Vier Big-Twins im Vergleich

Harley stellt sich auf eine höhere Ebene

Von Walter Wille
 - 10:47
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Eine Harley-Davidson misst man nicht nach den üblichen Maßstäben. Was schert einen der ganze Technikkram, solange das Motorrad angemessen glänzt und gleitet, bollert und Blicke auf sich zieht. Dann ist doch alles in Ordnung. Oder etwa nicht?

Nun, so einfach war es vielleicht mal, ist es aber nicht mehr. Die angestammte Kundschaft wird immer anspruchvoller, will von allem mehr: Leistung, Beschleunigung, Fahrspaß. Und sie altert. Nachwuchs muss her. Deswegen wird im Hauptquartier von Milwaukee an der Zukunft hart gearbeitet. Innerhalb der nächsten zehn Jahre will die Motor Company 100 neue Modelle auf den Markt bringen. Hundert! Darunter sollen Fahrzeuge sein, die man nie und nimmer von Harley-Davidson erwarten würde.

Je weiter die Zeit voranschreitet, desto größer der Spagat, den die Planer meistern müssen. Die rundum neu konstruierten Modelle der Softail-Familie sind der bebende Beweis. Hier trifft Faltenbalg auf USB-Buchse, Drahtspeiche auf Digitaldisplay, Weißwandreifen auf LED-Scheinwerfer. Mag der Gasgriff noch so elektronisch sein, das archaische Klonk! beim Einlegen des ersten Gangs will kein Harley-Fahrer missen. Also sorgen die Harley-Konstrukteure für einen Klonk.

Vier Modelle
Harleys neue Big-Twin-Typen
© Harley Davidson, FAZ.NET

Modernisieren, aber die Tradition nicht vernachlässigen lautet die Aufgabe, treue Fans nicht vergraulen und zugleich junge Leute locken, die ein Motorrad nicht automatisch anbeten, nur weil das Bar & Shield-Logo drauf ist, sondern es vielleicht nach den üblichen Maßstäben messen und vergleichen. Nie hatten die Amerikaner in ihrer Paradedisziplin des Motorradbaus im klassischen Stil so starke Konkurrenz wie heute. Ihre Verkaufszahlen schrumpfen gerade bedenklich, was dem Mythos nicht guttut.

Aber Harley-Davidson hat schon manche Delle durchgestanden. Weithin unterschätzt wird, wie akribisch das Unternehmen nicht nur seinen Mythos pflegt, sondern auf Basis umfangreicher Kundenbefragungen auch Schritt für Schritt die Maschinen weiterentwickelt. Die jetzt vorgestellte Softail-Generation 2018 entstand durch gewohnt behutsamen Umgang mit dem Design, in technischer Hinsicht allerdings wurde die große Keule geschwungen. Vom aufwendigsten Projekt der Unternehmensgeschichte, die ja immerhin bis 1903 zurückreicht, ist die Rede.

Zwei Baureihen wurden fusioniert und auf eine neue, gemeinsame Plattform gestellt, ganz im Sinne einer Straffung des Modellprogramms und eines Effizienzgewinns in der Produktion. Gestrichen wurde die Dyna-Serie, was hier und da einen Aufschrei erzeugte, drei ihrer Mitglieder (Street Bob, Fat Bob, Low Rider) fanden Unterschlupf in der Softail-Familie, zu der die Modelle Slim, Deluxe, Breakout, Fat Boy und Heritage Classic gehören.

Der neue Bau- ist ein wahrer Zauberkasten: Im Hinblick auf das Fahrerlebnis wird ein weites Spektrum für ganz unterschiedliche Zielgruppen geboten, auf Basis weitgehend identischer Technik. Stilistisch ist fast jedes Jahrzehnt seit den Vierzigern vertreten. Die Street Bob als Einstieg in Harleys Big-Twin-Welt ist ein Chopper im Geiste der späten Sechziger, die als Umbau-Basis beliebte Low Rider ein opulenterer Siebziger-Jahre-Typ, die Slim eine schlanker Nachkriegs-Bobber, die Deluxe ein Chromschlitten für den Boulevard, die Heritage Classic ein Nostalgie-Tourer, der sich durch Abnehmen der Seitenkoffer und Windschutzscheibe in einen Cruiser verwandeln lässt, die Breakout ein langes, flaches Dragstrip-Eisen. Die überarbeitete Fat Boy, Harleys wuchtige Cruiser-Ikone, trägt zur 240-Millimeter-Heckwalze jetzt den breitesten Vorderreifen der Geschichte, mit 160 Millimetern breiter als der Hinterreifen vieler gewöhnlicher Motorräder.

Von allen acht Maschinen die größte Verwandlung hat die Fat Bob durchgemacht, einstmals bedauernswertes Mauerblümchen der Dyna-Serie und nun der heimliche Star der neuen Softails: ein kurvenfreudiges Spaßmobil im Gewand eines martialischen Jeeps auf zwei Rädern, ausgerüstet mit USD-Gabel, Drei-Scheiben-Bremsanlage (alle anderen haben nur zwei), mordsbreiter Lenkstange und markantem Doppelauspuff wie von der Artillerie. So dynamisch agil war schon lange keine Harley mehr.

