125-Kubik-Scooter von Peugeot

Sparsam mit dem Zaubertrank

Von Walter Wille
 - 10:08
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Wollen Scooterhersteller die Schlagkraft ihrer Fahrzeuge im Großstadtgetümmel demonstrieren, halten sie die Neuvorstellungen dort ab, wo es am härtesten zugeht: in Rom oder Lutetia. Dies sind, wie man spätestens aus den Geschichten über das unbeugsame gallische Dorf weiß, die erstaunlichsten Städte des Universums. Kühnheit beim Hakenschlagen, Kreativität beim Durchschlängeln haben nirgends in Europa ein höheres Niveau erreicht als in Rom und Paris, wie wir Letzteres heute nennen. Zur Perfektion reifte dort die Kunst, Lücken zu nutzen, wo keine sind.

Peugeot verweist gern darauf, der älteste noch amtierende Hersteller motorisierter Zweiräder zu sein, ist zwar nicht seit den Zeiten Cäsars im Geschäft, aber immerhin seit 1898. Heute befindet sich die Zweiradsparte zu 51 Prozent in der Hand des indischen Mahindra-Konzerns. 49 Prozent der Anteile hält die PSA-Gruppe aus Frankreich, so dass es auf der Hand liegt, dass Peugeot neue Modelle wie den Belville 125 und den Speedfight 125 in Paris präsentiert und nirgends sonst. Also: Auf in den Kampf, beim Teutates.

Worauf kommt es dabei an? Wendigkeit, Leichtigkeit, Unkompliziertheit sind Tugenden, die man schätzt, wenn es drumherum tost und tobt, dazu etwas Wetterschutz und Stauraum, geringer Verbrauch und eine Sitzhaltung mit guter Übersicht. Hier kommt der neue Großradroller Belville 125 ins Spiel. Die Räder im Format 16 (vorn) und 14 Zoll (hinten) dienen der Beruhigung auf antikem Straßenbelag. Peugeot lässt sie serienmäßig mit Reifen chinesischer Herkunft beziehen.

Die Küchenstuhl-Ergonomie des Belville kommt dem Ideal nahe. Unverbauter Durchstieg und flacher Fußboden lassen noch Platz für eine prall gefüllte Einkaufstüte am Gepäckhaken unterhalb des Lenkers. Eine (arg wabblige) Klappe zum Handschuhfach eröffnet den Zugang zu einer USB-Buchse, passend dazu findet sich im Zubehörprogramm eine Smartphone-Halterung für den Lenker. Die Sitzbank entriegelt auf Knopfdruck, im Fach darunter findet ein Helm Platz. Weiteren Stauraum bietet das serienmäßig vorhandene, recht pfiffig und aufwendig gemachte 37-Liter-Topcase mit Beifahrer-Rückenlehne. Angenehmerweise lässt es sich mit dem Zündschlüssel öffnen.

Für ein urbanes Kampfschwein hat der Belville eine geradezu vornehme Eleganz. Anders als der Name – abgeleitet vom Pariser Viertel Belleville – suggeriert, lässt Peugeot ihn in Asien fertigen. Gleichwohl erzeugen Löwen-Embleme an Front und Heck, ansehnliche Formen und Linien, hübsches Sitzpolster, Gesicht mit LED-Positionsleuchten sowie LED-Rücklicht im Drei-Krallen-Look eine sympathisch französische Note. Ziemlich düster und nur schwer ablesbar dagegen ist das Digitaldisplay im Cockpit. Entgegen seiner eigentlichen Bestimmung sieht es seine Aufgabe offenbar darin, Informationen geheimzuhalten, was aber zu verschmerzen ist. Denn wer in Rom oder Paris vorankommen will, kann sich nicht mit Kleinigkeiten wie Geschwindigkeit, Drehzahl oder Tankpegel (maximal 7,5 Liter) aufhalten.

Bei geringerem Verbrauch mehr Vortriebsleistung

Genügsam ist der neue Belville auf alle Fälle. 2,5 Liter nennt der Hersteller als Verbrauch für 100 Kilometer, wir vermuten, dass man im wahren Leben unter 3 Liter bleiben kann. Angetrieben wird der Roller vom neuen „Smartmotion“-Einzylinder mit 125 Kubikzentimeter Hubraum und seitlich plaziertem Wasserkühler. Der Zweiventiler bringt 11 PS und 10 Nm auf den Boulevard, die Höchstgeschwindigkeit wird mit 95 km/h angegeben. Zum sparsamen Umgang mit dem Zaubertrank tragen laut Peugeot eine reibungsarme Konstruktion sowie eine patentierte Technik namens ACG (Alternative Current Generator) bei: Wird dem Triebwerk hohe Leistung abgefordert (Volllast), regelt das Motorsteuergerät die Ladefunktion der Lichtmaschine zurück. Auf diese Weise stehe bei geringerem Verbrauch mehr Vortriebsleistung zur Verfügung.

Start-Stopp-System oder schlüsselloses Startprozedere lässt der 127 Kilo wiegende Belville vermissen, das ABS seiner Bremsanlage regelt ausschließlich am Vorder-, nicht am Hinterrad. Jedoch ist der Scooter (Markteinführung im ersten Quartal 2018) mit einem Basispreis von 2949 Euro recht günstig. Eine 200-Kubik-Variante wird es für 3099 Euro geben. Während sich der Belville in seiner Kategorie mit Rivalen wie Honda SH 125, Piaggio Medley 125 oder Yamaha Xenter 125 auseinandersetzen muss, ist die Lage für den ebenfalls neuen Speedfight 125 eine ganz andere. Der allein wird von Oktober an die Stellung im Segment der 125er Sportscooter halten, das andere Marken inzwischen verlassen haben.

Der Speedfight, Typ listiger Krieger mit LED-Doppelscheinwerfer, Spoiler auf dem Heck und angetäuschten Lufteinlässen, ist rauflustiger gezeichnet als der Belville, nochmals kompakter, wuseliger und ein paar Kilo leichter. Als 125er sieht er aus wie ein zünftiger Fünfziger. Angetrieben wird er ebenfalls vom Smartmotion-Motor. Der fühlt sich hier trotz identischer Daten einen Tick spritziger, ruppiger an als im geschmeidig agierenden Belville, leitet etwas mehr Vibrationen ins Fahrzeug, vermutlich wegen einer unterschiedlichen Montage im Rahmen. Aus dem Auspuff trötet es eine Nuance frecher, der Verbrauch wird mit lediglich 2,1 Liter angegeben.

Der Speedfight, nach 20 Jahren die vierte Generation, richtet sich vorwiegend an männliche Kunden. 13-Zoll-Räder, kräftig zupackende Kombibremse (kein ABS), USB-Steckdose, LED rundum, kleineres Helmfach unterm Sitz, Mini-Display zählen zu seinen Merkmalen. Und ein Fahrwerk, das straffer agiert, aber weniger komfortabel federt als das des Belville. Auf schlechtem Beleg muss man Gutemine zum bösen Spiel machen. Auch hier steht der Preis schon fest: 2749 Euro. Alea iacta est.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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