Globaler Autosalon in Basel

Ganz was Feines

Von Tom Debus
 - 16:28

Sie verstopfen unsere Städte, sie verpesten die Luft, und mit den unterstellten Kartellabsprachen der Hersteller ziehen sie uns auch noch das Geld aus der Tasche – wenn man das Auto nur als industrielles Massenprodukt und Transportmittel betrachtet, dann kommt man um Kritik kaum herum. Dann kann man auch die Schwarzmaler gut verstehen, die in Zeiten von Elektroantrieb, autonomem Fahren und Newcomern wie Tesla schon das Ende der Autowelt herbeireden, wie wir sie bislang kennen. Und vor allem kann man dann auch nachvollziehen, weshalb Automobilmessen wie die IAA in Jahren wie diesen schwer zu kämpfen haben, weshalb etliche Aussteller absagen und die Veranstalter Angst vor einem Besucherschwund haben.

„Doch das Auto ist auch Kunstwerk und Kulturgut und steht als solches über den Dingen“, sagt Mark Backé und will sich nicht anstecken lassen vom grassierenden PS-Pessimismus. Im Gegenteil. Als Vorstandsmitglied der Schweizer MCH Group hat er deshalb jetzt sogar eine neue Ausstellungsplattform geschaffen, mit der sie die Lust am Auto weiter pflegen wollen. „Grand Basel“ heißt das Konzept, das mit einer Messe wie der IAA allerdings kaum mehr gemein hat als ein Sternerestaurant mit einem Landgasthof. Nicht umsonst lautet der Arbeitstitel „Project Pinnacle“ und steht damit für den Gipfel der Automobilkultur.

Trends der Luxusmärkte und die Vorlieben der Uhnwis

„Denn eine weitere Motorshow im althergebrachten Sinn braucht die Welt ganz sicher nicht“, ist Backés Kollege Stephan Peyer überzeugt. Während er den angeblichen Niedergang der großen Universal-Ausstellungen beobachtet, registriert er allerdings einen wachsende Zuspruch für elitäre Events wie das Festival of Speed in Goodwood, den Concours d’Elegance in der Villa d’Este am Comer See und allen voran die Car Week in Monterey, die sich rund um den Concours von Pebble Beach zu einer Art IAA im Smoking entwickelt hat, bei der man für einzelne Ausstellungen über 600 Dollar bezahlt und trotzdem nur einen Platz auf der Warteliste bekommt.

Und Peyer ist nicht umsonst erstens Schweizer und zweitens Geschäftsmann genug, als dass er dieser Entwicklung nicht mit einer passenden Statistik untermauern könnte. „Betrachten wir die Trends der Luxusmärkte und die Vorlieben der Uhnwis, der Ultra High Net Worth Individuals mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen Dollar, haben sich Classic Cars über die vergangenen zehn Jahre mit einem Wachstum von 457 Prozent an die Spitze der Entwicklung gesetzt“, sagt Peyer und schließt darin auch moderne Einzelstücke, Konzeptfahrzeuge, Kleinserien und Supersportwagen ein. Luxusgüter wie Uhren, Kunst oder Schmuck seien in dieser Zeit dagegen nur zwischen 66 und 147 Prozent gewachsen.

Statt Messetrubel versprechen sie Museumsatmosphäre

Weil diese Superreichen die Kunden sind, auf die sie eigentlich abzielen, geht es den Messemachern nicht um Masse, sondern nur um Klasse. Obwohl sie gerne Marktplatz sein wollen, als Aussteller vor allem Händler sehen und am besten alle Autos am Ende der Show verkauft sein sollen, kaschieren sie den Kommerz deshalb mit reichlich Kultur. Und statt Messetrubel versprechen sie Museumsatmosphäre – nicht umsonst zwingen sie die Aussteller in ein einheitliches Standkonzept, das vom Berliner Designbüro Blue Scope als eine Vielzahl ebenso modularer wie monotoner Kuben entworfen wurde, die sich um ein zentrales Forum gruppieren, in dem auch gefahren werden kann. Und nicht ohne Grund beschränken sie die Zahl der Modelle pro Marke auf maximal sieben, so dass bei 100 bis 200 Exponaten eine gewisse Vielfalt garantiert ist.

