Fahrbericht Triumph Tiger 1200

Der König der Tiger

Von Walter Wille
 - 10:32
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Die Tiger (Panthera tigris) haben sich im Laufe der Evolution in neun Unterarten aufgeteilt: Amur-Tiger, Bengal-Tiger, Südchinesischer Tiger, Sumatra-Tiger, Indochinesischer Tiger, Malaysia-Tiger, Bali-Tiger, Java-Tiger und Kaspischer Tiger. So kann man es im Artenporträt des WWF nachlesen. Dessen Tiger-Experten sollten es genau wissen. Aber es stimmt nicht ganz. Denn es existiert eine zehnte Art.

Das ist der Britische Tiger. Der wiederum hat Unterarten gebildet. Es gibt ihn mit 800 Kubikzentimeter Hubraum in diversen Ausstattungslinien sowie als Zwölfhunderter, ebenfalls in mehreren Varianten, alle der Gattung der Reiseenduro zugehörig. Tragen sie ein XR im Modell-Kürzel, sind sie als Asphalt-Tiger ganz überwiegend für den Einsatz auf der Straße ausgelegt. Die XC-Typen mit 19-Zoll-Speichenrädern (statt Gussrädern) sind die Geröll-Tiger für On- wie Offroad. Als beeindruckendstes Tier der frisch überarbeiteten Reihe brachte die Evolution den Tiger 1200 XCA hervor, gewissermaßen der Königstiger aus Hinckley.

„Tiger“, erklärt der WWF, „sind insgesamt sehr muskulös und bewegen sich geschmeidig. Sie haben einen großen Kopf mit relativ kurzer Schnauze, einen breiten, starken Nacken, besonders kräftige Schultern und Vordergliedmaßen und einen langen Schwanz.“ Das trifft alles auch auf den Britischen Tiger zu, abgesehen vom Schwanz. Einen solchen hat nicht einmal die Top-Variante 1200 XCA, um die es hier geht. Deren Preis – 20 000 Euro – ist happig, der Umfang des Gebotenen allerdings überwältigend. Für eine vollständige Aufzählung hätten wir den obenstehenden Artikel von der Seite kicken müssen, was Revierkämpfe in der Redaktion zur Folge gehabt hätte.

Der 1215-Kubik-Dreizylinder leistet nominell nun 141 PS bei 9350 Umdrehungen und schiebt mit bis zu 122 Nm (bei 7600/min). Die Entfaltung all der Nm und PS erfolgt ungeheuer linear und transparent, was im Zusammenspiel mit der erhaben komfortablen Sitzposition ein höchst souveränes Fahrgefühl erzeugt. Die Kraft wird über eine Kardan-Einarmschwinge zum Hinterrad geleitet, eine Kraft, die nie und nirgends etwas vermissen lässt. Dank Schaltassistenten lassen sich die Gänge auf- wie abwärts nun überwiegend ohne Kupplungsbetätigung wechseln, was bestens funktioniert. Bloß an die ziemlich langen Wege des Schalthebels muss man sich gewöhnen. Wir trafen beim Übergang vom ersten zum zweiten Gang einige Male unverhofft und peinlich brüllend den Leerlauf.

Was ist sonst neu? LED-Beleuchtung rundum zum Beispiel mit schickem, gleißendem Tagfahrlicht fürs Gesehenwerden im Hellen sowie adaptivem Kurvenlicht für die Nacht. Dank WWF wissen wir: „In Abhängigkeit von der Aktivitätszeit ihrer Beutetiere sind Tiger dämmerungs- und nachtaktiv.“ Die Lichtausbeute ist enorm, LED-Nebelscheinwerfer sind obendrein verbaut, die Blinker schalten automatisch ab, was sich in der Motorradwelt erst allmählich durchzusetzen beginnt.

Die XCA mit ihrer elektronischen Drosselklappensteuerung stellt sechs (!) Fahrmodi zur Verfügung, davon zwei für Geländepassagen. Ferner Berganfahrhilfe, Tempomat, elektrisches Lenkschloss, Funkzündschlüssel (muss nur für den Tankdeckel und die optionalen Koffer aus der Tasche geholt werden), 12V- und USB-Steckdosen, Griffheizung, Sitzheizung für Fahrer und Sozius, einen elektrischen Touring-Windschild, der sich stufenlos einstellen und ans Wetter und die Körpergröße anpassen lässt. Perfekt gemacht, bis auf die Tatsache, dass die Scheibe bei höherem Tempo vor der Nase herumzittert, statt stillzuhalten.

In der Dunkelheit verursacht das Farbdisplay des Cockpits Spiegelungen in der Scheibe. Davon abgesehen, ist dieser Bildschirm ein Muster an Brillanz und Übersichtlichkeit. Überzeugend sind auch die Menüführung, die Steuerung per Joystick und Schaltereinheiten an den Lenkerenden. Die sind hinterleuchtet, was angesichts der stattlichen Zahl an Hebeln und Tasten in der Dunkelheit ein Segen ist. Auf Handprotektoren, Kühler- und Ölwannenschutz im Adventure-Look, auf Motorschutzbügel und Hauptständer muss ebenfalls nicht verzichtet werden. Einen edlen Arrow-Schalldämpfer aus Titan und Karbon spendiert Triumph der XCA obendrein.

Noch was? Zum guten Gefühl der Rundumversorgung gehört die Integral-Bremsanlage, deren Antiblockiersystem ebenso wie die Traktionskontrolle schräglagenabhängig arbeitet. Per Joystick regulieren lässt sich die Dämpfung, das Federbein hinten weist eine automatische Niveauregulierung auf. Zudem arbeitet es semiaktiv, die Telegabel nicht. Letztere teilt sich – unser Hauptkritikpunkt an der Neuen aus Hinckley – ein wenig unklar mit, verhält sich umso störrischer, je mehr man die Einstellung von „Komfort“ über „Normal“ Richtung „Sport“ verändert. Dass die XCA im Zuge der Modellpflege einige Kilo abwarf, ist lobenswert, rund 270 Kilo (mit vollem 20-Liter-Tank) sind aber immer noch erheblich. Für Gelängeausflüge ein abschreckender Wert, auf Asphalt indes spürt man davon wenig. An Agilität und Wendigkeit mangelt es keineswegs. Unser Testtiger verbrauchte 5,2 bis 6,1 Liter auf 100 Kilometer. Aral und Shell zog er einem Wasserloch vor.

Als ausgestorben gelten laut WWF mit dem Bali-Tiger, dem Java-Tiger und dem Kaspischen Tiger schon drei Unterarten. Südchinesische Tiger soll es nur noch im Zoo geben, nicht mehr in der Natur. Zum Glück geht es wenigstens dem Britischen Tiger besser denn je.

Quelle: F.A.Z.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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