Individualisierung von Autos

Sag niemals nein

Von Tom Debus
 - 18:02
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Die Preisliste für den Porsche 911 hat 104 Seiten und umfasst rund 197 Positionen an Extras und Optionen. Doch vielen Kunden ist das offenbar nicht genug. Deshalb fragt mehr als jeder Dritte von ihnen, ob es nicht vielleicht ein bisschen mehr sein könnte, und lässt seinen Sportwagen ab Werk individualisieren – sehr zur Freude der Exclusive Manufaktur, die mittlerweile so viel zu tun hat, dass die Porsche-Tochter die Größe ihrer Werkstatt gerade erst mehr als verdoppelt hat. Rund 15.000 Autos machen den Umweg über die Hallen, in denen Hightech auf Handwerkskunst trifft. Im Schnitt brauchen die 180 Handwerker vom Sattler bis zum Lackierer, die mittlerweile sogar im Drei-Schicht-Betrieb arbeiten, je Auto zwar nur zwei Stunden. Doch immer wieder stehen Elfer wegen aufwendiger Änderungen auch mal ein, zwei Wochen auf den Hebebühnen, wie Boris Apenbrink, Leiter der Manufaktur, berichtet.

Und damit sind die schnellen Schwaben nicht allein. Sämtliche Hersteller aus der Oberliga von Audi bis Land Rover haben längst eigene Abteilungen, in denen die Experten für Extrawürste den zahlungskräftigen Kunden ihre in der Regel ziemlich teuren Sonderwünsche erfüllen. Selbst der kunterbunte Lifestyle-Winzling wird im Mercedes-Auftrag auf der verlängerten Werkbank bei Bodo Buschmann in Bottrop mehrere hundert Mal im Jahr zu einem Unikat, das sich die Kunden dann auch mal 40.000 Euro und mehr kosten lassen.

Ein Heckscheibenwischer für Alfred Krupp

Bei Porsche ist die Individualisierung keine neue Mode, sondern fast so alt wie die Sportwagen selbst. Der erste Auftrag kam schon in den Fünfzigern und galt einem 356er Coupé. Kein Geringerer als Alfred Krupp habe sich damals einen Heckscheibenwischer an sein Coupé montieren lassen, erzählt Apenbrink über die Anfänge seiner Abteilung.

Abgesehen von einer kleinen Leistungssteigerung und einer anderen Auspuffanlage gibt es bei ihm heute allerdings keine funktionalen Änderungen mehr. „Die Exclusive Manufaktur kommt vor allem dann ins Spiel, wenn die Kunden besondere Wünsche bei Farben und Materialien haben“, sagt Apenbrink. Das beginnt bei Banalitäten wie einem belederten Sicherungskasten im Fußraum oder einem Etui für den dritten Zündschlüssel, führt über eine deutlich verlängerte Optionsliste mit 600 weitere Positionen für Lack und Leder und endet bei völlig frei nach den Vorgaben der Kunden ausgeschlagenen Autos, wofür dann schon mal 60 Stunden Arbeit anfallen. Einzelpositionen gibt es schon für ein paar hundert Euro, doch lassen sich die Fahrzeugpreise schnell verdoppeln oder verdreifachen.

Mit kaum einem Auto haben sie sich in der Manufaktur allerdings so gründlich beschäftigt wie mit dem jüngsten Sondermodell des 911 Turbo S, der in einer auf 500 Exemplare limitierten und sofort vergriffenen Auflage als „Exclusive Series“ an den Start geht. Allein bis die Motorhaube aus Kohlefaser gebacken und mit den beiden markanten Sichtkarbonstreifen lackiert ist, vergehen 240 Stunden – und da sind die tagelangen Ruhe- und Trockenphasen noch nicht mitgerechnet. Für die Kreuznaht am Lenkrad braucht ein erfahrener Sattler zwar nur 30 Minuten. Doch weil der golden schimmernde Faden auch die Sitze zusammenhält, die Dach- und Türverkleidung ziert und selbst beim Etui für den in Wagenfarbe lackierten Schlüssel Verwendung findet, müssen die Männer und Frauen mit den spitzen Nadeln schon einige hunderttausend Stiche setzen. Und dann erst die neuen 20-Zoll-Räder. Damit dort haarfein goldene Konturen im glanzschwarzen Lack hervorleuchten, werden die Aluräder erst mit Goldlack grundiert und dann schwarz übersprüht, bevor ein Laser genau so viel dunklen Lack wegbrennt, dass man die Goldstreifen zu sehen bekommt – und wieder sind fünf Arbeitstage vergangen. Je Rad, versteht sich. Wenn man das hört, wundert man sich auch nicht mehr, dass Porsche für die Exclusive Series stolze 259.992 Euro verlangt und der Aufpreis zum ohnehin schon teuren Turbo S bei mehr als 50.000 Euro liegt.

Ein Fischfabrikant ließ seinen X6 mit der Haut von Lachsen auskleiden

Zwar klingen schon solche Verfahren ziemlich abgehoben für eine Fabrik, die sonst Kasse mit Masse macht. Doch genau wie seine Kollegen bei BMW, Mercedes-Benz, Audi oder Jaguar kann Apenbrink – natürlich ohne Namen zu nennen – darüber hinaus von schier unzähligen Kunden mit sehr speziellen Wünschen erzählen, unter denen die Geschichte mit dem Nagellack der Lebensgefährtin als Farbmuster noch die gewöhnlichste ist. So hat bei BMW zum Beispiel mal ein Fischfabrikant die Häute von hundert Lachsen abgegeben, um sich damit seinen X6 auskleiden zu lassen. Und das Leder von Haustieren, Jagdtrophäen oder Zuchtbullen kommt den Veredlern auch immer wieder unter.

Sichtkarbon, Sonderfarben und Leder selbst auf Lüfterdüsen oder dem Sitzgestänge – damit bewegen sich Volumenhersteller mittlerweile auf einem Terrain, das bisher Luxusmarken wie Rolls-Royce oder Bentley besetzt hatten. Die gehen deshalb mittlerweile ein gutes Stück weiter und beschränken die Individualisierung längst nicht mehr auf den Bereich Color & Trim, sondern verändern die gesamte Konstruktion. So hat Bentley im Auftrag eines Kunden eine Mulsanne Grand Limousine auf die Räder gestellt und den ohnehin schon 6,75 Meter langen Luxusliner um einen weiteren Meter gestreckt – und damit offenbar den Geschmack getroffen. Denn mittlerweile haben bald ein Dutzend andere Kunden das gleiche Auto bestellt, wie Technikchef Rolf Frech erzählt.

Noch viel weiter ist Rolls-Royce beim Projekt Sweptail gegangen, das in diesem Frühjahr bei der Villa d’Este am Comer See gezeigt wurde. Denn die Kreuzung aus Highend-Limousine und Luxusyacht auf Basis des Phantom entstand binnen vier Jahren auf besonderen Wunsch eines exzentrischen Engländers, der sich dieses Unikat angeblich rund zwölf Millionen Euro hat kosten lassen. Das macht den Zweisitzer zum wahrscheinlich teuersten Neuwagen der Welt – und für Designchef Giles Taylor zum Inbegriff dessen, was eine Luxusmarke wie Rolls-Royce ausmacht – bestmöglich den Geschmack der Kunden zu treffen, auch wenn er noch so eigenwillig ist. Deshalb will er aus solchen Ausnahmen die Regel machen und plant schon die nächsten Unikate. An Nachfrage dafür mangelt es jedenfalls nicht: „Seit wir den Sweptail gezeigt haben, melden sich viele andere Interessenten mit ähnlich exklusiven Ideen.“

Alle Wünsche wird Rolls-Royce erst einmal nicht erfüllen können. Doch in Taylors Vision wird die Marke – moderner Fertigungstechnologien wie dem 3D-Drucker sei Dank – immer flexibler und kann irgendwann vielleicht doch ganz individuelle Karosserien über eine einheitliche Plattform stülpen. „Früher war jedes Auto ein Einzelstück“, erinnert er an die Zeiten des Coachbuildings. „Da wollen wir langfristig wieder hin.“

Mit dem neuen Phantom, der gerade enthüllt wurde und noch in diesem Jahr auf die Straße rollt, kommt Taylor diesem Ideal schon wieder ein bisschen näher. Denn bei der achten Generation der Luxuslimousine kann man sich Teile des Armaturenbretts von Grafikern, Malern oder Bildhauern mit einem Unikat verzieren lassen und macht den Wagen so tatsächlich zu einem einzigartigen Kunststück.

Mögliche Probleme beim Wiederverkauf bringen Sonderlinge nicht davon ab, ihre Wünsche zu erfüllen

Aber egal ob sie für mehrere Millionen ins Blech gehen oder für ein paar Tausender neue Lacke anmischen und individuelle Leder verarbeiten – ein Problem eint alle Manufakturen. Sie dürfen nicht nein sagen und müssen selbst Wünsche umsetzen, die nicht unbedingt den in unseren Breiten gängigen Vorstellungen von gutem Geschmack entsprechen. Wenn es um Sicherheit gehe, um Gesetze oder um ethische Werte, dann falle eine Absage noch leicht, räumt Porsche-Mann Apenbrink ein. Doch wenn er sich nicht auf splitternde Materialien, auf eindeutige Paragraphen oder auf den Artenschutz für Elfenbein und Krokodilleder zurückziehen kann, kommt er bisweilen arg ins Schwimmen. „Denn man kann manche Entscheidungen zwar höflich hinterfragen, an mögliche Probleme beim Wiederverkauf erinnern und attraktivere Alternativen ins Spiel bringen“, sagt der Leiter der Exclusive Manufaktur. Aber wenn sich der Kunde nicht umstimmen lässt, muss man auch mal ein Auto in Pink lackieren oder giftgrünes Leder verarbeiten. „Denn niemand würde sich bei uns erlauben, einem Porsche-Käufer zu sagen, er habe einen schlechten Geschmack.“

Quelle: F.A.S.
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