Unterwegs mit dem Luftschiff

Zeppelin auf Ecstasy

Von Jürgen Schelling
 - 18:06

Er gilt in der Aviatik als gemütlichstes Fortbewegungsmittel nach dem Heißluftballon. Der Zeppelin vom Bodensee steht für vieles, aber nicht gerade für unglaubliche Rasanz, atemberaubende Steigflüge oder Adrenalin ausschüttende Manöver. Das ist die eine Seite. Denn so, wie aus Dr. Jekyll auch ein Mr. Hyde werden kann, sitzen beim Zeppelin und seinen Piloten ebenfalls zwei Seelen in der Brust. Die eine ist sanft, ruhig, vernünftig, die andere lässt auch mal die Sau raus.

Genauer gesagt an vier Terminen im Jahr, entweder im April oder Oktober, dürfen es die Piloten so richtig krachen lassen. Dann finden Extrem-Sonderflüge für abenteuerlustige Passagiere statt. Das Ganze geschieht natürlich innerhalb der zugelassenen Betriebsparameter des Luftschiffs – nur kommt man bei einem normalen Passagierflug eben nicht einmal ansatzweise in die Nähe dieser Grenzen.

Dass der Zeppelin von anderen Fliegern manchmal ein bisschen belächelt wird ob seiner Trägheit, war seinen Piloten vielleicht auch etwas ein Dorn im Auge. Denn dass ihre fliegende Zigarre weit mehr kann, als im täglichen Rundflugbetrieb gefordert ist, wissen sie natürlich. Womöglich entstand deshalb die Idee, auf wenigen Sonderflügen im Jahr für Interessierte einmal zu zeigen, was wirklich im Zeppelin NT steckt, schließlich steht das NT für Neue Technologie. Dass er erstaunlich wendig ist, wissen Profis längst. Denn mit Hilfe seiner modernen Steuerung kann er rascher als gedacht Richtungsänderungen ausführen.

Um die Passagiere, die anders als bei normalen Rundflügen die ganze Zeit über angeschnallt sein müssen, auf das vorzubereiten, was an Manövern kommt, ist beim Extremflug ein zweiter Pilot mit an Bord. Er oder die Flugbegleiterin informieren jeweils, was als Nächstes passieren wird, damit sich die Gäste mental darauf einstellen können. Nach dem Abheben vom Boden geht es übers Wasser des Bodensees. Nun wird es rasant, denn jetzt beginnt ein extremer Steigflug. In steilem 30-Grad-Winkel rauscht der Zeppelin auf fast 1500 Meter Höhe. Das ist immerhin gut fünfmal so hoch wie die normale Reiseflughöhe des Zeppelin NT.

Nach kurzem Horizontalflug geht es genauso steil wieder abwärts. Die üppige Stirnfläche des Luftschiffs bremst und verhindert, dass die Geschwindigkeit wie bei einem Flugzeug im steilen Sinkflug stark zunimmt. Dennoch ist es ungewohnt, dass beim Blick nach vorn durch die Cockpitscheibe nur blaues Wasser zu sehen ist. Die Passagiere sind nun froh, dass sie angeschnallt sind. Wieder auf normaler Reiseflughöhe, folgt eine Pirouette auf der Stelle. Pilot Oliver Jäger legt los, hantiert virtuos mit den Bedienhebeln – und seine Fluggäste sind von diesem Wendemanöver ohne Vorwärtsfahrt beeindruckt. Das hätte dem fliegenden Riesen niemand zugetraut.

Was ist das Geheimnis hinter dieser unerwarteten Beweglichkeit? Beim Zeppelin NT geschehen Richtungs- oder Lageänderungen mit seiner Schubvektorsteuerung. Mit deren Hilfe erhöhen zwei Propeller am Heck die Manövrierbarkeit. Zwar wird der Zeppelin NT bei seinem normalen Reisetempo von 70 km/h ähnlich wie ein Flugzeug durch Seiten- und Höhenruder im Heck gesteuert. Diese lassen aber bei Geschwindigkeiten unter 45 Kilometer je Stunde deutlich in ihrer Wirkung nach. Durch Schwenken eines Heckpropellers nach unten kann die Nickbewegung des Luftschiffs verstärkt oder verringert werden, ein zweiter dort angebrachter Propeller wirkt ähnlich wie der Heckrotor eines Helikopters in seitlicher Richtung.

