auch schon 95 900 Euro, doch würde ein Mercedes-Benz oder BMW in der Ausstattung geschätzt 150 000 Euro kosten. Der Restwert steht freilich auf einem anderen Blatt, weshalb solche Autos heute in der Regel geleast werden. Mit 900 Euro im Monat sollte gerechnet werden. Das einzige Extra im Testwagen war die schöne Außenfarbe „Chyrstal White Tricoat“ für 1950 Euro, was 97 850 Euro Endpreis ergibt.

Auch aus technischer Sicht kann der CT6 einiges vorweisen. Der Motor ist ein 3,0-Liter-V6 mit Doppelturbo und Zylinderabschaltung. 417 PS und ein maximales Drehmoment von 555 Newtonmeter bei 5100 Umdrehungen in der Minute stehen für sportliche Fahrleistungen, wenn die denn verlangt werden. In 6,0 Sekunden lässt sich der Cadillac aus dem Stand auf 100 km/h prügeln, die Höchstgeschwindigkeit ist 240 km/h (abgeregelt). Die größte Überraschung ist vielleicht, wie gut sich der CT6 fährt. Allenfalls die ein wenig ungenaue Lenkung und die bei langsamer Fahrt manchmal etwas ruckelnde Automatik mit acht Gängen lassen zu wünschen übrig. Die Brembo-Bremsen sind jederzeit Herr des Geschehens, der Allradantrieb sorgt für die gute Umsetzung der Fahrerwünsche. Eine Allradlenkung verfeinert die Spurgenauigkeit und nimmt Parklücken dank leichtem gegenläufigen Einschlagen ihren Schrecken. Selbst einparken kann der CT6 auch. Dass er zudem selbsttätig beim Rückwärtsfahren bremst, hat uns einmal gerettet, sonst wären wir vielleicht in einen Zaun gefahren. Alles in allem fährt sich der CT6 für seine Größe angenehm handlich.

Die Kommandozentrale ist voll digital, die analogen Instrumente werden virtuell dargestellt, das gefällt, nur leider ist die Darstellung der Karten auf dem großen 10-Zoll-Farbschirm in der Mittelkonsole nicht auf der Höhe der Zeit. Und im Dunkeln spiegelt sich der Monitor störend oben in der Frontscheibe. Der Verbrauch öffnet Raum für Kritik. Ein Durchschnitt von 11,8 Liter Super auf 100 Kilometer ist nicht wenig, aber in Anbetracht der Leistung, der Automatik und des Allradantriebs zu erklären. Am hohen Gewicht liegt es nur bedingt, zwei Drittel der Karosserie sind aus Aluminium, der Cadillac wiegt knapp zwei Tonnen.

Selbst in der Stellung „Tour“, die es neben „Sport“ gibt, fährt der CT6 immer ein wenig aggressiv, obwohl die Drehzahlen letztendlich doch eher niedrig sind. Bei Tacho 120 km/h liegen keine 2000/min an, bei 140 steigt die virtuelle Nadel kaum höher. So schonend gefahren, kommt der CT6 mit 9,4 Liter auf 100 Kilometer aus. Der Stadtverkehr forderte allerdings 13,6 Liter. Ein 72-Liter-Tank sichert akzeptable Reichweiten.

Der CT6 ist im Limousinen-Angebot von Cadillac das Topmodell, es gibt ihn nur mit dieser Motorisierung, als Version Luxury oder Platinum. Schlechter ausstaffiert, also Luxury, kostet er 73 500 Euro. Es bleibt aber bei Allrad und Automatik. Wer günstiger in die Cadillac-Welt einsteigen will: Das gelingt mit 37 400 Euro für den 4,65 Meter langen ATS mit 2,0-Liter-Turbo und 276 PS.

Quelle: F.A.Z.
Boris Schmidt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Frank Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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