Grip durch Grips

Technik der Yamaha Niken

Von Ulf Böhringer
 - 12:59

Ziemlich genau einen Zentner mehr als die vom selben Dreizylindermotor angetriebene Yamaha Tracer 900 wiegt die 263 Kilo schwere Niken. Zwei Vorderräder, vier Gabelholme und ein mächtiger Vorbau, der den Gedanken an ein Rieseninsekt aufkommen lässt, sind auf den ersten Blick erkennbare Besonderheiten. Die Vorderradführung mit Neigesystem ist ein aufwendiges Technik-Schmankerl.

Bei demontierter Verkleidung von vorne betrachtet, sind drei übereinander angeordnete Aluminiumguss-Elemente erkennbar, die unabhängig von der Neigung des Fahrzeugs stets parallel zueinander bleiben; sie sind über Lager verbunden. Die beiden oberen Elemente in Form eines Parallelogramms übertragen die vom Fahrer mittels Lenkstange und Gewichtsverlagerung eingeleitete Neigung auf die Radführungen, also die USD-Telegabeln, je zwei auf jeder Seite. Zugunsten maximaler Schräglagenfreiheit sind sie außen am Rad fixiert.

Der jeweils hintere Gabelholm beinhaltet ein umgekehrt (upside down) montiertes Tauchrohr mit 43 Millimeter Durchmesser, zuständig für Federung und Dämpfung. Das vordere 41-Millimeter-Gabelelement dient der Radführung. Der Federweg des Systems liegt bei 110 Millimeter. Der Lenkkopfwinkel beträgt 70 Grad, die Gabelholme stehen also ungewöhnlich steil.

Ackermann-System für natürliches Lenkgefühl

Beide Seiten der Konstruktion arbeiten unabhängig voneinander und können auch unabhängig voneinander eingestellt werden. Verbunden sind die jeweils zwei Gabelholme über eine Klemmfaust unten am Standrohr sowie über ein Gusselement, an dem wiederum das für die Neigetechnik zuständige Lenker-Parallelogramm fixiert ist. Das System federt beim harten Bremsen weitaus weniger ein als eine herkömmliche Telegabel; man kann deshalb von einer Art Anti-Diving-Funktion sprechen.

Um ein natürliches, einem normalen Motorrad möglichst ähnliches Lenkgefühl zu erzeugen, entschieden sich die Yamaha-Entwickler um den Projektleiter Takahiro Suzuki dafür, auf das sogenannte Ackermann-System zurückzugreifen, schon 1817 von einem Münchener Wagnermeister erfunden. Es beruht auf der Erkenntnis, dass das kurveninnere und das kurvenäußere Vorderrad unterschiedlichen Radien folgen müssen, soll das Fahrzeug Biegungen verspannungsfrei umrunden. Das innere Rad lenkt stets ein wenig stärker ein als das äußere. Diesem Zweck dient die unterste der drei übereinander angeordneten Leichtmetallverbindungen.

Lenker, Sitz und Fußrasten weiter hinten als gewohnt

Fahrversuche ergaben laut Yamaha, dass ein Raddurchmesser von 15 Zoll die Aspekte Stabilität und Agilität am besten in Verbindung bringt. Deshalb wurde in Zusammenarbeit mit dem Reifenhersteller Bridgestone ein neuer Vorderreifen in der Dimension 120/70 R 15 entwickelt. Die geringe Radgröße – zumeist sind bei Motorrädern 17 Zoll-Vorderräder üblich – bedingt die Montage kleinerer Bremsscheiben. Der Scheibendurchmesser der Niken beträgt lediglich 265,5 Millimeter, während am 17-Zoll-Rad hinten eine mit 298 Millimetern überdurchschnittlich große Bremsscheibe montiert wird.

Ebenfalls ungewöhnlich ist die Positionierung des Fahrers auf dem Fahrzeug. Das hohe Gewicht des Vorderbaus erforderte es, den Fahrer gemessen an der Tracer 900 um 50 Millimeter weiter nach hinten zu versetzen, um ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Vorderrad- und Hinterradlast zu erreichen. Dazu wurden Lenker, Sitz und auch Fußrasten nach hinten verlegt. Mit einem 75-Kilo-Fahrer soll die Gewichtsverteilung dank dieser und weiterer Maßnahmen wie beispielsweise Verwendung eines Alu-Tanks bei exakt 50:50 liegen.

Der aus MT-09 und Tracer 900 bekannte Dreizylinder-Motor wurde für die Verwendung in der Niken nur geringfügig modifiziert. Zugunsten eines günstigeren Drehmomentverlaufs hat man die Schwungmassen der Kurbelwelle um 18 Prozent erhöht, zudem wurde die Einspritzanlage neu abgestimmt. Dass die Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h (Tracer) auf 190 km/h reduziert wurde, dürfte in der Praxis nur wenig bedeutsam sein.

Quelle: F.A.S.
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