Gebrauchtwagenmesse in Peking

Autos, so weit das Auge reicht

Von Tom Debus
 - 10:43
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Groß, größer, China. Wer in der Autowelt nach Rekorden sucht, der landet derzeit fast immer im Reich der Mitte: Die längsten Staus, die neuesten Straßen, die höchsten Zulassungszahlen, die spektakulärsten Händler – die Volksrepublik ist für die PS-Branche ein einziger Superlativ. Kein Wunder, dass auch der größte Gebrauchtwagenmarkt der Welt in Peking zu finden ist: Eine Stunde südwestlich des Zentrums füllt er im Fengtai-Distrikt ein Areal so groß wie eine kleine Stadt und bietet eine Szenerie, die ihresgleichen sucht: Autos, so weit das Auge reicht, stehen hier Spiegel an Spiegel und warten auf neue Kunden.

Nach Marken oder zumindest nach Preissegmenten sortiert, bieten über 500 kleine und große Händler hier fast alles an, was die Hersteller aus Deutschland oder Detroit, aus England und aus Japan auf die Räder stellen: Rund 10.000 Autos parken auf einem Areal, das größer ist als ein Dutzend Fußballplätze. Ob Donnerstag Nachmittag oder am Sonntagmorgen - egal wann man zwischen morgens sieben und abends sechs Uhr durch die kilometerlangen Reihen der Gebrauchten flaniert, man ist nie alleine.

Denn im ganzen Land boomt das Geschäft mit den Second-Hand-Autos. Im vergangenen Jahr gab es schon sieben Millionen Besitzumschreibungen, und bis 2020 erwartet der chinesische Händlerverband einen Gleichstand mit den Neuwagen und damit fast 30 Millionen Gebrauchtwagen-Deals im Jahr. Entsprechend hoch geht es auch auf dem größten Blechbasar der Welt zu: 450.000 Autos werden allein hier pro Jahr umgeschlagen, die Tendenz ist steigend. In Deutschland werden jährlich gut doppelt so viel Gebrauchtwagen umgeschrieben wie Neuwagen verkauft. Nach dem ersten Halbjahr 2016 steht es 3,74 zu 1,73 Millionen.

„Ein bisschen handeln muss schon sein“

Noch vor ein paar Jahren wäre es für die meisten Chinesen undenkbar gewesen, ein gebrauchtes Auto zu kaufen. „Man fuhr lieber ein kleineres als eines, in dem schon mal jemand anderes gesessen hat“, sagt Zhu Zuguang vom Online-Portal Bitauto, der den Markt besser kennt als die meisten anderen. Doch mittlerweile müssen zumindest ein paar von Maos Erben ebenfalls aufs Geld schauen oder haben erkannt, dass sie mit einem Gebrauchten schneller aufsteigen können in der automobilen Hierarchie. Während das wahnwitzige Wachstum bei den Neuwagen gerade ein wenig abkühlt, zieht es bei den Gebrauchten deshalb kräftig an. Die Händler auf dem Beijing Used Vehicle Trading Market können davon ein Lied singen. Denn ihr Umschlag beschleunigt sich immer mehr: „Früher standen die Autos auch mal drei, vier Wochen. Aber heute sind sie oft schon nach ein paar Tagen wieder weg“, sagt einer, vor dessen Bürocontainer so viele Audi A6 parken, dass die Tagelöhner mit den Wascheimern kaum hinterherkommen. Wenn der letzte Wagen in der Reihe halbwegs sauber ist, können sie deshalb vorn gerade wieder anfangen.

Und bevor er weiter über die Usancen des Geschäfts reden kann, verwickelt ihn schon wieder ein Pärchen in eine Kaufberatung. Den oder den? Und wenn ja, für wie viel? Wie es sich gehört bei Gebrauchtwagen, sind auch hier in Peking die Preise nicht in Granit gemeißelt. „Ein bisschen handeln muss schon sein“, bestätigt der Verkäufer das Klischee. Nur von Probefahrten halten sie hier nichts. Wie auch, bei so einem riesigen Auftrieb im Markt und dem Dauerstau davor?

Feilschen um einen Ferrari?

Während gewöhnliche Massenware - und dazu zählen hier auf dem Gebrauchtwagenmarkt selbst ein BMW-7er mit V12-Motor oder eine Mercedes S-Klasse im AMG-Trimm – draußen im Straßenstaub langsam den Glanz verliert, stehen die wirklich spannenden Autos in den fünf, sechs kaufhausgroßen Hallen in der ersten Reihe: „Zhong Sheng Luxury Car Center“ prangt an den großen Glasscheiben. Wer durch die Tore tritt, steht mittendrin in einem PS-Paradies, gegen das die Tiefgarage eines Grand Hotels in Dubai zu einem Armenhaus wird. Rolls-Royce parken hier in Reihe, es gibt Maserati en masse, die vielen G-Klassen im AMG-Trimm, die Panamera und Cayenne kann man kaum zählen. Dazwischen Ferrari und Lamborghini, Lotus oder McLaren, Bentley im Dutzend, sogar ein BMW i8 steht hier schon zum Verkauf.

