Powerboat School

Mit dem Rennboot auf dem Badesee

Von Elena Witzeck
 - 09:03
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Gibt es etwas Schöneres als eine Sportart, die hohe Geschwindigkeiten, viel Aufmerksamkeit und ein wenig Getöse verspricht und frei von jeder Zweckgebundenheit für Nervenkitzel sorgt? Die mit der Komplizenschaft weniger Wagemutiger an abgelegene Orte lockt? Da spielt es keine Rolle, ob die Wolken trüb über dem Dürener Badesee hängen. Jederzeit, so die Verheißung, könnte dort Renngeschichte geschrieben werden.

Powerboote nennt der ADAC die an Raketen erinnernden Gefährte mit zwei Rümpfen, die auf Binnengewässern und Flüssen um Bojen kreisen. „Basistraining“ heißt es, wenn die Piloten noch keine Erfahrung damit haben. Die Motorsportabteilung des Automobilclubs bietet solche Kurse für Bewerber ab 14 Jahren an. Wer sich am Trainingstag bewährt, kann später eine Rennlizenz machen und in eine der Rennsport-Klassen einsteigen.

Knapp vier Meter lang und 180 Kilogramm schwer sind die Katamarane bei den Anfängern. Für die Schulungsboote reicht ein Zweitakt-Außenbordmotor mit 40 PS. In der Einsteiger-Rennserie ADAC Motorboot Cup werden Viertakt-Serienmotoren mit 30 PS verbaut, beim ADAC Masters sind die Boote dann etwa einen Meter länger, haben 60 PS und erreichen Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometern pro Stunde. Die beiden außenliegenden, durch einen starren Boden verbundene Rümpfe bringen ganz andere Renn-Eigenschaften als Kielboote mit sich: Sie sind zwar windanfällig, aber auch stabil. Powerboote können besonders enge, schnelle Kurven fahren.

Zur ADAC Powerboat School in Düren in der nördlichen Eifel sind 16 Teilnehmer gekommen: mehr Jugendliche als Erwachsene, mehr Frauen als Männer. Annebel Scheepers, eine Instruktorin aus den Niederlanden, gibt im Bootshaus Sicherheits-Anweisungen. Bei gelber Flagge ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten, etwa wegen Wind und Wellen, Fremdverkehr oder im Wasser liegenden Ästen. Die rote Flagge bedeutet, dass das Rennen abgebrochen wird. Die beiden Bojen, die es gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden gilt, sollten nicht berührt werden, sonst platzen sie. Und wenn das Benzin ausgeht, kommt das Abschleppseil zum Einsatz.

Wichtig ist auch die richtige Ausstattung, die aus einem Sortiment aus Rennanzug, Rettungsweste, Funkverbindung, Sturmhaube und Helm besteht. Wem es gelungen ist, all das anzulegen, der glaubt nicht mehr daran, in das schmale Cockpit des Schulungsboots zu passen. Es gibt auch andere Befürchtungen. Eine junge Frau mit blondem Zopf, die bei der Theorie sehr aufmerksam zugehört hat, raunt ihrem Begleiter zu, sie wolle nicht schon beim Einsteigen im Wasser landen. Draußen fällt Nieselregen auf den Steg.

Es geht dann aber alles gut. Einer nach dem anderen nehmen die Piloten im Schalensitz Platz. Anders als im Wettkampfsport sind die Boote für die Anfänger offen, es gibt keine Anschnallgurte. Wer kopfüber im Wasser landet, was selten passiert, kann sich also schnell befreien. Wenn der Zündschlüssel steckt und der Startknopf betätigt wird, beginnt der Motor zu röhren. Gänge gibt es keine, aber am Lenkrad sind drei weiße Knöpfe angebracht, mit denen sich der Abstand des Außenbootmotors vom Rumpf und damit die Stellung des Boots im Wasser verändern lässt – natürlich, um die Geschwindigkeit zu erhöhen. Trimmen nennt sich das. Eine Nadel über dem Lenkrad zeigt die Stärke der Trimmung an. Während der Fahrt bildet sich unter dem Boot eine Art Luftpolster. Dann gleitet im besten Fall nur noch das Rumpfende über dem Wasser.

