Ausgebaute Kastenwagen

Nimm das Häuschen huckepack

Von Michael Kirchberger
 - 09:38
zur Bildergalerie

Die Caravaning-Branche hat ein Jahr wie kein zweites hinter sich. Nie zuvor haben sich in Deutschland mehr Urlauber für den Kauf eines Reisemobils entschieden. 40 500 der fahrenden Datschen haben 2017 einen Abnehmer gefunden, für einen Caravan haben sich fast 22 700 Käufer begeistern können. Die Steigerungsrate im Vergleich zu 2016 beträgt 15,3 Prozent. Die Gründe für den anhaltenden Erfolg sind leicht auszumachen. Niedrige Zinsen und überhöhte Immobilienpreise auf der einen, immer mehr Auszahlungen von Lebensversicherungen, Erbschaften sowie weniger Buchungen von Pauschalreisen in unsichere Regionen auf der anderen Seite spielen der Caravaning-Industrie in die Hände.

Die feierte jetzt ihr Rekordjahr auf der ersten Fachmesse 2018, der CMT in Stuttgart, die ihrerseits den 50. Geburtstag beging. Mehr als 1000 Freizeitfahrzeuge waren auf der ausgebuchten Ausstellungsfläche zu besichtigen. Die Bandbreite war beeindruckend und reichte vom Dachzelt für den Kleinwagen bis zum zwölf Tonnen schweren Luxusliner mit Whirlpool und Kinovorrichtung auf einem luftgefederten Bus-Chassis.

Die unangefochtenen Gewinner des Marktes jedoch sind die ausgebauten Kastenwagen. Sie machen mittlerweile gut ein Drittel des Absatzes aus, kein Wunder also, dass in dieser Klasse immer mehr Hersteller antreten und mit ihren Ideen zu überzeugen versuchen. Verloren haben dagegen die einstigen Bestseller, die Alkovenmobile. Sie kommen gerade noch auf sechs Prozent Marktanteil, meist werden sie von Vermietern geordert.

Der Pick-up holt auf

Mit noch geringerem Marktanteil, aber stark steigender Tendenz gewinnt eine bislang eher am Rande der Reisemobilgesellschaft fahrende Spezies an Bedeutung. Pritschenwagen mit absetzbarer Wohnkabine waren auf der CMT in größerer Zahl denn je zu entdecken. Waren es bislang nur die beiden Urgestein-Marken Bimobil und Tischer, die diese Aufbauform bevorzugten, so stellen jetzt Burow-Mobil, Vanessa Autocamping und Wanner ihre Interpretationen des Themas vor. Das große Interesse an dieser Fahrzeugklasse liegt vor allem an der deutlich steigenden Zahl verschiedener Pick-up-Modelle auf dem Markt. Waren es vor Jahren nur eine Handvoll meist ausländischer Marken, die solche Pritschenwagen im Portfolio hatten, so haben sich mit VW (Amarok) und Mercedes-Benz (X-Klasse) einheimische Anbieter dazugesellt. Deutlich weniger als 10 000 Einheiten wurden vor zehn Jahren neu zugelassen, jetzt erwartet die Branche bis 2020 einen Anstieg auf 20 000 Fahrzeuge jährlich.

Viele Pick-up werden gewerblich genutzt, und manch ein Handwerker oder Gartenbauer setzt sein Nutzfahrzeug am Wochenende und im Urlaub gerne als rollenden Untersatz für eine Wohnkabine ein, die mit Preisen zwischen 20 000 und 40 000 Euro deutlich günstiger ist als ein komplettes Reisemobil. Für manchen ist der tiefgaragentaugliche Solo-Pick-up Zweit- oder sogar Erstwagen. Mercedes-Benz präsentierte daher die eben erschienene X-Klasse mit einer Wohnkabine vom Spezialisten Tischer. Der Sandwich-Aufbau Trail 230 S mit Doppelbett, Miniküche und Nasszelle kostet 34 000 Euro, das gut ausgestattete und allradgetriebene Basisfahrzeug liegt bei etwa 40 000 Euro.