Und das ist nicht der einzige Unterschied zu einer konventionellen Messe: Während ein Rundgang über die IAA oder den Genfer Salon einem Bummel durch ein Parkhaus gleiche, bei dem man sich erstens gerne verläuft und zweitens nur durch Zufall mal etwas Sehenswertes zu Gesicht bekommt, wird die Grand Basel die erste kuratierte Automobilausstellung, sagt der Kölner Designprofessor Paolo Tumminelli, der mit einem internationalen Expertengremium die Auswahl der Exponate trifft. Und wo sich IAA & Co. auf Gegenwart und Zukunft konzentrieren, spannen die Schweizer den Bogen über alle Epochen und wollen Klassiker genauso zeigen wie aktuelle Neuwagen und visionäre Designstudien – nicht zuletzt, weil die sich natürlich meist besser und teurer verkaufen lassen.

Wie könnte ein Lamborghini Countach in 20 Jahren aussehen?

Schon zur Vorpremiere in Jahr vor der Eröffnung hat Tumminelli deshalb groß auffahren lassen und zeigt die Spannweite des Konzeptes. Denn zwei ultimativen Klassikern wie dem von Giorgetto Giugiaro entworfenen Bertone Corvair Testudo und einem von Le Corbusier inspirierten Voisin C25 für die Autostadt Paris stehen zwei nicht minder spektakuläre Studien gegenüber: Aus China kommt der Lo Res Car, der mit einer extremen Keilform zeigt, wie ein Lamborghini Countach in 20 Jahren aussehen könnte, und aus Italien hat Andrea Zagato die Studie eines neuen IsoRivolta mitgebracht und für die Ausstellung im nächsten Jahr schon mal das Serienmodell versprochen.

Solche Hochkaräter sind es, von denen sich Messemacher Peyer mehr wünscht für die eigentliche Premiere im nächsten Jahr: Herkömmliche Hersteller dagegen kann er sich bei der Grand Basel nicht vorstellen. Einen neuen Maybach zum Beispiel könne Mercedes-Benz gerne bringen. Doch eine S-Klasse, ein SL oder was sonst für weniger als 150 000 Euro zu haben ist, das kann den Schweizern bei allem Respekt gestohlen bleiben und gerne den Weg nach Frankfurt oder Genf nehmen.

Klasse statt Masse – das ist ein Konzept, mit dem sich die MCH Group auskennt. Denn sie kopiert dafür ihre ebenso elitären wie erfolgreichen Formate „Art Basel“ und „Basel World“. Auch für die Grand Basel werde es deshalb erst mal einen Tag mit vielleicht 5000 geladenen Gästen geben, bevor in den vermutlich fünf Tagen danach noch einmal 30 000 bis 40 000 zahlende Besucher durch die Hallen schlendern dürfen. Und genau wie die Kunstmesse und die Schmuckschau wird deshalb auch der Automobilsalon im Smoking auf Tour gehen. Die erste Veranstaltung ist ab dem 3. September 2018 in Basel geplant, im November soll die Ausstellung in Miami eröffnen und im Jahr darauf dann auch in Hongkong. „Damit bedienen wir die drei Regionen, in denen fast 90 Prozent der sogenannten Uhnwis zu Hause sind“, rechtfertigt Peyer diese Planung, die im Messe-Zirkus ebenfalls einzigartig ist.

Angst um die Zukunft des Autos und damit um ihre Veranstaltung haben die Macher der Grand Basel nicht: Egal ob elektrisch oder autonom, besessen oder nur benutzt, gekauft oder geteilt – solange niemand das Beamen erfindet, wird es das Auto immer geben, sind sie überzeugt. Und solange es genügend Superreiche gibt, werden Autos auch immer Statussymbole, Kunststücke und Objekte der Begierde sein. Die alten und aktuellen ohnehin und die von morgen auch. Während niemand so recht vorhersehen kann, wie eine IAA oder ein Genfer Salon in zwei Jahrzehnten aussehen könnte, hegt Peyer an der langfristigen Tragfähigkeit der Grand Basel deshalb keine Zweifel: „Wir werden auch in 30 Jahren noch genügend spannende Autos finden, um ein spannendes Programm zusammenzustellen.“

Quelle: F.A.S.
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