Elektroautos auf der IAA

Wattwanderung in Frankfurt

Von Boris Schmidt
 - 11:18
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Das Elektroauto wird kommen. So viel scheint festzustehen. Zwar wird das von Kanzlerin Angela Merkel gesetzte Ziel, im Jahr 2020 eine Million E-Autos auf den deutschen Straßen zu haben, bei weitem verfehlt werden, doch was nicht ist, kann ja noch werden – und wird es wahrscheinlich. Fast alle wichtigen Hersteller haben das elektrisch angetriebene Auto jetzt ziemlich weit oben auf der Agenda, und Volkswagen-Chef Matthias Müller kündigte auf der Messe an, dass sein Konzern bis 2025 achtzig elektrifizierte Autos neu auf den Markt bringen werde, fünfzig davon sollen reine Elektrofahrzeuge sein.

Jedes vierte verkaufte Auto aus dem Konzern fahre dann rein elektrisch, das allein wären drei Millionen Autos jährlich, schätzt Müller. Und bis 2030 soll jedes Konzernmodell in einer elektrischen Variante oder zumindest als Plug-in-Hybrid zu haben sein. Mindestens zwanzig Milliarden Euro sollen bis dahin in die elektrische Mobilität investiert werden. Und bis dahin sei auch die Reichweite kein Problem mehr. 600, ja 1000 Kilometer seien dann mit Feststoff-Batterien möglich.

Kein Lenkrad und keine Pedale nötig

Doch noch ist es nicht so weit. In Frankfurt kann noch bis zum kommenden Sonntag ein Blick auf die elektrische Zukunft geworfen werden, und es gibt viel zu entdecken. Audi, die noble Speerspitze des VW-Konzerns, rollt gleich zwei Studien heran, genannt Aicon und Elaine. Für Audi geht bei diesen beiden futuristischen Concept Cars die Elektrifizierung einher mit der Automatisierung, die Studie Elaine, die eine Art Crossover zwischen einem SUV und einem Sportwagen ist, wird in Stufe 4 eingeordnet, fährt autonom, hat aber noch Lenkrad und Pedale.

Im Aicon gibt es dagegen weder Lenkrad noch Pedale, das ist Stufe 5. Das 5,44 Meter lange Zukunftsauto bietet in seinem Innern eine Lounge-Atmosphäre zum Verweilen, vier Elektromotoren (einer je Rad) sorgen für den Vortrieb. Es werden beide Achsen angetrieben und gelenkt, so dass der Wendekreis nur 8,50 Meter beträgt.

Keine marktreifen Elektroautos

Derweil arbeitet die Muttergesellschaft VW weiter an der I.D.-Familie. Es debütiert der I.D. Crozz, ein SUV, das es auch als Coupé geben soll. 225 kW Leistung aus zwei Motoren und 500 Kilometer Reichweite werden versprochen. Der Crozz ist der Dritte im elektrischen Bunde, neben den schon auf anderen Messen gezeigten Studien I.D. (soll parallel zum Golf angeboten werden, ab 2020) und der Reinkarnation des VW Bus – dem I.D. Buzz. Der steht auch wieder in Frankfurt, bis 2022 muss aber noch gewartet werden.

Obwohl alle so tun, als würden morgen alle nur noch elektrisch fahren, gibt es keine wirklich neuen, marktreifen Elektroautos auf der IAA. Vorreiter BMW zahlt mit dem engagierten, aber zu weiten Teilen am Markt vorbei entwickelten i3 gerade das Lehrgeld für alle anderen mit, hält aber selbstverständlich an dem Karbon-Modell mit den gegenläufigen Türen und dem, vornehm ausgedrückt, gewöhnungsbedürftigen Aussehen weiter fest und spendiert ihm sogar zehn kW mehr Leistung sowie ein paar Retuschen an der Karosse. In Rot sieht der i3s jetzt tatsächlich passabel aus.

Die Brennstoffzelle ist in Vergessenheit geraten

Neue Wege geht BMW dagegen mit seiner Studie BMW i Vision Dynamics. Wie fast alle Concept Cars auf der Messe ist auch die BMW-Vision sofort als Studie auszumachen – flach, vier Türen, mehr Sportwagen denn Alltagsauto, aufregende Linien. Die Rede ist von 600 Kilometer Reichweite und einer Spitzengeschwindigkeit von 200 km/h. Es fiel auf, dass bei der BMW-Präsentation am ersten Pressetag keine Rede vom brandneuen X3 war und auch der neue M5 nicht erwähnt wurde. Dabei werden die noch lange die Brötchen verdienen, um den elektrischen Hunger stillen zu können.

Mercedes-Benz erinnert auf der IAA an eine Technik, die ein wenig ins Abseits geraten ist, obwohl sie einige Vorteile bietet: die Brennstoffzelle. Zudem kombiniert der GLC F-CELL, der sich rein äußerlich kaum vom konventionellen GLC unterscheidet, den Brennstoffzellen- mit einem Batterieantrieb. Neben Wasserstoff kann dieser GLC auch Strom fassen. Mit 4,4 Kilogramm H2 an Bord produziert das „Vorserienmodell“ genügend Energie für eine Reichweite von knapp 440 Kilometern. Dazu kommen knapp 50 Kilometer aus einer Lithium-Ionen-Batterie. Bisher hatten Brennstoffzellen-Autos (Toyota, Honda Hyundai) nur eine Pufferbatterie. Problem ist das fehlende Tankstellennetz, an dem aber europaweit gearbeitet wird. Dazu zeigt das Concept EQA, wie der erste vollelektrische Mercedes-Benz im Kompaktsegment aussehen kann.