Beim ersten Mal funktioniert das nicht immer so geschmeidig. Über diejenigen, die im Standgas vom Steg tuckern, lächeln die Trainer, die in Anglerhosen im Wasser stehen und beim Ablegen helfen. Deshalb sind die Teilnehmer bemüht, möglichst geräuschvoll und Wasser spritzend davonzurauschen. Per Funk gibt Steffen Bauß, einer der Instruktoren, Tipps: später vom Gas gehen, weitere Kurven, auch in den Kurven auf dem Gas zu bleiben. Bei Jonas Rösner, einem gutgelaunten Rettungsschwimmer und Studenten aus Remscheid, sieht das schon sehr routiniert aus. Später wird er den anderen Teilnehmern versichern, dass der Spaß erst nach einer kräftigen Trimmung beginnt.

Wer zum ersten Mal im Cockpit sitzt, überschätzt die Wendigkeit der Katamarane. Links und rechts sprüht zwar das Wasser, aber dann schiebt sich der Rumpf träge um die Boje. Optimal um die Kurve zu fahren bedeutet, möglichst spät vom Gas zu gehen und das Boot etwas absacken zu lassen, bevor man in der Mitte der Kurve wieder beschleunigt. Also Vollgas, bis die Boje erscheint, dann kurz den Fuß vom Pedal: nur den Bruchteil einer Sekunde. „Bitte auf die Enten achten“, funkt Steffen Bauß. Irgendwann wird, abhängig von Windstärke, Windrichtung und persönlicher Eignung, aus der Verdrängungsfahrt die gewünschte Gleitfahrt. Annebel Scheepers, die am Wasser aufgewachsen ist, nennt es „das Gewässer lesen“. Denjenigen, die Wassersport-Erfahrung haben, fällt es dann auch leichter, die Wellenbewegungen einzuschätzen und sich den Windbedingungen anzupassen.

Tatsächlich werden im Netz gebrauchte Powerboote angeboten

Richtig spannend wird es natürlich erst, wenn bei einem Rennen mehrere Boote um die beste Position kämpfen. In der Schulung ist das nicht vorgesehen. Deshalb warten alle Teilnehmer geduldig, bis sie an der Reihe sind, während Eltern und Partner mit Kameras am Ufer sitzen. Eine Frau, die mit ihrem Mann von Stuttgart zum Training gekommen ist und schon einen langen Spaziergang mit Hund hinter sich hat, lässt sich auf eine Bank fallen. „Er hat extra dafür abgenommen“, seufzt sie. „Und jetzt will er sich auch noch so ein Teil kaufen.“ Tatsächlich werden im Netz gebrauchte Powerboote angeboten. Fehlte nur noch die Gelegenheit zum Üben: Erst nach Zulassung der zuständigen Behörden dürfen Anbieter wie der ADAC Trainingstage ausrichten. Die Rennfahrer können also nicht einfach drauflos fahren, auch wenn sie eine Lizenz haben. Um ein Powerboot an ausgewählten Stellen benutzen zu dürfen, brauchen sie zusätzlich den Sportbootführerschein.

Jedes Jahr steigt etwa ein Viertel der Teilnehmer nach dem Probetraining in die Nachwuchsförderung ein. Geht es nach dem ADAC, soll das Angebot weiter wachsen. Zu den Rennveranstaltungen kommen Tausende Zuschauer. Dann wird es wieder laut und nass. Was tut man nicht für ein wenig Adrenalin.

Dreimal im Jahr organisiert der ADAC die Powerboat School – der nächste Termin Ende Juli ist schon ausgebucht. Am 7./8. Oktober werden die Lizenzen gemacht. Die kommenden Rennveranstaltungen der Nachwuchsserie ADAC Motorboot Cup und der ADAC Motorboot Masters sind am 26./27. August in Berlin- Grünau, am 9./10. September in Rendsburg und am 23./24. September in Düren.

Quelle: F.A.S.
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