McLaren 570S Spider

Das blaue Wunder

Von Boris Schmidt
 - 08:00
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„Mit dem Auto machen Sie sogar in München noch Eindruck.“ Diese Aussage eines Passanten bietet sich als wunderbare Zusammenfassung eines langen Wochenendes mit einem McLaren 570S Spider an. Wer unbedingt auffallen will, braucht so ein Auto, am besten gleich in Curaçao-Blue wie der Testwagen. Immer noch ist McLaren, das 2011 zusätzlich zu seinen Formel-1-Aktivitäten ins Sportwagen-Geschäft eingestiegen ist, eine Sensation auf unseren Straßen. Dauernd wird man fotografiert, das parkende Auto ist oft von Menschen umlagert.

Nach unseren Erfahrungen im 650 Spider haben wir uns jetzt mit dem 570S Spider beschäftigt. In einem macht es McLaren seinen Kunden und Fans leicht: Die Typenbezeichnung orientiert sich immer an der Motorleistung, einen 650 gibt es aber nicht mehr. Das Topmodell der Sport- und Super-Series heißt jetzt 720, daneben gibt es noch 675-Modelle und den 540 als Basismodell. Und noch die Über-Sportwagen der Ultimate Series, den P1, den P1 GTR und den brandneuen Senna. Hier werden Leistungen zwischen 800 und 1000 PS feilgeboten. Da sind 570 PS doch wirklich bescheiden.

Wenig bescheiden mutet dagegen der Grundpreis von 208 975 Euro an. Das schöne Blau kostet 1810 Euro extra, einige weitere Häkchen auf der Optionsliste (unter anderem Rückfahrkamera, Bodylift, Alarmanlage, Audioanlage von Bowers & Wilkins) trieben den Endpreis des Testwagens auf rund 225 000 Euro. Im Leasing sind das rund 2500 Euro im Monat. Einer der fünf Händler in Deutschland aus Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München macht gewiss ein gutes Angebot.

Was man dafür bekommt? Neben der unverschämten Aufmerksamkeit fast aller Zeitgenossen einen ziemlich flotten Sportwagen mit Scherentüren, in den man am besten nur einsteigt, wenn das Dach in seinem Kämmerchen liegt. Die Leistungsentfaltung ist beachtlich, in gut drei Sekunden geht es auf Wunsch von 0 auf 100 km/h, keine zehn dauert es, bis 200 km/h erreicht sind. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 328 km/h angegeben. Wir kamen nicht dazu, den Wagen auszufahren. Mehr als 290 km/h für ein kurzes Stück waren nicht drin. Erstaunlich ist, dass sich der McLaren fahren lässt wie ein alter Benz mit Automatik. Das Doppelkupplungsgetriebe macht sogar Stau und Stadtverkehr zum leichten Spiel. Dazu setzt das Getriebe die Leistung (maximales Drehmoment 600 Newtonmeter aus 3,8 Liter Hubraum, V8-Zylinder) stets vorzüglich um. Wer will, schaltet mit den Paddles am Lenkrad, nötig ist das nicht. Auf flotter Landstraßenfahrt lernt man die Präzision der Lenkung und das ziemlich untückische Fahrverhalten schnell lieben, man muss nur aufpassen, angesichts des 100-km/h-Limits nicht zu sehr über die Stränge zu schlagen. So ein Auto mit seinem Carbon-Chassis gehört eigentlich auf die Rennstrecke. Ums negative Beschleunigen kümmern sich selbstverständlich Carbonbremsen.

Der Alltagsnutzen ist höher als gedacht. Zwar ist der Ein- und Ausstieg schwierig, vor allem bei geschlossenem Dach, doch die Sitze sind bequem – wir reden jetzt nicht von den Schalensitzen, die es gegen Aufpreis gibt –, und das Dach öffnet und schließt elektrisch, auch während der Fahrt bis zirka 50 km/h. Ein Cabriolet im Wortsinn ist der offene McLaren nicht, eher ein Targa. Die Rückscheibe kann auch heruntergefahren werden, wenn das Dach oben ist. Für das Wochenende muss der vordere Kofferraum mit seinen 150 Liter Volumen genügen, etwas Reserve ist noch im „Tonneau“. Bei geschlossenem Dach lässt sich der Verdeckkasten solo öffnen, und dort können noch ein paar Sachen verstaut werden. Rein rechnerisch ist hier Platz für 52 Liter Gepäck. Die Möglichkeit, offen zu fahren, ist dann aber perdu.

Ziemlich verloren fühlt man sich auch an der Tankstelle, wenn dem McLaren zuvor die Sporen gegeben wurden. 17,1 Liter Super Plus wurden dann auf 100 Kilometer verfeuert. Wer bummelt, kann aber auch mit 11 Liter Kraftstoff auskommen. Der Durchschnitt belief sich auf 14,2 Liter. Der Tank fasst 72 Liter und ist somit etwas zu klein. Alles in allem ist der McLaren ein formidabler Sportwagen, bei dem es um das pure Fahren geht, Assistenzsysteme gibt es vielleicht auch deswegen nur wenige. Das dürfte die 250 bis 300 deutschen Kunden, die sich jährlich einen dieser Renner aus Woking zulegen, ohnehin nicht stören.

Quelle: F.A.Z.
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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