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Flugzeuge der Hurrikan-Jäger

Das kann ins Auge gehen

Von Jürgen Schelling
 - 14:28
Eine Lockheed Martin WC-130J Super Hercules Bild: 403rd Wing/Public Affairs, F.A.Z.

Wer sich jemals gewundert hat, wie Wetterdaten direkt aus dem Sturm gewonnen werden – mutige Leute fliegen hinein, messen und fliegen wieder nach Hause. Das bei Windgeschwindigkeiten bis zu 300 km/h mit einem gewöhnlichen Flugzeug zu machen ist keine gute Idee. Stattdessen braucht es dazu spezielles Gerät.

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Zum Beispiel die Lockheed Martin C-130 Hercules. Das ist schon ein imposantes Flugzeug. Vier mächtige Propellerturbinen mit je 3500 kW Leistung treiben die bis zu 70 Tonnen schwere Maschine an. Sie hat sich über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg den Ruf außerordentlicher Robustheit erworben. Genau das prädestiniert sie für einen der härtesten Jobs, den die Luftfahrt zu vergeben hat: das Erkunden und Vermessen von Hurrikanen mittels Durchfliegen dieser Wirbelstürme.

Die WC-130J ist eine speziell zur Wettererkundung modifizierte Variante der C-130 Hercules. Die wird normalerweise als militärischer Transporter, zum Absetzen schwerer Lasten aus der Luft an Fallschirmen oder auch als ziviles Frachtflugzeug eingesetzt. Zehn Exemplare der WC-130J sind bei der US Air Force zur Wetterforschung und für das Vermessen tropischer Wirbelstürme im Einsatz. Die Instrumente an Bord des bulligen Hochdeckers ermitteln Informationen über Luftdruck, Temperatur, Taupunkt und Windgeschwindigkeit eines Hurrikans.

Diese Daten werden an das Lagezentrum der amerikanischen Bundesbehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und deren National Hurricane Center weitergeleitet. Dessen Mitarbeiter sagen mit Hilfe der Daten aus den Flügen und Prognosemodellen die vermutliche Zugbahn, Größe und Intensität des Wirbelsturms voraus.

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Zwei Flugzeuge des ebenfalls viermotorigen Typs Lockheed WP-3D werden von der NOAA ebenfalls für die Wetterforschung eingesetzt. Die WP-3D ist eine umgerüstete Variante der Lockheed P-3 Orion. Die wurde in mehreren hundert Exemplaren als U-Boot-Jäger oder militärisches Aufklärungsflugzeug zwischen 1961 und 1990 gebaut. Die spektakulären Videos vom Durchfliegen des Hurrikans Irma in der vergangenen Woche stammen aus dem Flug einer WP-3D durch den verheerenden Wirbelsturm, der große Teile der Karibik, Kubas sowie Floridas verwüstete. Anders als die C-130 ist die WP-3D ein Tiefdecker und sieht auf den ersten Blick eher wie ein Airliner als wie ein Forschungsflugzeug aus. Sie hat mehrere unterschiedliche Wetterradarsysteme an Bord. Zudem ist eine Vorrichtung installiert, um Messsonden abzuwerfen, die dann im Wirbelsturm bis zu ihrem Aufschlag im Meer Daten senden.

In beiden Typen besteht die Crew aus zwei Piloten und mindestens drei Bordoffizieren oder Wissenschaftlern. Diese bedienen die Systeme zum Erfassen der Wetterdaten oder steuern den Abwurf der Messsonden. Nach Auskunft eines deutschen Ex-Militärpiloten fliegt die Crew bei diesen Forschungsflügen eine vorgegebene Flugroute, die mitten in den Hurrikan führt. Fast immer wird sogar mehrfach von verschiedenen Seiten in dieses fast windstille sogenannte Auge des Sturms geflogen. Da die Missionen normalerweise zehn Stunden oder mehr dauern, sind die von der NOAA genutzten WC-130J mit Zusatztanks ausgerüstet, die eine Flugzeit bis zu 18 Stunden erlauben.

Die Piloten fliegen auch nicht wie eine Airliner-Crew über dem Wettergeschehen, sondern lediglich etwa 9000 bis 10 000 Fuß hoch, das sind rund 3000 Meter, mitten in die Wetterküche. Zudem wird nicht mit Hilfe des Autopiloten geflogen, die Piloten steuern die Maschine grundsätzlich manuell. Trotz dieser anstrengenden Cockpitarbeit sind Unfälle bei diesen seit Mitte der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit unterschiedlichen Mustern stattfindenden Wetterforschungsflügen bisher die absolute Ausnahme. Lediglich eine C-130 stürzte 1974 in einem Sturm über dem Meer ab. Allerdings werden für diese Einsätze auch nur extrem erfahrene Piloten und Crewmitglieder eingesetzt.

Flugzeuge mit Propellerturbinen, sogenannte Turboprops, fliegen langsamer als Jets und eignen sich daher besser für solche Einsätze, weil statt mit mehr als 800 Kilometer je Stunde wie im Jet-Airliner etwa mit der C-130 nur rund 480 km/h schnell geflogen wird. Die Struktur der Turboprop steckt auch durch diese geringere Geschwindigkeit die Belastungen besser weg, als das ein Jet-Airliner könnte. Zudem sind die Wetterforschungsvarianten der C-130 aus einem überwiegend militärisch genutzten Flugzeugmuster entstanden, das höhere Anforderungen aushalten muss als ein reines Zivilflugzeug.

Allerdings sind beide für die Hurrikan-Forschung eingesetzten Flugzeugtypen vom Konzept her eigentlich schon Oldtimer. So flog die C-130 Hercules schon 1954 zum ersten Mal. Die Maschine wird bis heute gebaut und ist das am längsten ununterbrochen in Produktion stehende militärische Flugzeug. Auch die Lockheed P-3 Orion ist quasi ein immer wieder gelifteter Klassiker. Ihre Premiere am Himmel fand 1959 statt. Gebaut wurde sie bis 1990. Die Konstruktion geht sogar auf einen zivilen Airliner zurück, der noch älter ist. So startete die Lockheed L-188 Electra bereits 1957 zum Erstflug. Beide Flugzeugmuster werden aber ständig modernisiert und auf einem aktuellen technischen Standard gehalten. So haben etwa die beiden Wetterflugzeuge des Typs WP-3D erst vor kurzem neue Triebwerke erhalten. Diese je 3700 kW starken Propellerturbinen des Typs Rolls-Royce/Allison T-56A14 sorgen für eine Erhöhung der Lebensdauer und einen um fast zehn Prozent geringeren Treibstoffverbrauch.

Dass aber selbst bei den Wissenschaftlern der NOAA trotz ihrer verantwortungsvollen Hurrikan-Arbeit nicht immer alles bierernst gesehen wird, machen die außergewöhnlichen Namen ihrer beiden Forschungsflugzeuge vom Typ WP-3D deutlich. Sie heißen Kermit und Miss Piggy. Die berühmten Muppets-Figuren sind sogar als „Nose Art“ auf den Rümpfen aufgemalt.

Quelle: F.A.Z.
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