Fahrstil im Sand

Wie man in der Wüste richtig Auto fährt

Von Lukas Weber
 - 15:50
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In der Wüste des OmanFahren im Sand

Gottvertrauen ist eine Tugend, wenn jemand aber im Übermaß damit ausgestattet ist, verläuft der Trip rasch im Sande. Während das Pärchen also feststeckt, erklärt der Wüstenfuchs, der die nachfolgende Gruppe anführt, geduldig, doch leicht irritiert, wofür die Knöpfchen im Toyota Land Cruiser gut sind und dass es nicht verkehrt ist, den Allradantrieb einzuschalten, sobald man die Zivilisation hinter sich lässt. Der Tross aus einem Dutzend Pick-ups vom Typ VW Amarok, dessen Reise ins Sultanat Oman einzig dem Zweck dient zu zeigen, dass im Land der Toyota auch ein Volkswagen zur Fahrt über die Dünen taugt, hat die zwei dann bis zum Wüstencamp unter seine Fittiche genommen.

Tiefer Sand überfordert nicht nur die Anfänger, auch Leute mit Erfahrung im Geländewagen können dazulernen. Sie kennen felsigem Grund und wissen, dass dort die Tugenden einer Schnecke zählen: Wer nicht millimetergenau über die Brocken zirkelt, riskiert Schrott – ein Hoch auf das Reduktionsgetriebe.

Auch im tiefen Schlamm liegt oft in der Ruhe die Kraft, es könnte ja sein, dass sich darin Hindernisse verbergen. Und durch den Tiefschnee fräst sich der Wagen erst seine Spur, er verdichtet den Untergrund, bis das Profil greift. Sand, wenn er trocken ist, verdichtet sich nicht, er rieselt dahin wie Millionen klitzekleiner Lagerkugeln.

Das Auto schwimmt darauf, das eigentümliche Gefühl erinnert an ein Gleitboot – bei flotter Fahrt, langsam bleibt die Fuhre stecken, weil die Reifen tief einsinken und so der Widerstand ins Bodenlose steigt. Schwung heißt die Devise, Kupplung treten und schalten wäre fatal, die kurze Zugkraftunterbrechung reicht, um sich festzufahren. Wer jetzt und also zu spät Gas gibt, fräst sich mit durchdrehenden Rädern bis zur Bodenplatte in den Sand.

Dann hilft nur noch Schaufeln und rückwärts die Düne hinunter für den nächsten Anlauf. Allein unterwegs sein ist in der Wüste eine schlechte Strategie, hinterherfahren leichter; die Räder folgen der Spurrinne des Vordermanns, das ist fast autonomes Fahren.

Automatik klar im Vorteil

Am besten ist, man bleibt erst gar nicht stehen. Also mit Schmackes die Düne erklimmen, das macht süchtig, hoffentlich buddelt auf der anderen Seite gerade keiner. Tatsächlich ist das schwungvolle Auffahren der Klassiker des Wüstenunfalls, Abstand (auch wegen der Sicht) und einzeln hoch der beste Rat. Dass man zuerst zu Fuß erkunden möge, wie es weitergeht, ist zwar recht, der gute Vorsatz bleibt aber umso schneller im Sand zurück, je tiefer dieser ist.

Beim Handschalter ist vor dem Anstieg die richtige Übersetzung entscheidend, man braucht Tempo und trotzdem ausreichend Drehmoment an den Reifen. Oft ist der zweite Straßengang eine gute Wahl oder der dritte in der Reduktion, wohl dem, der einen starken Motor mit breitem Drehzahlband hat. Dem Fahrer mit Automatik ist das einerlei, er kann den Motor nicht abwürgen und konzentriert sich auf die beste Linie. Da zuckt der Hardcore-Geländefahrer, er kann nicht leiden, dass solch ein Getriebe den direkten Kontakt zwischen Gasfuß und Rädern unterbricht. Im Sand ist das einerlei, die Düne hoch wird das Pedal einfach durchgetreten. Wir meinen, dort ist die Automatik klar im Vorteil, solange der Wandler nicht kocht.

Das gilt auch für den steilen Weg die Düne wieder hinunter, der kleine Gang muss rein, aber zu langsam ist auch nichts – sobald der herabrieselnde Sand die Fuhre überholt, ist Gefahr im Verzug, die Vorderräder sinken ein, das Heck möchte überholen. Quer zum Hang wäre fatal, es droht ein Abgang mit Rolle seitwärts. Dann lieber Gas geben und unter Verlust der Nase in die Senke brezeln. Starker Lenkeinschlag hat übrigens im tiefen Sand keine Wirkung, ein leichter hilft manchmal, am besten fährt man gleich in Falllinie und dann immer geradeaus.

Auch Luft ablassen ist nützlich

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass man im Sand nie genug Leistung haben kann, doch das stärkste Auto nutzt nichts, wenn die falschen Reifen montiert sind. Die Pick-ups der Einheimischen sind hochbeinig, wegen der Bodenfreiheit, die Pneus möglichst breit, damit viel Gummi auf dem Sand schwimmt, und nur mäßig profiliert. Grobe Schlammreifen, die auf dem Geländewagen so schick aussehen, schaufeln den Sand nach hinten, statt darauf zu schwimmen, der Wagen gräbt sich damit rasch ein.

Luft ablassen ist wie fast immer im Gelände auch im Sand nützlich. Die heraustretenden Flanken verbreitern die Auflagefläche kaum, sie wird aber länger und weicher. Je nach Felge, Reifen und Fahrzeug gehen manche Leute bis auf 0,6 Bar herunter. Wer mehr als Schrittgeschwindigkeit fahren möchte, sucht einen Kompromiss, denn zu niedriger Druck schädigt den Reifen, und er springt leicht von der Felge. Wir haben auf 1,2 Bar reduziert, denn der größte Teil der Strecke in der Sandwüste ist feste Piste, Tempo 100 km/h macht das Wellblech erträglich.

Sand und Sandstrand ist zweierlei, am Meer ist es feucht. An dessen Rand bei Ebbe entlangzusausen macht Spaß, zu empfehlen ist es trotzdem nicht. Denn wenn es dort wässrig glitzert, versinkt ruck, zuck das Auto bis zum Unterboden. Und dann kommt die Flut.

Quelle: F.A.S.
Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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