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Tierarzt mit Tragschrauber

Da fliegt die Kuh

Von Jürgen Schelling
 - 16:10
Veterinär Steffen Kappelmann im Einsatz Bild: Schelling, F.A.S.

Bevor sich Steffen Kappelmann im schwäbischen Sachsenheim nahe Stuttgart auf den Weg zum Einsatz als Veterinär macht, checkt er noch rasch den Ölstand des Motors. Anschließend zieht er einen Helm auf und schwingt sich auf den Sitz. Seine Arzttasche verstaut er auf dem Platz hinter sich. Ab diesem Moment wird es allerdings ungewöhnlich. Denn jetzt startet er den Vierzylinder. Dieser treibt aber kein Motorrad oder Auto an, sondern einen Propeller. Nach dem Warmlaufen setzen sich nun auch die beiden Rotorblätter über Kappelmanns Kopf in Bewegung. Sie drehen sich immer schneller. Dann gibt er Gas. Nach etwa 40 Metern hebt sein ungewöhnliches Transportmittel ab. Es ist ein moderner Tragschrauber.

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Diese Drehflügler, auch Gyrokopter genannt, sind so etwas wie fliegende Cabrios der Luftfahrt. Allerdings wird der Rotor beim Tragschrauber anders als beim Hubschrauber nicht vom Motor angetrieben, sondern durch den Fahrtwind. Um dies zu ermöglichen, sitzt ein etwa 80 bis 100 PS starkes Triebwerk mit einem Druckpropeller in der Maschine, der für die nötige Vorwärtsgeschwindigkeit sorgt. Es gibt auch keine Verstellung der Rotorblätter im Flug wie beim Heli. Deshalb kann ein Gyrokopter nicht senkrecht starten und landen.

Tragschrauber, die nur auf den ersten Blick aussehen wie kleine Hubschrauber, haben seit ihrer offiziellen Zulassung in Deutschland 2003 eine schnelle Verbreitung erfahren. Die Gründe dafür sind vielfältig. So gehören sie in die Kategorie der Ultraleichtflugzeuge. Für diese ist eine Pilotenlizenz relativ preiswert und rasch zu erlangen. Die Motoren der Drehflügler verwenden Autobenzin anstelle des teuren Flugzeugsprits Avgas und brauchen nur etwa 18 Liter in der Stunde. Es gibt sie mit offenem oder geschlossenen Cockpit, als Ein- und Doppelsitzer. Am wichtigsten ist aber für viele, dass Tragschrauber relativ einfach zu steuern sind und auf extrem kurzen Pisten (rund 70 Meter) starten oder landen können. Dadurch kommen sie in ihren Flugeigenschaften sogar dem Helikopter nah, ohne allerdings dessen enorme Unterhalts- und Wartungskosten zu verursachen.

Die Nachteile? Ein Gyrokopter darf in Deutschland nur maximal zweisitzig sein. Er fliegt langsam und ist beim Anrollen zum Start Windanfällig. Anders als alle anderen ultraleichten Fluggeräte hat er kein Rettungssystem eingebaut, mit dem der Pilot im Notfall einen Fallschirm ausschießen könnte. Der Tragschrauber kann zwar nicht wie ein Flugzeug einen Strömungsabriss erleiden, wenn er langsam fliegt, aber er kann dennoch abstürzen. Etwa, wenn der Pilot die Betriebsgrenzen überschreitet und daraufhin der Rotor zu langsam dreht oder die Struktur der Maschine kollabiert, wie einige tödlich verlaufende Unfälle ergaben.

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Gyrokopter gibt es seit fast 100 Jahren. Der Spanier Juan de la Cierva entwickelte frühe Modelle. 1923 absolvierte eine von ihm konstruierte Maschine den ersten Flug eines Tragschraubers. James Bond, damals gespielt von Sean Connery, konnte in den späten 1960er Jahren im Streifen „Man lebt nur zweimal“ einen bewaffneten Tragschrauber spektakulär am Himmel einsetzen, um sich seiner Gegner im Helikopter zu entledigen.