Wanner bereichert das Silverdream-Reisemobil-Programm um den Kult Mono 4×4 mit einem Monocoque-Aufbau, und die kleine Manufaktur Vanessa macht den Mercedes-Pritschenwagen mit einer nach hinten ausfahrbaren Küchenzeile auf der Ladefläche, einer Teak-Abdeckung darüber und Dachzelt für rund 9000 Euro zum allradgetriebenen Abenteuer-Mobil. Burow-Mobil nutzt einen GfK-Aufbau als Absetzkabine, der Wohnaufbau Oman soll sogar wüstentauglich sein.

Immer mehr PS für immer mehr Last

Die meisten Wohncontainer sind für Pick-up mit Doppelkabinen konstruiert. Die bieten bis zu fünf Sitzplätze und sind mehr als fünf Meter lang. Während sie üblicherweise mit einem Vierzylinder-Diesel bestückt werden, bekommen Leistungsliebhaber beim VW Amarok mittlerweile einen 204 PS starken Drei-Liter-V6. Bei Mercedes-Benz ist ein solcher Antrieb schon in Vorbereitung, auch um die stark wechselnden Fahreigenschaften des Basis-Autos hat man sich in Stuttgart Gedanken gemacht. Denn mit der Wohnkabine huckepack gerät ein Pick-up samt eingeladener Ausrüstung und einer zweiköpfigen Crew schnell an die Grenzen seiner Tragfähigkeit. Dann wird seine sonst eher harte Federung mehr als weich und das Wohnmobil zum Schaukelpferd. Eine Luftfederung könnte die X-Klasse bald schon komfortabler und spurstabiler machen.

Was sonst noch auf der Stuttgarter Messe zu sehen war? Jede Menge ausgebaute Kastenwagen natürlich, Westfalia etwa greift zum ersten Mal auf den Nissan-Transporter NV 300 zurück, auch der Citroën Spacetourer wird gerne als günstige Alternative zum teuren VW Bus genommen. Am anderen Ende der Skala rangiert ein neuer Luxusliner von Carthago, der konsequent auf die Nutzung von zwei komfortverwöhnten Campern zugeschnitten ist. Bis zu 8,50 Meter lang und 180 000 Euro teuer sind die jetzt vorgestellten Liner-for-Two-Versionen. Und auch bei den Wohnwagen betreten die Hersteller Neuland. Tabbert setzt ganz gegen die traditionelle Opulenz der einzelnen Baureihen beim Pep auf frohe Farben und sportlichen Charakter. Und Dethleffs zeigt beim c’go, wie mit Zeltstoff statt Heckfenster ein zusätzlicher Schlafplatz zu schaffen ist.

Enge herrschte nicht nur auf den Ständen der überaus gut besuchten Campingmesse, Raummangel ist zum Dauerthema auf den offiziell ausgewiesenen Stellplätzen in Deutschland geworden. Angesichts der neuen Rekorde bei den Zulassungen erwarten die Fachleute für dieses Jahr nicht nur an touristischen Brennpunkten verärgerte, weil wegen Überfüllung abgewiesene Reisemobilgäste. Auf der CMT wurde bei einem sogenannten Stellplatz-Gipfel, auf dem sich Branchenvertreter sowie Abordnungen der Touristikorganisationen und Gemeinden um eine schnelle Erweiterung der Angebote bemühten, nach Lösungen gesucht. Investoren können auf gute Geschäfte bauen, denn Geld ist bei den Campern vorhanden. Der Durchschnittspreis eines neuen Reisemobils ist im Vergleich zum Vorjahr von 58 000 Euro auf 71 000 Euro gestiegen. Mehr als zehn Milliarden Euro hat die Branche 2017 insgesamt umgesetzt.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAmarokDeutschlandStuttgart