Motorräder der nächsten Saison

Prunk und Punk

Von Walter Wille
 - 16:27
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Star der diesjährigen Eicma? Für alle Lokalpatrioten vom Stiefel kommt nur Ducatis Panigale V4 in Frage, eine Rakete im roten Trikot. Rennsporttechnik für die Straße, so nah an der Moto GP wie nichts zuvor, wie die Verantwortlichen aus Bologna wieder und wieder verkünden. Sagenhaften 214 PS Spitzenleistung stehen lediglich 195 Kilogramm Gewicht gegenüber.

Rund ums V4-Triebwerk mit 1100 Kubikzentimeter Hubraum haben die Italiener ein komplett neues Fahrzeug gestrickt, dessen Elektronikpaket ebenfalls neue Höhen erklimmt, sogar kontrolliert geregelte Bremsdrifts zulässt. Wie ihre Vorgängerin, die 1299 Panigale mit V2-Motor, ist die Neue unnachahmlich gestylt, nicht mehr ganz so graziös, etwas brutaler um die Mundwinkel, aber nicht minder faszinierend. Das schönste Superbike war bisher eine Ducati – und so wird es bleiben. Da legen wir uns fest und sind ganz stiefel.

Auch im Klassiker-Segment schaltet Ducati noch einen Gang rauf: Zu den zierlichen Scrambler-Typen mit 400 und 800 Kubik stößt nun eine wuchtige 1100er. Deren luft-/ölgekühlter Zweizylinder trieb einst die Monster 1100 an und leistet 86 PS. Mit Kurven-ABS, Traktionskontrolle und drei Fahrprogrammen ist die 1100er für einen Nostalgiehobel exquisit ausgestattet. Elektronische Aufrüstung war eines der zentralen Themen der Eicma 2017, so auch im Fall der großen Ducati-Reiseenduro Multistrada. Die lässt sich nicht nur mit Assistenzsystemen vollstopfen, sondern künftig per Bluetooth mit dem Smartphone koppeln, dessen Ingredienzen (Musik, Telefon, Nachrichten) sich auf dem neuen TFT-Farbdisplay im Cockpit darstellen lassen. Das Aufbohren des Testastretta-Zweizylinders von 1198 auf 1262 Kubikzentimeter Hubraum hat eine markigere Drehzahlmitte und einer Leistungssteigerung von 152 auf 158 PS zur Folge.

BMW lässt sechs Jahre nach der Rückkehr in den Rollermarkt, damals mit zwei Varianten eines 650-Kubik-Maxiscooters, nun den nächsten Schritt folgen: Mit dem C 400 X begeben sich die Münchener eine Ebene tiefer in die beliebte, belebte Mittelklasse. Das Fahrzeug – gefertigt bei Loncin in China – ist mit einer markanten Front ausgestattet: asymmetrischer, aus der Verkleidung herausragender LED-Scheinwerfer, weit hervorstehender Windschild, die Andeutung eines Entenschnabels, wie er für BMW-Enduros typisch ist. Ein neu konstruierter 350-Kubik-Einzylinder (34 PS) und 14-Zoll-Räder zählen zu den Merkmalen, zudem die Option auf eine „Connectivity“-Einheit gegen Aufpreis. Bunte Bilder auf dem TFT-Display, Telefonieren, Navigieren, mit dem Smartphone kommunizieren, Musikhören sind der Trend, dem sich kaum noch ein Hersteller entziehen mag.

Auch die neuen BMW-Reiseenduros der Mittelklasse lassen sich gegen Aufpreis computerisieren. Sowohl F 750 GS also auch F 850 GS haben jetzt 853 Kubikzentimeter Hubraum, ein Schnapsglas mehr als ihre in die Jahre gekommenen Vorgängerinnen. Beide gehen 2018 als komplette Neukonstruktionen an den Start. Die K-1600-Baureihe wird durch die Variante Grand America erweitert, ein Supertourer, dessen Staukapazitäten ebenso unerschöpflich sind wie Leistung (160 PS) und Drehmoment (175 Nm). Erstaunlicherweise wird seine Höchstgeschwindigkeit auf 162 km/h begrenzt, was zeigt, wofür die mindestens 25 000 Euro teure Grand America hauptsächlich geschaffen ist: für Grand America. So wie auch die Honda Gold Wing. Die Neufassung des traditionsreichen Sechszylinder-Tourers – beschrieben schon in der Ausgabe vom 1. November – war das Prunkstück am Honda-Stand, aber bei weitem nicht die einzige Attraktion.

Beide Naked Bikes sehen sich sehr ähnlich

Honda lässt 2018 der erfolgreichen Reiseenduro Africa Twin eine noch pointierter auf Offroad und Langstrecke getrimmte Version Adventure Sports folgen. Immense Federwege, hoher, gerader Sitz, großer Tank, modifizierte Verkleidung gehören zu den Auffälligkeiten. Einzug halten, wie auch bei der Basismaschine, elektronischer Gasgriff und verschiedene Fahrprogramme. Mit dem frischen Leichtkraftrad CBR 125 R kümmert sich Honda um den Nachwuchs, mit der CB 300 R um die aufblühende untere Mittelklasse. Beide Naked Bikes sehen sich in ihrer minimalistischen Art sehr ähnlich und bilden erkennbar eine Familie mit der ebenfalls neuen, 145 PS starken CB 1000 R. Honda nennt das neue Design „Neo Sport Café“.

Welch weites Feld der Konzern beackert, zeigt er mit der Rückkehr des liebenswerten Mini-Motorrads Monkey als 125er sowie mit der Super Cub 125. Das ist die neueste Variante jenes vorwiegend in Asien verbreiteten Roller-Moped-Zwitters, den Honda seit 1958 mehr als 100 Millionen Mal gebaut hat. Monkey und Super Cup liefen in Mailand offiziell noch als Konzept-Fahrzeuge; die Chancen, dass sie schon 2018 auf den Markt kommen, stehen aber offenbar gut.

Lampenmaske alter Schule

Kawasakis neuer Hoffnungsträger in der Klassik-Szene, die Z 900 RS, schiebt sich gleich in zwei Versionen ins Bild. Außer dem Basistyp zeigten die Mannen in Grün auch gleich einen zugehörigen Café Racer. Der nutzt die identische Technik (948-Kubik-Reihenvierzylinder, 111 PS), macht allerdings mit einer Lampenmaske alter Schule, Stummellenker, höckerartigem Sitz und Racingstreifen auf halbstark. Die Siebziger lassen grüßen.

Wie ein Gruß aus der Zukunft wirkt die kantig futuristische H2 SX: Kompressor-Vierzylinder mit 1000 Kubik und 200 PS mit der Möglichkeit, Koffer dranzuhängen, gibt’s sonst nirgends. In zwei Versionen wird der Sporttourer der Superlative auf den Markt kommen. Kawasaki setzt auf den Kompressor als Alleinstellungsmerkmal, will weitere Typen folgen lassen und arbeitet im Übrigen, wie die Kawa-Bosse hervorhoben, emsig am Einsatz Künstlicher Intelligenz.

So wie Yamaha auch, dessen „Motobot“ schon selbständig auf der Rennstrecke Runden dreht. Ein Rennen gegen Rossi ist das Ziel. In naher Zukunft indes muss noch mit natürlicher Intelligenz gefahren werden. Für 2018 frischt Yamaha seine Erfolgstypen Tracer 900 und MT-07 auf, die MT-09 kommt in einer SP genannten Edelversion. Die Erdferkel unter den Eicma-Besuchern jauchzten auf beim Anblick des Prototypen Ténéré 700, einer schlanken Offroad-Maschine im Geiste alter Legenden wie XT 500 und Ténéré 600. Ein Jahr der Erprobungen noch, dann ist Marktstart. Wirbel verursachte überdies das neuartige serienreife dreirädrige Motorrad Niken mit zwei Vorderrädern (wir berichteten). Anders als einige Dreirad-Roller auf dem Markt wird die Niken nur mit dem Motorradführerschein bewegt werden dürfen. Angesichts von rund 115 PS eine weise Entscheidung.