Diese beiden Luftschrauben kompensieren im Langsamflug die nachlassende Wirkung der Ruderflächen. Und anders als ein Prall-Luftschiff hat jeder Zeppelin ein festes Innengerüst aus Karbon und Aluminium unter seiner Hülle. An diesem sind die Triebwerke befestigt, so dass die drei je 200 PS starken Kolbenmotoren nicht wie beim Prall-Luftschiff aerodynamisch ungünstig weit unten an der Kabine angebracht sein müssen. All diese Faktoren zusammen ermöglichen dem Zeppelin NT eine angesichts seiner Größe erstaunliche Wendigkeit.

Wie aber wird man überhaupt Luftschiffpilot?

Dass das Steuern eines Zeppelin NT dem Piloten einiges abverlangt, wird an der Vielzahl der Hebel im Cockpit deutlich. Allein drei sind fürs Gasgeben der Motoren zuständig, dazu kommen weitere für Schubrichtung, Propellerverstellung und Einstellung des Treibstoff-Luft-Gemischs. Nicht zu vergessen der Sidestick, der Seiten- und Höhenruder ansteuert. Der Pilot hat also alle Hände voll zu tun. Wie aber wird man überhaupt Luftschiffpilot? Neben fliegerischem Können gehört auch Glück dazu, einen Zeppelin NT fliegen zu dürfen. Denn es gibt mehr Astronauten als Zeppelin-Kapitäne. Und selbst ein erfahrener Berufspilot auf Flugzeugen oder Helikoptern muss umlernen, um einen Zeppelin zu steuern. Schließlich ist er länger als ein Airbus 380 und bietet dem Wind entsprechend viel Angriffsfläche.

Die Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen bildet ihre Luftschiff-Führer deshalb selbst aus. Bewerber müssen eine Berufspilotenlizenz mitbringen. Der Kapitän auf diesem Flug, Oliver Jäger, hat mehrere tausend Flugstunden und kommt ursprünglich aus der Hubschrauberfliegerei. Sein junger Kopilot Marko Hollerer ist Berufspilot auf Flugzeugen und stieg erst vor kurzem auf den Zeppelin um. Nach der Umschulung fliegt ein frischgebackener Zeppelin-Pilot 150 Stunden unter Aufsicht eines erfahrenen Kapitäns, bevor er allein mit Passagieren los darf. Fünf Männer und eine Frau steuern derzeit im Wechsel die beiden Bodensee-Luftschiffe, lediglich elf aktive Zeppelin-Piloten gibt es derzeit weltweit.

Alle Manöver finden über dem Bodensee statt

Zum Durchatmen für die Passagiere gibt es nun noch eine Art Ballett: Um alle drei Achsen kann sich ein Zeppelin NT bewegen, das nennt sich im Fachjargon Gieren, Rollen und Nicken. Es fühlt sich etwa an wie auf einem Schiff in schwerer See – nur dass die Bewegung beim Luftschiff kontrolliert gesteuert wird. Alle Manöver finden über dem Bodensee und nicht über Land statt. Denn sonst rufen besorgte Bürger bei der Polizei an, weil sie angesichts der ungewohnten Flugbewegungen denken, dass etwas nicht stimmt.

Nach 40 Minuten steuert der Zeppelin wieder den Heimatflugplatz Friedrichshafen an. Noch ein sportlich-tiefer Überflug entlang der Landebahn des Flugplatzes, kurz darauf ist das Erlebnis schon wieder vorbei. Manch ein Gast wirkt beim Aussteigen etwas blass um die Nase. Den beiden Piloten hingegen steht ein dickes Grinsen im Gesicht. Garantiert werden die zehn Passagiere bei ihren Erzählungen über diesen Zeppelinflug nie mehr die Attribute „gemächlich“, „behäbig“ oder „gemütlich“ verwenden.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenEcstasyBodenseeÖsterreich-Reisen