Fat Bob von Harley-Davidson

Apokalypse now

Von Walter Wille
 - 16:12
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Harley-Davidson will innerhalb der nächsten zehn Jahre 100 neue Modelle auf den Markt bringen. Das ist eine stramme Ansage. Offensichtlich beginnen die Strategen der Motor Company gerade auszuprobieren, wie weit sie dabei gehen können. Wie sehr sie sich mit Neuem vom Gewohnten entfernen dürfen, ohne ihre alten Freunde vor den Kopf zu stoßen. Mit der neuen Fat Bob wollen sie erste Erkenntnisse gewinnen. „Wir meinen, dass unsere Kundschaft bereit ist für so etwas“, sagt Kirk Rasmussen, leitender Designer der neuen Softail-Baureihe, zu der die Fat Bob gehört.

In einem frühen Stadium der Planung hat die Kreativ-Truppe in Milwaukee beisammengesessen und sich Gedanken wie diese gemacht: Wie stellen wir uns das perfekte Fluchtfahrzeug in der Apokalypse vor? Und womit fährt man eine Horde Zombies über den Haufen, die sich einem in den Weg stellt? Wir wissen nicht, wie derartige Sitzungen so ablaufen und was die Harley-Leute währenddessen zu sich nehmen. Aber das Ergebnis ist hier zu betrachten.

Anspruch Harley-Davidsons sei es, bestimmte Modelle so illegal wie möglich aussehen zu lassen, erklärt Peter Keppler, Chef der Abteilung Produktplanung. Nach gängigen Maßstäben sieht die Fat Bob tatsächlich verboten aus. Extrem kurze, dafür sehr breite Radabdeckungen geben den Blick frei auf viel Gummi, auf Reifen, die mit ihrem groben Blockprofil Robustheit und Durchsetzungsvermögen demonstrieren sollen. Den Ur-Jeep, den alten Willys, hatten die Designer ebenfalls im Hinterkopf, als sie die Fat Bob kreierten. Die wirkt einschüchternd, alles andere als zurückhaltend, ein bisschen fies, und man ist sich nie ganz sicher, ob sie wirklich auf der Seite der Guten kämpft.

Harley-Davidson Fat Bob
Apokalypse Now
© Hersteller, FAZ.NET

Alles, was nach Metall aussieht, ist Metall. Die neue Fat Bob wiegt 15 Kilogramm weniger als ihre eher blasse Vorgängerin, bringt aber immer noch 306 Kilo auf die Waage. Die Auspuffanlage, versehen mit gelochten Hitzeblenden, ist ein Versprechen der Feuerkraft. Der Krümmer des hinteren Zylinders windet sich zunächst nach vorn um den Zündungsdeckel herum und macht sich dann zusammen mit seinem Kumpan von vorn auf den Weg zu einem Doppelrohr-Geschütz am Heck. Der Klang unterscheidet sich merklich von dem der anderen sieben Modelle der neuen Softail-Familie. Er ist dunkel und satt, aber natürlich nicht illegal. Auch für eine Fat Bob gilt Euro 4.

Vieles ist in Schwarz gehalten. Ganz ohne Glanz geht es selbst bei einem Fighter wie diesem nicht, doch werden nur an einigen wenigen Stellen Chrom-Akzente gesetzt. Weitere Auffälligkeiten: in die Felgen gelaserte „Harley Davidson“-Schriftzüge, asymmetrisches Tankdesign mit dem Markennamen oben auf dem 13-Liter-Behälter und einem auffällig unauffälligen Bar&Shield-Logo an der rechten Seite. Was allerdings mehr als alles andere den Anblick des Motorrads bestimmt, ist seine grimmige LED-Visage: In einem breiten Gehäuse oberhalb der wuchtigen USD-Gabel steckt eine Batterie von Leuchtkörpern, die ein grelles Licht aussenden. „Pillbox“ nennen die Amerikaner ihr kastiges Lampendesign.

Die Wirkung einer Beruhigungspille entfaltet allein der extrem niedrige Puls des Milwaukee-Eight 107 genannten Motors. Im Standgas schüttelt er mit weniger als 900 Umdrehungen vor sich hin, nimmt schon bei knapp 1500 Touren sauber Gas an und benötigt für 100 km/h im sechsten Gang lediglich 2300 Umdrehungen. Der 1745-Kubik-V-Twin, der vor einem Jahr in Harleys Touring-Baureihe debütierte und nun auch sämtliche Softails antreibt, drückt mit bis zu 145 Newtonmeter und bietet nominell eine Höchstleistung von 87 PS (64 kW). Er wird vom Fahrtwind gekühlt. Linderung um die Auslassventile herum verschafft er sich zusätzlich mit Hilfe eines zwischen den vorderen Rahmenrohren versteckten Ölkühlers.

Mit dem Milwaukee-Eight 107, eine Skulptur von Motor, ist die mindestens 17 895 Euro kostende Fat Bob sehr anständig ausgestattet. Wer weitere 1300 Euro übrig hat, nimmt das ansonsten identische Motorrad mit dem Milwaukee-Eight 114. Dafür gibt es mehr Hubraum (1868 Kubik), Leistung (94 PS bei 5020/min), Drehmoment (155 Nm bei 3000/min) und mehr Prestige, weil dick und fett „114“ auf dem runden Luftfilterdeckel steht und nicht bloß „107“. Alle sonstigen Neuerungen der Softail-Generation – außer dem Motor auch der angetäuschte Starrrahmen mit Zentralfederbein unterm Sattel und vieles mehr – gelten für beide Varianten.

107 oder 114 – angesichts der gesunden Schubkraft freut man sich darüber, dass die Sitzkuhle das Gesäß (nur 70 Zentimeter über dem Asphalt) beim Beschleunigen nach hinten stützt. Der extrem breite, dicke Knüppel von Lenkstange plus vorverlegte Fußrasten ergeben im Zusammenwirken mit dem niedrigen Sitz eine aggressive, aber gar nicht mal unbequeme Haltung. Mit erwähnter USD-Gabel und einer kräftig zupackenden Drei-Scheiben-Bremsanlage ist die Fat Bob den anderen Softails technisch überlegen. Wie sie überhaupt dem Rest des Stammes im Hinblick auf Dynamik und Agilität, Spritzigkeit und Kurvenfreudigkeit einschließlich Schräglagenfreiheit voraus ist. Kurzum: ein echtes Spaßmobil von Harley.

Natürlich ist das Design Geschmacksache, hat hier und da zudem noch Luft nach oben. Nicht sehr ansehnlich: die schnöden Serien-Blinker, das klobige Rohrgestell des Kennzeichenhalters am Heck. Das sei Absicht, sagt Keppler: „Unsere Kunden brauchen Angriffspunkte. Sie möchten das eine oder andere noch selbst verändern können. Andernfalls wären sie uns böse.“ Und die Abteilung für den Zubehörverkauf wäre wohl ebenfalls böse.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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