Weitere Neigetechnik-Fahrzeuge unterschiedlichster Art will Yamaha nach und nach auf den Markt bringen. Dreirad-Roller sah man auf der Eicma nicht mehr nur von Piaggio (MP3), Peugeot (Metropolis) und Quadro, sondern auch von weiteren Anbietern. Kymco beispielsweise, Scooter-Imperium aus Taiwan, zeigte eine Dreirad-Studie, deren Dach Erinnerungen an den verblichenen C1 von BMW weckte. Nuvion heißt ein weiteres Dreirad-Konzept, hinter dem Quadro und der Rollerproduzent Sym stehen.

Elektroantrieb als weiterer Trend

Drei Räder sind der eine Trend in der Scooterwelt, der Elektroantrieb ist ein weiterer. Die wunderbare Elektro-Schwalbe befreit sich aus dem 45-km/h-Käfig, denn der Hersteller Govecs wird sie Mitte 2018 in einer stärkeren Ausführung für den A1-Führerschein anbieten (8 kW Dauerleistung, 90 km/h Höchstgeschwindigkeit). Auch Niu rüstet auf: N-GT (80 km/h, 130 Kilometer Reichweite) und N-GTX (100 km/h, 180 km) versprechen wesentlich mehr Fahrspaß und Einsatzmöglichkeiten als die 45-km/h-Brüder. Mit Niu-Technik aus China wird es 2018 auch eine elektrische Lambretta geben. Piaggio stellt die Vespa Elettrica (zwei kW Dauer-, vier kW Spitzenleistung, 45 km/h, Karosse der Primavera) fürs dritte Quartal ’18 in Aussicht, begleitet von einer Hybridversion mit 100-Kubik-Motörchen zum Laden der Batterie in der Not.

Zu den guten Nachrichten von Mailand gehörte, dass Piaggio sich aufrafft, seiner Marke Moto Guzzi Gutes zu tun. Im Hinblick auf deren 100. Geburtstag 2021 entsteht rund um einen 850-Kubik-V-Motor mit 80 PS ein Baukasten, aus dem eine umfangreiche Modellfamilie hervorgehen soll. Den Anfang macht eine Reiseenduro mit Retro-Touch, auf der Eicma als Prototyp V 85 präsentiert, die im nächsten September fertig sein soll. Spätestens bis dahin will auch Royal Enfield mit zwei Maschinen zur Stelle sein, für die eigens ein neuer luft-/ölgekühlter Motor entwickelt wurde, Enfields erster Zweizylinder seit den sechziger Jahren. Das nunmehr größte Triebwerk der Inder (648 Kubik, 47 PS) wird den urigen Roadster Interceptor sowie die noch urigere Continental GT im Café-Racer-Stil antreiben. Während eine Royal Enfield nicht Retro-Touch ist, sondern von Geburt Oldtimer, gilt das für Triumph natürlich nicht. Umfassend renovierten die Briten ihre diversen Reiseenduros der Sorte Tiger 800 und 1200, rüsteten sie elektronisch auf und raspelten ein paar Kilo ab.

Für Offroad-Freunde mit Fernweh

Betriebsamkeit also überall. Bloß Suzuki wirkt weiterhin gehemmt. Mit einer einzigen Neuheit geht das Unternehmen die kommende Saison an, einer hübschen allerdings. Das bekannt agile Mittelklasse-Motorrad SV 650 (V-Zweizylinder, 76 PS) kommt in der Café-Racer-Variante SV 650 X. Halbrunde Lampenverkleidung, stummelartige Lenkerhälften, Sitzbank mit Steppmuster, Tank in attraktiver Farbkombination sind ihre Merkmale. Auch KTM, wo in den vergangenen Jahren stets Sturm und Drang herrschte, beschränkte sich dieses Jahr auf ein neues Modell, das jedoch immense Erwartungen weckte und ein Bestseller zu werden verspricht.

In die hart umkämpfte Klasse der Naked Bikes bis 800 Kubik schicken die Österreicher die 790 Duke – Typ drahtiger Punk –, ausgestattet mit einem 105 PS starken Reihenzweizylinder sowie einem Elektronikpaket, das Oberklasse-Ansprüchen genügt. Einen Vorgeschmack auf 2019 gab KTM mit der Studie Adventure R, einer leichten, betont geländegängigen Reiseenduro auf Basis der 790 Duke. Zumindest für Offroad-Freunde mit Fernweh einer der heimlichen Stars der Eicma.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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