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Licht und Schatten auf der IAA

Autoschau mit Motorschaden

Von Holger Appel und Boris Schmidt
 - 16:34
BMW Z4 Bild: Appel, F.A.Z.

Die Vorzeichen für die IAA 2017 könnten kaum schlechter sein. Nicht nur das Auto als solches steht im Dauerfeuer der Kritik, auch die Zahl der Absagen renommierter Hersteller und Marken ist zum ersten Mal zweistellig. Nicht in Frankfurt sind unter anderem Aston Martin, Alfa Romeo, Cadillac, DS, Fiat, Infiniti, Mitsubishi, Jeep, Nissan, Peugeot, Rolls-Royce und Volvo. Auch Tesla fehlt. Dabei gehöre doch dem Elektroauto die Zukunft, sagen alle.

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Das Fernbleiben wird meist mit den hohen Kosten begründet, es spielt aber gewiss auch eine Rolle, dass der Kunde sich heute auf anderen Wegen informiert und sich immer mehr Auto-Anbieter fragen, ob ein klassischer Messeauftritt überhaupt noch zeitgemäß ist und sich in irgendeiner Form auszahlt. Vor allem, wenn er so teuer ist wie der in Frankfurt. Es sind nicht nur die hohen Standgebühren mit allem Drum und Dran, auch die Hotelkosten wachsen ins Uferlose. BMW ist dazu übergegangen, seine Manager morgens ein- und abends wieder abfliegen zu lassen. Das ist billiger.

Vereinzelt hatte es sogar Rufe nach einer Absage gegeben, allerdings begründet mit der politischen Lage des Autos, nicht mit den Messekosten. 1971 war die IAA schon einmal ausgefallen, und das nicht wegen der Ölkrise, wie oft zu lesen ist. Der damalige Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Johann Heinrich von Brunn, sagte die 45. IAA im Januar 1971 völlig überraschend ab, obwohl sich schon mehr als 1500 Aussteller angemeldet hatten. Als wichtigsten Grund für diese Entscheidung nannte von Brunn den enormen Anstieg der mit der Ausstellung verbundenen Kosten, die der ungünstigen Ertragslage der Automobilhersteller und einem vermehrten Zwang zum Sparen gegenüberstünden. Wichtige Probleme seien zudem zu lösen, die IAA trete in den Hintergrund. Nach Amerika werde man zum Beispiel von 1975 an nur nahezu völlig abgasfreie Autos exportieren können.

46 Jahre später hat sich also gar nicht so viel geändert. Nur, dass die Latte für ein „völlig abgasfreies“ Auto immer noch höher gelegt wird. Und die Rufe nach Elektroautos immer noch lauter werden. Nur, wo bleiben sie denn? Sie spielen immer noch nur eine Nebenrolle, auf ein marktreifes, bezahlbares und absolut alltagstaugliches E-Auto warten wir noch immer. Am Bündel der Probleme hat sich nichts geändert. Es gibt Fortschritte, ja, aber es fehlt immer noch an Reichweite, die öffentlichen Lademöglichkeiten sind dürftig, es fehlt dort ein einheitliches Bezahlsystem für den Strom, die Ladezeiten sind nach wie vor zu lang. Ganz abgesehen von der Frage, wo der Strom herkommt – vielleicht aus einem Kohlekraftwerk? Ob in einer Gesamtrechnung das Elektroauto tatsächlich umweltschonender ist als ein moderner Diesel, muss ebenfalls hinterfragt werden. Für die Akkus sind wichtige Rohstoffe nötig, deren Gewinnung ist energieintensiv, und wie deren umweltgerechte Entsorgung funktionieren soll, wenn wir 20 Millionen Elektroautos im Jahr 2050 auf unseren Straßen haben, weiß noch keiner. Die Akkus halten nicht ewig.

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Zurück zur Gegenwart. Während sich Politiker jeglicher Couleur, Umweltverbände und die Autoindustrie um die Zukunft des Verbrennungsmotors im Allgemeinen und des Diesels im Besonderen balgen, ficht das den deutschen Autokäufer kaum an. Gut, der Diesel muss Abstriche machen, es werden immer weniger Selbstzünder gekauft, der Dieselanteil lag im August nur noch bei 37,7 Prozent. Es waren schon mal 50 Prozent, aber vor zwanzig Jahren lag er nur bei 14,9 Prozent. So gesehen sind 37,3 Prozent noch viel, und jeder darf sich sicher sein: Sind Diesel-Fahrverbote erst mal vom Tisch, steigt auch die Quote wieder, schließlich verbrauchen Dieselfahrzeuge deutlich weniger, und der Kraftstoff ist dazu noch billiger. Den Schwarzen Peter haben dann wahrscheinlich jene, die noch mit einem alten Diesel der Schadstoffklassen 5 und schlechter unterwegs sind. Deren Zahl geht in die Millionen. Alte, gebrauchte Diesel sind heute kaum verkäuflich oder nur unter großen Abstrichen. Das mag ein Grund für ein Stagnieren bei den Besitzumschreibungen sein; knapp fünf Millionen waren es bisher 2017, das sind 0,5 Prozent weniger als 2016 bis einschließlich August.

Immerhin kommen fast 7000 Hybrid-Autos dazu

Dagegen ist der Neuwagenmarkt im Vergleich August 2017 mit August 2016 um 3,5 Prozent gewachsen, aufs Jahr gesehen liegt 2017 bislang mit 2,9 Prozent gegenüber 2016 im Plus. Und das Interesse am Elektroauto nimmt auf niedrigem Niveau sprunghaft zu. 2177 reine E-Autos wurden zugelassen, das sind 143,2 Prozent mehr als im August des vergangenen Jahres. Oder 0,85 Prozent vom Gesamtmarkt. Immerhin kommen fast 7000 Hybrid-Autos dazu, davon 2617 als an der Steckdose aufladbarer Plug-in. Die Stromer-Quote liegt also wohlwollend bei 3,5 Prozent.

Es ist noch ein weiter Weg, bis es 35 Prozent sind, einzelne Vorboten sind da, zum Teil sind sie auf der Messe zu sehen. Doch Geduld ist vonnöten. Die groß angekündigten Neuheiten im Bereich der E-Mobilität lassen lange auf sich warten. So war der Mission E von Porsche einer der Stars der IAA vor zwei Jahren und auch auf dem Titel dieser Beilage im September 2015, er ist freilich seither in der Warteschleife. Allerdings hatte Porsche vor 24 Monaten gesagt, dass die Marktreife nicht vor 2018 erreicht sei. Gleiches gilt für die damaligen E-Studien von Audi und Mercedes-Benz. Am Ball sind sie alle, Porsche hat eigens einen neuen Sprecher eingestellt, der sich nur um den Mission E kümmern soll.

Neue, sofort marktreife Elektroautos sind eine Seltenheit auf der IAA. Honda bringt die Studie Urban EV Concept mit, aus der der erste elektrische Honda für Europa werden soll. Mercedes-Benz wird sein erstes vollelektrisches EQ-Konzeptfahrzeug im Kompaktsegment vorstellen. So nebenbei hat man auch eine Brennstoffzellen-Studie dabei, jene alternative Technik, bei der Elektroautos Wasserstoff tanken. Smart überrascht mit einer rollenden Kugel, die auch noch autonom fährt. Auch VW hat wieder eine E-Auto-Studie dabei.

Neu ist vielmehr der Jaguar E-Pace

BMW wird nicht müde, für das Elektroauto zu kämpfen. Der i3 wurde überarbeitet, zudem gibt es jetzt eine um zehn kW stärke Version. Der i8, ein Plug-in-Hybrid-Sportwagen, wird als Roadster seine Premiere feiern, ebenso wie ein neues E-Auto als Studie und der X7-Concept. Besser in die Zeit passt ein rein elektrischer Mini, der gleichfalls als Studie zu sehen ist und 2019 auf den Markt kommen soll. Es ist vorgesehen, ihn in Oxford auf der Insel zu bauen, trotz Brexits. Die anderen Jungs von der Insel werden schon 2018 ihren vollelektrischen Jaguar I-Pace von der Leine lassen. Der steht auch in Frankfurt, ist aber keine Neuigkeit mehr. Neu ist vielmehr der Jaguar E-Pace, die kleinere Ausgabe des F-Pace. Er gehört zu dem mehr als ein Dutzend neuen SUV, die auf der Messe zu sehen sein werden (siehe Seiten 2 und 5), kein Hersteller kann es sich leisten, dieses Feld nicht zu bedienen.

Die SUV, so kritisch sie mancher auch sehen mag, verkaufen sich einfach wie geschnitten Brot. Bald werden auch Lamborghini und Ferrari als Allerletzte den Markt mit den Hochbeinern beglücken. Und in Deutschland sind sie auf dem beste Wege, die Golf-Klasse als größtes Marktsegment zu übertrumpfen. Bentley hat schon den Bentayga, in Frankfurt steht die nächste Generation des Continental Coupé, ebenfalls ein mächtiges Auto, aber kein SUV. Zu den wichtigen Nicht-SUV auf der IAA, die ganz neu sind, gehören zudem der Audi A8, selbstverständlich der VW Polo, der Maserati Ghibli und der Jaguar XF Sportbrake, also der Kombi des XF. Toyota zeigt den neuen Land Cruiser, auf den neuen Land Rover Defender muss zum Leidwesen der Fans weiter gewartet werden.

Ganz wichtig wird sein, wie sich der Besucherzustrom entwickelt. Mehr als 900 000 Besucher kamen 2015 und in den Jahren zuvor. Sollte das Interesse spürbar sinken, vielleicht sogar im zweistelligen Bereich, dürfte es künftig noch schwieriger werden, die Finanzkontrolleure der jeweiligen Hersteller von einem Messeauftritt zu überzeugen. So gesehen wird die IAA 2017 die spannendste seit langem.

Die IAA in Frankfurt öffnet für Fachbesucher am Donnerstag, dem 14. September, und am Samstag, dem 16. September, für jedermann. Sie dauert bis zum Sonntag, dem 24. September, täglich von 9 bis 19 Uhr. Die Tageskarte kostet 16, online 14 Euro. Schüler und Studenten zahlen 7,50 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Holger Appel
Frank Boris Schmidt
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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