Automobil-Museum

Wo die Ära Porsche begann

Von Tom Debus
 - 08:18
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Es gibt schönere Dörfer im Norden Böhmens als Vratislavice nad Nisou. Die Tanvaldská ist eine schmucklose Einfallsstraße, in die sich nur selten teure Autos verirren. Doch vor der Hausnummer 38 sieht man seit ein paar Monaten auffällig viele Porsche parken.

Und zwar aus aller Herren Ländern. Nicht weil die Besitzer ihr Glück beim Spiel suchen oder anderen Gelüsten nachgehen. Sondern weil sie an Geschichte und Kultur interessiert sind.

Schließlich wurde in der Tanvaldská 38, die damals noch Hauptstraße hieß und durch Maffersdorf führte, vor 142 Jahren am 3. September 1875 Ferdinand Porsche geboren.

Und nachdem das bescheidene Anwesen fast verfallen wäre, hat es Škoda vor sechs Jahren im Auftrag des VW-Konzerns gekauft, liebevoll restauriert und jetzt als Museum eröffnet.

Seitdem sieht das weiße Häuschen mit dem spitzen Giebel und dem penibel gerechten Kiesweg im Vorgarten zumindest der Fassade nach wieder fast so aus wie damals, als Porsches Eltern Anton und Anna hier ihre Spenglerei hatten, erklärt Andrea Frydlová, die das Škoda-Museum im nur 50 Kilometer entfernten Mladá Boleslav leitet und auch hier die Schlüsselgewalt innehat.

Hinter der Fassade allerdings ist alles neu, und es erinnert nichts mehr an ein Wohnhaus mit Werkstatt, in dem eine achtköpfige Familie gelebt und gearbeitet hat.

Porsche prägte die Automobilindustrie wie niemand sonst

Stattdessen hat Frydlová drei große Räume geschaffen, in denen rund um einen modern interpretierten Esstisch die Familiengeschichte derer zu Porsche aufgedröselt wird, in denen rund um den Nachbau von Porsches erster großer Erfindung, dem Hybridsportwagen Semper Vivus aus dem Jahr 1900, die Karriere jenes Mannes aufgezeichnet wird, der die Entwicklung der deutschen Automobilindustrie wie kein Zweiter prägte, und in denen sich die Region Nordböhmen als Zentrum der Innovationen feiern darf.

Nicht umsonst wurden hier die Schiffsschraube erfunden, der Druckknopf industrialisiert und die erste Rakete ins All geschossen – auch wenn sie nur einen halben Meter groß war. Und so luftig, licht und leer die Räume wirken, so voll sind sie mit Informationen und Geschichten. Denn man muss nur die ausliegenden Tablet Computer an die Exponate halten, dann fließt Treibstoff in die Zeitmaschine im Kopf, und die Exponate werden lebendig.

Frydlová und ihre Handwerker haben zwar bei der Renovierung auch ein paar Überraschungen erlebt. Heimliche Höhlen, historische Bausünden, viele originale Ziegel und Pflaster. Doch echte Schätze oder verschollene Unterlagen waren nicht dabei, gibt die Kuratorin zu, sie ist darüber aber kein bisschen traurig. „Schließlich ist das ganze Haus ein Schatz für uns.“

Außerdem war die Schatzsuche ja andernorts erfolgreich: Denn weil sie und ihr Team sich für die Renovierung durch zahlreiche Archive in ganz Europa gegraben haben, konnten sie zumindest ein paar neue Erkenntnisse zutage fördern und ein paar offene Fragen aus dem Leben Porsches beantworten.

Vor allem aber kann Frydlová jetzt ein buntes, lebendiges Bild des Technik-Genies zeichnen und farbenfroh erzählen, wie der junge Ferdinand allen Widrigkeiten zum Trotz seiner Faszination gefolgt ist. Denn eigentlich hätte Ferdinand Spengler werden sollen wie sein Vater und nach dem frühen Unfalltod seines Bruders Anton die Werkstatt übernehmen.

