Rolls-Royce

Das ewige Phantom

Von Boris Schmidt
 - 16:54
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Ist ein Rolls-Royce nur ein Auto oder doch mehr? Die Kundschaft des Hauses liebäugelt gern auch mit der Anschaffung eines Privat-Jets, eines Penthouses in New York oder einer 20-Meter-Yacht. Bei Rolls-Royce weiß man um die Einzigartigkeit seiner Produkte und arbeitet nach dem Credo: „Wir verkaufen Luxusgüter und keine Autos.“ Und die kommen nicht alle Tage neu. Die achte Auflage des teuersten Luxusgutes, das Rolls-Royce bieten kann, ist jetzt frisch zu bestellen. Im Januar 2018 werden die ersten Fahrzeuge an die betuchte Kundschaft ausgeliefert. Wer noch nicht unterschrieben hat: Die Wartezeit beträgt aktuell ein Jahr. In Deutschland kostet der „kurze“ Phantom (5,76 Meter) 440.000 Euro, gleich 535.000 Euro werden für den langen mit einem Maß von 5,99 Meter verlangt. Und das sind nur die Basispreise.

Dafür gibt es ein Kunstwerk auf Rädern, mit einem V12-Motor, 6,75 Liter Hubraum und 571 PS. Das maximale Drehmoment beträgt gleich 900 Newtonmeter bei nur 1700 Umdrehungen die Minute. Damit lassen sich die rund 2,5 Tonnen Luxus standesgemäß bewegen, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 250 km/h, der Normverbrauch 14 Liter Superbenzin. Dass der Wagen relativ leicht ist, liegt an seinem Spaceframe aus Aluminium, der wie der Motor ein bayrisches Produkt ist. Die Roh-Karosserie kommt aus Dingolfing, der Motor aus München. Das muss nicht wundern, schließlich gehört Rolls-Royce seit knapp 20 Jahren zu BMW (siehe Kasten unten).

Hightech-Gegenstand mit Head-up-Display

Ein neuer Rolls-Royce ist längst kein feiner, aber aus der Zeit gefallener Luxusschlitten mehr, sondern bei aller Handwerkskunst mit viel Holz und dicken Lammfell-Teppichen im Fond ist er in erster Linie ein Hightech-Gegenstand mit Head-up-Display, virtuellen Armaturen und Allradlenkung. Dennoch mag dies für den Kunden erst in zweiter Linie wichtig sein. Er sucht im Rolls-Royce das Besondere, das Individuelle, und, ja, auch das Künstlerische. Gerade dafür gibt es im neuen Phantom mehr Raum als je zuvor. So gilt jetzt das Motto „Gallery on Wheels“. Das Armaturenbrett ist so gestaltet, das etwa gut zwei Drittel „zur freien Verfügung“ stehen und diese von Künstlern je nach Gusto bearbeitet werden können. Das Interesse dafür sei groß. In Kauf genommen muss aber, dass der Navi-Schirm das Kunstwerk zum Teil abgedeckt, aber er kann eingefahren werden. Dann entfaltet die Kunst ihre ganze Schönheit.

Bei Rolls-Royce erwartet man für das kommende Jahr rund 500 bis 600 verkaufte Phantom. Fast niemand kauft einen Phantom von der Stange, jeder ist ein Einzelstück und wird individuell konfiguriert. Im Werk in Goodwod wird im Schnitt 1200 Stunden an einem Exemplar gearbeitet. Trotz des relativ großen Preissprungs für die offiziell „Extended Wheelbase“ genannte Langversion hatte diese bisher ein Übergewicht von ungefähr sechs zu vier. Der Phantom VII war 14 Jahre auf dem Markt. Der Phantom I kam 1925, kein Automodell der Welt existiert länger.

„Die Kunden wollen so ein Auto“

Bei aller Betonung auf Exklusivität für Rolls-Royce-Verhältnisse sind der Absatz und die Modellpalette in den BMW-Jahren geradezu explodiert. Vier Modelle gibt es nun, das Cabrio Dawn, das exaltierte, zweitürige Groß-Coupé Wraith, die „Business-Limousine“ Ghost (285.000 Euro) und den Phantom. Ein fünftes, das SUV mit dem Projektnamen Cullinan, steht vor der Tür und kommt 2019. Auch in Goodwood weiß man, dass SUV hervorragend laufen, und „die Kunden wollen so ein Auto“, sagt Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös. Außerdem: „Wir haben Allrad-Tradition, die beleben wir wieder.“ Damit spielt der 57 Jahre alte Manager auf zahlreichen Expeditionen an, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mit Rolls-Royce unternommen worden waren.

Wenn sich Rolls-Royce auch zurzeit ausschließlich auf den V12-Motor konzentriert, der in allen Modellen eingesetzt wird, muss man selbst in Goodwood für die Zukunft gewappnet sein. „Im nächsten Jahrzehnt wird es einen rein elektrischen Rolls geben“, verspricht Müller-Ötvös. Die nagelneue Plattform, auf der sowohl der Phantom als auch der Cullinan stehen, sei schon darauf vorbereitet.

