Fahrbericht Bonneville T 100

Ein Motorrad zum Händeschütteln

Von Lukas Weber
 - 10:46
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Es kommt selten vor, ist aber hier einmal angebracht: Die neue Triumph Bonneville T 100 im Design des Klassikers aus den sechziger Jahren ist ein Motorrad zum Händeschütteln. Einerseits mit einer kleinen Verbeugung vor dem Hersteller, sie ist ein rundum gelungener Wurf. Und zum Zweiten als Therapie für den sensiblen Fahrer auf langen Strecken. In den Lenker dringen offenbar feine Vibrationen durch, die beim Tester ein leichtes Kribbeln in den Fingern auslösten, das er durch gelegentliches kurzes, aber heftiges Schlackern bekämpfte. Das scheint ein individuelles Problem zu sein, der Kollege spürte nichts.

Ansonsten ist das energische Stampfen des wassergekühlten Zweizylinders mit 900 Kubikzentimetern höchst angenehm, solch ein Motor muss im Allerwertesten zu spüren sein. Immerhin bewegen sich zwei Kolben im Format von Bierkrügen auf und ab. Mit einem Hubzapfenversatz von 270 Grad ergibt sich ein asymmetrischer Schlag, der den zwei Auspuffrohren als dumpfes Grollen entweicht und – allein schon ob des Tones – dazu verführt, ständig die Drehzahl aus dem Keller zu holen. Dann ruckt die Bonnie etwas, schüttelt sich kräftig, es stehen jetzt 2500/min an, und stürmt voran, kurz darauf ist das Drehmomentmaximum von beachtlichen 80 Nm erreicht.

Das durch eine Ausgleichswelle gezügelte Triebwerk läuft dann rund, so etwas gab es beim Original noch nicht, und auch sonst ähnelt der Zweizylinder nur auf den ersten Blick jenem im Klassiker – er hat nun acht Ventile und ist kein Langhuber mehr. Wer es unbedingt haben will, kann das Gas stehen lassen und 55 PS bei knapp 6000/min abrufen. In diesen Regionen bewegt sich die Nadel des Drehzahlmessers etwas zäh. Am besten lässt man es, Drehzahlorgien passen ohnehin nicht zum Charakter der T 100.

Der ist, von oben bis unten, auf Nostalgie und entspanntes Gleiten über verträumte Landstraßen ausgelegt. Aufsteigen, starten und losfahren, nach ein paar Kilometern ist alle Hektik abgelegt. Triumph hat seinen Universal-Zweizylinder hübsch verpackt und obendrein so, dass er fast wie der Urahn aussieht. An den hat der Autor dieser Zeilen aus seiner Kindheit noch eine blasse Erinnerung, zwei junge Amerikaner ein paar Häuser weiter hatten eine Bonneville in ihrem Fuhrpark aus sechs Motorrädern, waren aber ob der englischen Verarbeitung nicht ganz glücklich damit. Das ist nun vorbei, alles ist ohne Makel und wie aus einem Guss, und die T 100 der wiederauferstandenen Marke Triumph wird nicht mehr in England, sondern in Thailand montiert.

Der Hersteller hat es geschafft, das nostalgische Äußere von den zwei hinten verjüngten Pusterohr-Auspuffrohren bis zu den hübschen und selbstredend ganz analogen Rundinstrumenten für Drehzahl und Geschwindigkeit dezent mit modernen Zutaten zu verbinden. So finden sich in jenen Instrumenten ein unauffällig plazierter Bordcomputer mit den üblichen Funktionen, der sogar den Durchschnittsverbrauch von 4,3 Liter exakt angezeigt hat, und für Leute, die Mühe haben, bis fünf zu zählen, eine Ganganzeige – der Tester gehört dazu, beständig suchte sein linker Fuß nach einem sechsten Gang, den der bullige Motor locker vertragen hätte. Unter dem Getriebe vermissen wir den unvermeidlichen Öltropfen der Ur-Bonneville nicht, die Gänge rasten sauber ein, wenngleich mit einem deutlichen Klack. Die Kupplung geht erstaunlich leicht, sie ist laut Hersteller drehmomentunterstützt.

Die Sitzposition in 79 Zentimeter Höhe ist aufrecht, so dass man die Höchstgeschwindigkeit von etwas mehr als 170 km/h nur theoretisch brauchen kann, und enspannt, Leuten mit kurzen Beinen fehlt allerdings der Knieschluss am 14,5 Liter fassenden Tank. Und die Sozia merkt an, sie sitze ganz bequem, die gut gepolsterte Bank sei freilich etwas rutschig. Die Federung mit jeweils 120 Millimeter Federweg vorn und hinten ist straff, aber ausreichend komfortabel, das Fahrverhalten bei artgerechtem Gebrauch untadelig. Die Vorderradbremse mit einer großen Scheibe wirkt dem Charakter des Motorrads entsprechend nicht zu giftig, die hintere ist teigig, ABS und Traktionskontrolle regeln sanft. Einen Hauptständer, auf den man die rund 230 Kilogramm wuchten könnte, gibt es nicht, dem Seitenständer entsprechend ist der abschließbare Tankdeckel leicht seitlich versetzt.

Die Bonneville gibt es zu Preisen von 10.300 Euro an aufwärts in drei klassischen Farben, darunter eine schwarze Variante, und mit einem reichhaltigen Zubehörprogramm von gut 150 Posten, aus dem an der Testmaschine schicke kleine Satteltaschen aus Leder montiert waren. Einsteiger werden sich über den Drosselkit auf 35 kW freuen, Vielfahrer über das lange Wartungsintervall von 16 000 Kilometern. Das rustikale Stampfen lässt sich weit jenseits der Fahrleistungen, die mit der alten Bonneville möglich waren, mit etwas Geld noch intensivieren: Als T 120 gibt es das gleiche Motorrad für rund 12 000 Euro auch mit 1200 Kubikzentimetern und 80 PS.

Quelle: F.A.Z.
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Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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