Motor
Markennamen

Darum heißt Mercedes Mercedes

Von Bernd-Wilfried Kießler
© Daimler AG, F.A.S.

Erfolgreiche Rennfahrer oder auch ein langjähriges Vorstandsmitglied werden schnell mal als „Mister Mercedes“ tituliert, vielleicht auch, weil einem die beiden großen M so flüssig von der Zunge gehen. Der Mann, dem dieser Titel gebührt und der ihn sogar amtlich an seinen Familiennamen anfügen ließ, war der 1853 geborene Emil Jellinek-Mercédès, dessen Vater als Rabbiner in Leipzig wirkte und dessen Familie nach Wien zog, als der kleine Emil drei Jahre alt war.

Eine Inschrift an seiner Grabstätte auf einem Friedhof über den Dächern von Nizza nennt ihn „pionnier d’automobile“, und man denkt sofort an Namen wie Benz, Daimler und Maybach. In der Tat haben sich Jellineks Wege mit denen von Gottlieb Daimler und vor allem von Wilhelm Maybach um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gekreuzt. Er war kein begnadeter Techniker, besaß aber einen ausgeprägten Geschäftssinn.

Sieger Otto Hieronimus auf dem 60-PS-Mercedes-Simplex am Start zum Bergrennen Nizza-La Turbie im Jahr 1903
© Daimler AG, F.A.S.

Jellinek hatte sich in Nizza niedergelassen, im späten 19. Jahrhundert so etwas wie die Winterhauptstadt Europas: Dank des milden Klimas strömten Adel und Geldadel an die Côte d’Azur. Jellinek lebte in einer Villa, die ebenso wie seine Tochter den Namen Mercédès trug – standesgemäß in französischer Schreibweise. In Sachen Tabak, Wollwaren und Versicherungspolicen hatte er es zu einigem Wohlstand gebracht und hielt ständig Ausschau nach weiteren Geschäftsfeldern. Da kam ihm das Automobil gerade recht, und Nizza war der ideale Standort für einen Handel damit.

Denn in jenen Tagen handelte es sich bei der Fortbewegung mit Hilfe eines Benzinmotors um ein Privileg, um nicht zu sagen: um ein Spielzeug für reiche Leute. Die vertrieben sich die Zeit mit Casino-Aufenthalten und üppigen Bällen, jedes Jahr im März wurde während der „Woche von Nizza“ sieben Tage lang mit dem Auto um die Wette gefahren. Es gab Meilenrennen mit stehendem und fliegendem Start an der Promenade des Anglais unmittelbar vor Jellineks Haustür. Man ging auf Fernfahrt von Nizza nach Salon in der Provence und zurück über 392 Kilometer und veranstaltete ein Bergrennen hinauf ins Dorf La Turbie.

Ein Gedenkstein am Fuße des Berges erinnert daran, dass hier im Jahre 1900 der Rennfahrer Wilhelm Bauer auf einem Phönix-Rennwagen der Daimler-Motoren-Gesellschaft in der ersten Kurve gegen einen Felsen fuhr und tödlich verunglückte. Es gab Überlegungen bei Daimler, sich deshalb aus der gefährlichen Rennerei zurückzuziehen. Aber Jellinek, in dessen Auftrag Bauer gestartet war, erhob Einspruch und forderte: Man möge einen Rennwagen mit mehr Leistung und tieferem Schwerpunkt entwickeln. Gleichzeitig bestellte er 72 Neuwagen in zwei Tranchen, zu diesem Zeitpunkt mehr als 60 Prozent der Daimler-Jahresproduktion.

Wilhelm Maybach machte sich an die Arbeit und entwickelte binnen Jahresfrist ein tiefergelegtes Auto mit gewaltigem Kühler, vier Zylindern und 35 PS aus 5,9 Liter Hubraum. Das Modell erschien als Mercedes 35 PS und belegte beim Bergrennen 1901 nach La Turbie die ersten drei Plätze.

Emil Jellinek nutzte die Gunst der Stunde: 1902 wurde das Warenzeichen Daimler-Mercedes amtlich geschützt. In den Daimler-Aufsichtsrat gerückt, beantragte er ein Jahr später selbst diesen Namenszusatz und hieß fortan Jellinek-Mercédès. Seine Geschäfte in Nizza liefen glänzend – bis 1907. Da gerieten er und Maybach mit den übrigen Verantwortlichen in Untertürkheim über Kreuz; beide zogen sich aus dem Unternehmen zurück. Jellinek wandte sich dem Schiffbau und anderen Tätigkeiten zu. Seine Liaison mit Daimler hatte nicht länger als zehn Jahre gedauert.

Quelle: F.A.S.
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