Doch Kabel haben den Vierzehnjährigen offenbar deutlich mehr interessiert als Rohre. Sooft er kann, schleicht er sich in die ein paar Straßen weiter gelegene Maschinenspinnerei Ginzkey, die weit über Böhmen hinaus bekannt ist und auf ihren mehr als 250 mechanischen Webstühlen später sogar den größten Teppich der Welt für das Waldorf Astoria Hotel in New York webt.

So verfällt Porsche der Faszination für Maschinen und für elektrische Anlagen, und auch die vom Vater erzwungene Spenglerlehre kann daran nichts ändern. Heimlich schleicht er sich immer wieder auf den Dachboden und experimentiert dort selbst mit Elektrizität.

Wobei das mit der Geheimhaltung so eine Sache ist, wenn plötzlich ein Teenager mit batteriebetriebenen Lampen an den Schlittschuhen über den zugefrorenen Dorfteich saust. Aller väterlichen Strenge zum Trotz zieht Porsche junior unbeirrbar weiter Strippen und findet Rückhalt bei seiner Mutter, die ihm zumindest die Abendkurse für Elektrotechnik an der „k.u.k. Staatsgewerbeschule“ im benachbarten Reichenberg, dem heutigen Liberec ermöglicht.

Und als eines Tages im Haus in der Hauptstraße 38 wie sonst im ganzen Ort nur bei Ginzkey elektrisches Licht brennt und die erste elektrische Türklingel rappelt, musste auch Porsche senior klar sein, dass die Spenglerei wohl einen neuen Juniorchef brauchte.

Also hat er unter dem sanften Druck seiner Frau sowie des Fabrikanten und Ferdinand-Förderers Ginzkey irgendwann dem Drängen seines Sohnes nachgegeben und den jungen Mann ziehen lassen. Während sein jüngerer Bruder Oskar die Spenglerei übernahm, ging Ferdinand nach Wien – und der Rest ist Geschichte.

Immer wieder kehrte Porsche heim

Obwohl ihm Maffersdorf wie ein Käfig vorkommen müsste, in dem er seinem Forscherdrang nur gegen den Widerstand seines Vaters nachgehen durfte, hatte das Haus in der Tanvaldská 38 offenbar eine große Anziehungskraft auf den jungen Konstrukteur, und schon vor rund 115 Jahren standen deshalb öfter mal neue Porsche vor der Tür.

Denn immer wieder hat Ferdinand von Wien aus Testfahrten unternommen und dabei nicht nur stolz seine neuen Entwicklungen gezeigt, sondern irgendwann auch seine Aloisia Johanna Kaes offiziell vorgestellt. Ein Bild des jungen Ferdinand und zugleich eines der wenigen, von dem auch ein breiter Kreis von Porsche-Fans die Tanvaldská 38 kennen, zeigt ihn mit Johanna auf dem Sozius, als er mit dem Lohner-Porsche Mixte an seinem Geburtshaus vorfährt.

Sosehr Porsche an Maffersdorf gehangen hat, war die Liebe umgekehrt allerdings nicht ganz so unkompliziert. Denn die Stadt hat nicht nur das Geburtshaus verfallen lassen, sondern mit Blick auf Porsches Verstrickungen mit der Nazi-Regierung vor ein paar Jahren sogar seinen Namen vom Ortsschild gestrichen und ein paar Erinnerungstafeln medienwirksam abgeflext.

„Alles vorbei und vergessen“, sagt Museumsfrau Frydlová. Seit Škoda das Haus renoviert und die Geschichte aufgearbeitet hat, ist die Stadt mit ihrem berühmten Sohn wieder im Reinen und dankbar für das architektonische Schmuckstück in der eher schmucklosen Tanvaldská. So dankbar, dass in dem über der ehemaligen Werkstatt eingerichteten Konferenzraum an der alten Adresse bisweilen sogar der Stadtrat eine neue Heimat findet.

Quelle: F.A.S.
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