Vespa Museum Frankfurt

Freiheit und Unbeschwertheit auf zwei Rädern

Von Daniela Biehl
 - 17:55

Da steht sie, mitten in ihrem Traum. Umgeben von einem Dutzend Motorrollern lehnt Renate Gräfe an der Wand, streckt die Arme weit aus und deutet damit an, wie frei sie sich fühlt, wenn sie auf einem der Krafträder unterwegs ist oder wenn sie sich in dem von ihr selbst geschaffenen Museum um die Maschinen kümmern kann, deren ersten Exemplare der Italiener Enrico Piaggio vor mehr als 70 Jahren in Auftrag gegeben hat.

Dass das Vespa Museum in Praunheim einmal ihr Lebenswerk werden würde, hätte Gräfe nie gedacht. Bis zum Jahr 2010 schrieb sie an einer Chronik zur Frankfurter Vespa-Geschichte. Doch sie merkte bald, dass vieles schon verlorengegangen war. Die alten Treffpunkte der Rollerclubs kannte kaum noch jemand. Zwischen Sperrmüll und Umzugskartons stapelten sich in den Kellerräumen von Freunden Pokale aus den sechziger Jahren, sogar die ein oder andere fast vergessene Vespa hat sie dort wieder entdeckt.

Überall Vespas

„Auf einmal wollte ich das alles festhalten“, sagt Gräfe. „Die ganze Vespa-Ära.“ Noch im selben Jahr gründet die damals 70 Jahre alte ehemalige Bankkauffrau ihre eigene Stiftung. In den Räumen, in denen sich früher eine Kegelbahn befand, hinter der Gaststätte „Alt-Praunheim“, beginnt sie mit dem Aufbau eines Museums. Seit diesem Frühjahr hat es geöffnet, jeden ersten Dienstag im Monat von 10 bis 16 Uhr. Wer die Ausstellung betritt, weiß zunächst gar nicht, wo er zuerst hinschauen soll. Überall Vespas. Auf einer Bühne stehen acht bunte Roller, allesamt auf Hochglanz poliert. In den Regalen liegen Mini-Kraftrad-Modelle, Schneekugeln, mit der Vespa hinter Plexiglas, und Gräfe hat sogar Parfümflaschen in Form des italienischen Rollers entdeckt, der für viele für Sonne, Urlaub, die erste Freundin, kurzum für das süße Leben steht.

Zahllose historische Fotos hängen an den Wänden, und in Vitrinen stehen liebevoll gestaltete Pokale. Vorsichtig öffnet Gräfe eine solche Vitrine, holt eine Trophäe heraus und streicht über den schwarzen Sockel. Darauf thront ein goldener Bär, seine Tatzen streckt er dem Betrachter entgegen. „Mit den heutigen Pokalen ist der nicht mehr zu vergleichen.“

Für Gräfe verbinden sich mit dem Pokal viele Erinnerungen. Der goldene Bär habe einem lieben Vespa-Kollegen gehört, Peter Schmidt. In den sechziger und siebziger Jahren sei der Frankfurter viele Rennen gefahren. So auch 1962 in Berlin. „Das war damals eine 24-Stunden-Rallye“, sagt sie. Zwei Personen fuhren abwechselnd die 1000 Kilometer rund um die Hauptstadt. Schmidt gewann zusammen mit einem Freund den ersten Platz. Gräfe mag diese Geschichte, sie selbst ist nie Rallys gefahren.

„Das weiß kaum noch jemand“

Ihre Vespa-Leidenschaft beginnt kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag, 1959. Da sieht sie, wie ein Nachbar mit einem Roller durch die Straße düst, will dieses Freiheitsgefühl selbst erleben und macht einen Vespa-Führerschein. „Für Frauen war das damals nicht selbstverständlich.“ Anfangs kämpfte sie mit der Technik, hatte Schwierigkeiten beim Schalten. Später, mit Familie und Beruf, fehlte ihr schlicht die Zeit zum Fahren. Sie hatte ihren Roller längst aufgegeben, bis ein Freund sie Anfang der 90er Jahre anregte, wieder auf die Vespa zu steigen. Sofort fühlte sie sich wieder frei. So frei, dass sie fortan jedes Wochenende mit dem Roller unterwegs war. Mal ging es nach Aschaffenburg, mal in den Taunus, im Sommer reiste sie bis nach Portugal.

Die Vespa steht für sie für Unbeschwertheit, sagt Gräfe und zeigt auf ein Foto an der Wand. Es zeigt elf Roller, aufgereiht vor dem Storyville, einem früheren Jazz-Club in der Stiftstraße, der in den sechziger Jahren ein beliebter Treffpunkt für Vespa-Fahrer gewesen sei. „Die Vespa, das ist ein Gefährt für diejenigen gewesen, die etwas erleben wollten, die Lust auf Freiheit hatten.“ Wer Rallyes fuhr, habe sich dort getroffen. Oder sei in Sachsenhausen ins „Café Neubauer“ gegangen. Mehrmals war Frankfurt auch Austragungsort von internationalen Vespa-Treffen. Bis zu 2000 Roller düsten dann durch die Stadt.

„Doch das weiß kaum noch jemand“, sagt Gräfe, ein wenig betrübt. Mit ihrem Museum will sie dem Vergessen etwas entgegensetzen. Auch wenn es sie oft viel Mühe und Arbeit kostet. „3000 Arbeitsstunden stecken hier bestimmt drin“, schätzt sie. Fertig sei sie immer noch nicht. Eine Treppe wolle sie noch am Eingang bauen, und sie braucht eine Notbeleuchtung, sollte der Strom einmal ausfallen.

Quelle: F.A.Z.
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