Selbst Rolls-Royce könne sich nicht der allgemeinen Entwicklung entziehen, es werde Regularien geben, auf die man reagieren müsse. Und man sei auch nicht völlig abgekoppelt von der allgemeinen Stimmung. So laufe zum Beispiel der Mittlere Osten zurzeit nicht gut. Der wichtigste Markt sei aber nach wie vor Amerika, nicht China oder der Mittlere Osten. Mit auf der Welt rund 4000 Einheiten pro Jahr sei Rolls-Royce auf Rekordniveau, 2017 werde es einen leichten Abschwung geben, weil der Phantom VII schon seit Januar 2017 nicht mehr ausgeliefert wurde. Und der mache stets zehn bis fünfzehn Prozent des Absatzes aus. Der Rest verteile sich fast gleich auf Dawn, Wraith und Ghost. Diese Rolls würden sehr oft (zu gut 50 Prozent) vom Besitzer selbst gefahren, während der Phantom zu weiten Teilen ein Chauffeur-Auto bleibe, die Selbstfahrer-Quote liege ungefähr bei 30 Prozent.

Sonderwünsche werden berücksichtigt

Tun wir es doch. Am immer noch riesigen Lenkrad eines Phantom fühlt man sich wie ein Burgherr. Trotz seiner Länge fährt sich der Rolls jedoch unglaublich leicht und fast handlich, was wohl an der Allradlenkung liegt. Beim Spurwechsel auf der Autobahn genügt eine kleine Korrektur am Lenkrad, und nur durch das leichte Bewegen der Hinterräder wird der Wechsel vollzogen. Dass es kein Start-Stopp gibt, ist etwas befremdlich. Das habe man den Kunden nicht zumuten wollen, heißt es. Da man den Motor so gut wie nicht hört (130 Kilogramm Dämm-Material sind im Wagen verbaut), ist das eigentlich kein Argument. Selbst einparken ist gar nicht so schwer, die Hinterräder lenken gegenläufig, freilich muss die Parklücke ein entsprechendes Format haben.

Hinten ist fürstlich Platz, selbst in der kurzen Version. Bar, Kelch-Halter (für den Champagner), verstellbare Massage-Sitze und zwei riesige Monitore fürs Entertainment fehlen nicht. Eine Schau ist der Himmel, der mit Hunderten LED illuminiert ist, was vor allem bei Dunkelheit seinen Charme hat. So stellt man sich einen Rolls-Royce vor. Sonderwünsche werden gern berücksichtigt, nicht nur für die Galerie vorn. Man könnte theoretisch den jeweiligen Sternenhimmel zeigen, alles nur eine Frage der Software.

Um nicht nur einen neuen Rolls-Royce zu fahren, sondern auch einen zu besitzen, muss man zuvor buchstäblich die Sterne vom Himmel geholt haben. Rolls-Royce-Kunden haben ein durchschnittliches Vermögen von rund 300 Millionen Euro.

Das Erbe von Rolls und Royce

Charles Rolls, geboren 1877 als Sohn des Baron Llangattock, gründete 1904 zusammen mit Frederick Royce das Unternehmen Rolls-Royce. Der 14 Jahre ältere Royce kam im Gegensatz zu Rolls aus ärmlichen Verhältnissen, hatte sich hochgearbeitet und war Inhaber eines Unternehmens, das unter anderem Elektromotoren für Kräne baute. Weil er mit den damaligen Autos nicht zufrieden war, baute er sich selbst eines, was zum Kontakt mit Rolls und der Gründung von Rolls-Royce führte. Rolls starb schon 1910 bei einem Unfall mit seinem eigenen Flugzeug. Royce lebte bis 1933. Beide hatten keine Nachfahren. Das Unternehmen Rolls-Royce übernimmt 1931 Bentley und führt es stets als zweite Marke weiter. Schon 1914 hatte man sich dem Bau von Flugzeugtriebwerken zugewandt. Spätestens seit den 1920er Jahren gelten Rolls-Royce-Fahrzeuge als Inbegriff des Luxus. 1971 geht Rolls-Royce hauptsächlich wegen Problemen der Triebwerksparte in Konkurs und wird verstaatlicht. Die Turbinensparte geht dann 1973 ihre eigenen Wege unter gleichem Namen. DieAutosparte kommt in den Besitz des Vickers-Konzerns, der 1997 das Werk in Crewe für umgerechnet rund 700 Millionen Euro an VW verkauft. Übersehen hatte VW, dass die Namensrechte beim Triebwerkhersteller liegen. BMW greift zu und sichert sich diese für rund 60 Millionen Euro. So verbleibt VW „nur“ Bentley und das Werk. BMW zieht mit fast der gesamten Mannschaft von Crewe in Nordengland nach Goodwood im Süden um, baut ein neues Werk auf der grünen Wiese und hat Erfolg. Der erste Rolls-Royce unter BMW-Regie mit V12-Motor wird 2003 gebaut. Man plante mit rund 1000 Autos je Jahr, heute sind es viermal so viel. fbs.

Quelle: F.A.S.
Boris Schmidt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Frank Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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