Gemeinsames Merkmal aller acht ist der Starrrahmen-Look (siehe Kasten). Rahmen und Hinterradschwingen sind Neukonstruktionen, nach Angaben des Unternehmens jetzt wesentlich leichter und zugleich verwindungssteifer als bisher. Die Gewichtseinsparungen insgesamt werden mit bis zu 17 Kilogramm je Fahrzeug beziffert. Überarbeitete Rahmengeometrien, hochwertigere Telegabeln, diensteifrigere Bremsen leisten ihren Beitrag zum Fortschritt im Dienste von besserem Handling, mehr Komfort und Zielgenauigkeit Ein paar Grad mehr Schräglagenfreiheit kamen hier und dort ebenfalls heraus. Sämtliche Softails werden nun mit LED-Scheinwerfern ausgerüstet, einer USB-Steckdose am Lenkkopf, schlüsselloser Zündung, Alarmanlage und Wegfahrsperre. Sitze, Tanks und vieles mehr wurden modifiziert, auch die Anzeigeinstrumente, bei den meisten Modellen als Kombination aus Analog- und Digitalanzeigen. Eine verblüffend minimalistische Lösung hat man sich hier für Breakout und Street Bob ausgedacht: ein Mini-Display, in die Lenkerklemme integriert. Das wird Nachahmer finden.

Angetrieben werden sämtliche Softails jetzt vom Milwaukee-Eight 107, dem V-Twin, der sein Debüt im Vorjahr in den Harley-Tourern gab. Er wird, im Unterschied zu den Reisedampfern, ohne Gummilagerung fest im Rahmen verschraubt, hat dafür statt nur einer zwei Ausgleichswellen zur Vibrationsdämpfung. Aus der Tiefe von 1745 Kubikzentimeter Hubraum fördert der V-Twin 87 PS (64 kW) hervor. Kurbelt er mit 3000 Umdrehungen, machen sich 145 Newtonmeter Drehmoment auf den Weg zum Riemenantrieb des Hinterrads. Wem das nicht reicht, der kann vier der Softails (Fat Bob, Fat Boy, Breakout, Heritage Classic) mit der 1868-Kubik-Variante Milwaukee-Eight 114 ordern: 94 PS, 155 Nm. Wem das immer noch nicht reicht, dem ist nicht zu helfen.

Ein erstes Fazit nach Probefahrten mit Street Bob, Breakout, Heritage und Street Bob: Sie bollern und beben noch, glänzen und gleiten. Doch sie fühlen sich dabei jetzt eine Klasse besser, stärker, moderner an. Dem ganzen Technikkram sei Dank.

Hardtail, Softail – ein Wortspiel mit historischem Hintergrund

Softail-Harleys haben ein gefedertes Hinterrad, sehen aber aus wie klassische Motorräder der vierziger und fünfziger Jahre mit starrem Rahmen (Hardtail). Willie G. Davidson, Enkel eines der Unternehmensgründer und Designchef von 1963 bis 2012, war ein Anhänger des Hardtail-Looks alter Schule mit klaren Proportionen und einer geraden, abfallenden Linie vom Lenkkopf bis zur Hinterachse. Im Jahr 1982 griff die Motor Company eine ursprünglich von dem Tüftler Bill Davis stammende Idee auf und konstruierte einen Rahmen plus Dreiecksschwinge, die den Anblick eines starren Hecks, zugleich aber zeitgemäßen Federungskomfort bot. Davis’ Erfindung aus dem Jahr 1976 sah die Montage der Federbeine unter dem Sitz vor, die Konstrukteure allerdings versteckten sie als Paar unter dem Motor. Als erstes Softail-Modell kam 1984 die FXST auf den Markt, mit klassisch geformtem Benzintank und Horseshoe-Öltank nach Art der dreißiger Jahre. Zahlreiche weitere Softail-Typen folgten, etwa 1986 die Heritage im Stil der späten Vierziger oder 1990 die Fat Boy, die durch den Schwarzenegger-Film Terminator 2 zu gewissem Ruhm gelangte. In der FXST von 1984 debütierte der damals neue Evolution-Motor mit 1340 Kubikzentimeter Hubraum. Vom Jahr 2000 an wurden die Softails mit dem Twin Cam 88B (1449 Kubik) ausgerüstet, dem sieben Jahre später der Twin Cam 96B mit 1584 Kubik folgte. 2012 hatte sich Harley mit dem Twin Cam 103B auf 1690 Kubik hochgearbeitet. Vom Modelljahr 2018 an gibt es die Softails mit dem 1745 oder 1868 Kubik großen V-Twin namens Milwaukee-Eight. Und: Das Zentralfederbein wird nun unterm Sitz verbaut – mit Druck- statt Zugbelastung, so wie es Davis einst konzipiert hatte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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