Bis auf den Bugatti Veyron gibt es eigentlich nichts, was es nicht gibt. „Und selbst den hatten wir schon hier“, sagt Hoa. Die junge Dame im adretten Kostüm ist eine von 70 Verkäuferinnen und Verkäufern, die allein in dieser Halle mit 120 Autos das Geschäft am Laufen hält. Und sie hat gut zu tun. Ja, auch auf dem Luxusmarkt gibt es ein paar Ladenhüter. „Die rote Viper zum Beispiel steht schon seit über einem Jahr“, klagt ein Kollege der Verkäuferin. „Doch in der Regel sind die Autos nach zwei bis vier Wochen wieder raus aus unserem Laden. Und manche sind kaum gebracht, da haben sie auch schon einen Verkauft-Aufkleber in der Scheibe.“

Die Kunden sind gut informiert und kaufen schnell, sagt Hoa – nicht zuletzt, weil hier drin in den Luxus-Abteilungen des Gebrauchtwagenmarkts am Preis meist doch nichts mehr zu machen ist. Während die Touristen auf den Fake-Märkten in der Stadt um den letzten Yuan feilschen, werden zumindest die Luxusautos in der Regel zum Festpreis angeboten, sagt die Verkäuferin. Feilschen um einen Ferrari? Ganz so stillos sind offenbar selbst die Chinesen nicht. Wenngleich es schon schlimm genug aussieht, wenn selbst ein Rolls-Royce Phantom nicht vor marktschreierischen Preisschildern sicher ist.

Kennzeichen nur per Lotterie-Entscheid

Was man auf diesen nach Aufmerksamkeit heischenden Plakaten an Preisen sieht, liegt selbst bei den jüngsten Gebrauchten mit minimaler Laufleistung mindestens 20 Prozent unter dem Neupreis und oft noch deutlich darunter, berichtet die Mittzwanzigerin und erklärt damit, weshalb sich mittlerweile viele Kunden mit einem Auto aus zweiter Hand arrangieren. „Wenn man ein paar Millionen sparen kann, ist man nicht mehr ganz so wählerisch“, sagt die Verkäuferin. Allerdings gibt es noch einen anderen Grund, weshalb das Geschäft so erfolgreich ist: „Weil Lamborghini & Co für einige Modelle so lange Lieferfristen haben, kommen die Kunden mit unseren Gebrauchten oft schneller zum Zuge.“

Draußen VW, Audi, BMW, Lexus, Lincoln, Jeep oder Volvo zu hunderten und drinnen Ferrari, Bentley, Porsche oder Rolls-Royce im ganzen Dutzend – es gibt wirklich nichts, was es auf dem größten Gebrauchtwagenmarkt der Welt nicht gibt – außer chinesische Autos. „Die kauft in Peking schon als Neuwagen kaum jemand, und als Gebrauchten erst recht nicht,“ sagt Branchenkenner Zuguang: „Deshalb gehen die alle aufs Land.“

Aber mit dem Kauf eines Autos allein ist es nicht getan. Erst recht nicht in Peking. In einer Stadt, in der es Kennzeichen nur per Lotterie-Entscheid gibt, kann man nicht einfach einen Gebrauchten kaufen, zum Amt gehen und danach durch die Stadt fahren. Ohne Nummernschild fährt auf dem Car Trading Market keiner vom Hof. Und weil das ganze Areal vom Staat reglementiert wird, ist die Zulassungsbehörde gleich mit auf dem Gelände angesiedelt.

Der Job des Platzfreihalters

Nachdem unten in der Vorfahrt Autos und Papiere so genau kontrolliert wurden wie früher die Transitreisenden an der Zonengrenze, marschieren die stolzen Besitzer danach mit dem Fahrzeugschein nach Art eines Oktavheftchens und allen anderen Papieren in die große Halle im dritten Obergeschoss, in der die Zulassungsbeamten Hof halten. Groß wie das Abflugterminal eines mittelgroßen Flughafens und nicht minder turbulent sitzen dort dann Hunderte Möchtegern-Autofahrer vor riesigen Nummerntafeln und warten darauf, dass sie an einen der über 40 Schalter gerufen werden. Und warten, und warten und warten.

Was manche als Strafe des Staates empfinden und nur mit größter Demut ertragen, ist für andere ein Segen. Zum Beispiel für den Mann mit der Nummer 844. Denn wie so viele hier in den schier endlosen Stuhlreihen, sitzt er hier die Zeit für andere ab und verdient sich sein Geld als Platzhalter in der Warteschlange. Vier, fünf Stunden anstehen sind für ihn keine Seltenheit, und wenn er zwei Aufträge am Tag ergattern kann, dann ist er glücklich. Spannend ist der Job nicht, und die Langnasen aus dem Westen würden wahrscheinlich wahnsinnig bei dem Gewusel und Gelärme, das in der großen Halle des motorisierten Volkes herrscht. Doch der Mann mit der 844 ist glücklich und macht wie die Händler unten im Hof ebenfalls seinen Schnitt bei der Massenmobilisierung. Bis er hier allerdings sein eigenes Auto anmelden kann, wird er wohl noch ein paar Jahre absitzen müssen. Denn bei einem Stundenlohn von zehn Renminbi (umgerechnet rund 1,30 Euro) findet er selbst auf dem größten Gebrauchtwagenmarkt der Welt so schnell kein bezahlbares Auto.

Quelle: F.A.S.
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