Smart wird über das Smartphone bedient

Ein Knaller ist das Mercedes-AMG Project ONE. Das zweisitzige Supersportwagen-Showcar bringt Formel-1-Hybrid-Technologie nahezu 1 zu 1 von der Rennstrecke auf die Straße. Geboten werden mehr als 1000 PS, die Höchstgeschwindigkeit soll bei mehr als 350 km/h liegen. Ein 1,6-Liter-V6-Turbo arbeitet mit gleich vier Elektromaschinen zusammen. Eine ist im Turbolader integriert, eine befindet sich direkt am Verbrennungsmotor und ist mit der Kurbelwelle verbunden, zwei weitere treiben die Vorderräder an.

In eine ganz andere Richtung zielt die Studie Smart Vision EQ fortwo. Die rollende Kugel fährt von allein und ganz allein, sie hat ebenfalls kein Lenkrad und keine Pedale und soll ihre Fahrgäste am gewünschten Ort abholen können. Sie wird ausschließlich über das Smartphone bedient. Übrigens gibt es den aktuellen Smart schon jetzt in einer vollelektrischen Variante. Bereits vor der Messe war ankündigt worden, dass Smart mittelfristig nur noch Elektro-Modelle anbieten wird.

Marktpremieren in den kommenden Jahren

Ein veritabler Konkurrent könnte von Honda kommen. Die Studie eines kleinen Elektroautos für Europa hat ein erfrischend simples Design, ist dennoch bodenständig und könnte so in Serie gehen. Auch Honda ließ in Frankfurt verlauten, dass jedes neue Auto, das fortan nach Europa komme, elektrifiziert sei. Den Anfang mache die nächste Generation des SUV CR-V als Hybrid. Ein Prototyp davon steht in Frankfurt.

Marktpremiere des neuen CR-V in Europa ist 2018. Noch ein Jahr länger muss auf den ersten elektrischen Honda gewartet werden. Es ist zu wünschen, dass der kleine Zweitürer genau so kommt, wie er auf der Messe steht: klares Design, auch innen. Statt klassischer Armaturen gibt es einen flachen Monitor, der über die gesamte Breite des Autos reicht.

Induktives Laden soll verbessert werden

Zu den größten Problemen, mit denen sich die Elektromobilität konfrontiert sieht, gehört neben der Reichweite die Suche nach Lademöglichkeiten. Das Hantieren mit dem Stecker ist unbequem, viel einfacher ist dagegen induktives Laden, wenn der Wagen über einer entsprechend präparierten Fläche steht und der Strom, vereinfacht gesagt, über Magnetspule „durch die Luft“ ins Auto übertragen wird. Ein Start-up-Unternehmen aus Österreich will jetzt mit „konduktivem Laden“ punkten. Die Verbindung zur Stromquelle wird mit dem Konduktor, der sich auf die Platte senkt, durch das Auto automatisch hergestellt. Es besteht also ein physischer Kontakt. Vorteil: Die Ladeleistung ist vierfach höher, und es gibt so gut wie keine Ladeverluste. Bis zu 43kW Strom können übertragen werden (22kW bei Wechselstrom).

Beim induktiven Laden gehen immer rund sieben Prozent der Energie verloren. Zu sehen ist dieses System auf der IAA in einer Elektroauto-Studie des chinesischen Anbieters Wey. Die Tochtermarke des Herstellers „Great Wall“, die den Namen des Mehrheits-Aktionärs trägt, wird von dem ehemaligen Audi-Manager Jens Steingräber geführt, der sich nach 30 Jahren Audi als Endfünfziger auf ein großes Abenteuer eingelassen hat. Wey versteht sich als Premiummarke, bietet zurzeit ausschließlich SUV an und hat dieses Jahr in China mit dem Verkauf begonnen. „Wir haben mit 50000 Einheiten geplant, es werden jetzt aber wohl 80000“, sagte Steingräber im Gespräch mit dieser Zeitung. Nach Europa wolle Wey aber erst, wenn alle Hausaufgaben auf dem Heimatmarkt erledigt seien. Steingräber peilt 2021 an.

Wesentlich früher will Borgward in Europa seine Autos verkaufen. Die traditionsreiche deutsche Marke gehört jetzt zum Foton-Konzern. Das Versprechen, in Bremen zu produzieren, steht im Raum und eine neue Isabella auf der IAA, die mit dem Vorbild aber allenfalls die vier Räder, die bis zum Boden reichen, gemein hat. Auch die Isabella 2020 fährt elektrisch, so wie der Aspark Owl. Der stammt aber nicht aus China, sondern aus Japan. In nur zwei Sekunden geht es auf 100 km/h. Die Reichweite des Sportwagens beträgt aber nur 150 Kilometer. Womit wir wieder auf dem Boden der Realitäten angekommen wären.

Quelle: F.A.S.
Boris Schmidt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Frank Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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