Wie alle anderen Piloten an feste Regeln halten

Steffen Kappelmann nutzt sein ungewöhnliches Fluggerät hingegen als Arbeitsmittel. Er darf als Tierarzt im Dienst mit einer Sondererlaubnis auf insgesamt 27 Anwesen in der Region Stuttgart bei Landwirten landen, die Klienten bei ihm sind und Kühe halten. Jeden Hof darf er aber nur ganz wenige Male im Jahr anfliegen, außer bei Notfällen. Natürlich muss er sich ebenso wie alle anderen Piloten im Luftverkehr an feste Regeln halten. So hat er ein Funkgerät an Bord, um bei besonderen Lufträumen wie etwa dem An- und Abflugbereich des Flughafens Stuttgart eine Genehmigung vom Lotsen zum Durchfliegen einholen zu können. Ebenso ist seine zweisitzige Maschine des Hildesheimer Herstellers AutoGyro vom Typ MTO-Sport mit einem sogenannten Transponder ausgerüstet, der ihn auf dem Radarschirm der Flugsicherung sichtbar macht. Vorgeschriebene Mindesthöhen hat er ebenso einzuhalten wie die Piloten anderer Ultraleichtflugzeuge oder von Cessna und Co.

Bevor Kappelmann die Ausnahmebewilligung, eine sogenannte Außenstart und -landegenehmigung erhielt, wurde bei jedem der vorgesehenen 30 landwirtschaftlichen Betriebe überprüft, ob er dort anfliegen, aufsetzen und wieder abheben kann, ohne sich und andere zu gefährden. Nur bei drei Höfen klappte es nicht, weil dort entweder Hochspannungsmaste stehen oder die Autobahn zu dicht vorbeiführt. Bei den anderen 27 Anwesen passten die Voraussetzungen. Allerdings musste der Tierarzt auch noch von jedem der Hofbesitzer eine Eigentümererklärung besorgen und jeweils ein Google-Map-Ausdruck des Grundstücks dem Regierungspräsidium vorlegen, um die Sondererlaubnis zu bekommen. Sie ist immer für ein Jahr gültig. Zudem ist die Zahl dieser Starts und Landungen streng reglementiert.

Im Auto stehe er zu häufig im Stau

Für die von Kappelmann praktizierte Form der Fliegerei ist ein Gyrokopter optimal. Bereits 50 Meter Feldweg oder Wiese reichen ihm zum Starten. Noch viel kürzer ist die benötigte Strecke zum Landen, meist sind es unter zehn Meter. Sein Zeitvorteil auf dem Luftweg mit etwa 120 km/h Geschwindigkeit gegenüber der oft überfüllten Straße ist der Hauptgrund für den Tierarzt, um in den Tragschrauber zu klettern. Denn im Auto stehe er in der Metropolregion Stuttgart so häufig im Stau, dass er schon zu spät gekommen sei, um etwa bei einer trächtigen Kuh mit Komplikationen das Kälbchen zu retten. Das ist seit dem Kauf des eigenen Gyrocopters anders.

Das gebrauchte Fluggerät mit einem 100-PS-Boxermotor hat rund 40 000 Euro gekostet und amortisiert sich dadurch, dass für Steffen Kappelmann nun mehr Tierarzt-Termine pro Arbeitstag in dem einige tausend Quadratkilometer großen Einsatzgebiet möglich sind. Zudem ist er in Notfällen schneller bei seinen vierbeinigen Patienten. Der nur 270 Kilogramm schwere Tragschrauber steht einsatzbereit auf einem Autoanhänger vor der Tierarztpraxis. Von dort geht’s zum befreundeten Bauer im Nachbarort. Anschließend wird auf einem Feldweg gestartet.

Im Grunde seines Herzens ist der sympathische Schwabe auch begeisterter Helikopterpilot mit entsprechender Privatpilotenlizenz. Senkrecht zu starten und landen fasziniert ihn nach wie vor. Das Helifliegen pausiert aber derzeit ein bisschen. Das hat fliegerische Gründe. Ein Hubschrauber verträgt auch sogenannte negative Belastungen, also etwa das Hochziehen der Maschine und dann starkes Nachdrücken nach unten. Dieses Manöver wäre allerdings Gift für den Gyrocopter. Bei ihm muss die Luft durch die Vorwärtsfahrt immer von unten in den Rotor strömen, nie von oben. Bei negativen Belastungen, wie sie im Heli üblich sind, würde ein Gyrokopter abstürzen. Da viele Hubschrauberpiloten aber über eingefleischte Reflexe verfügen, die beim Tragschrauberfliegen möglicherweise gefährlich werden können, setzt Kappelmann deshalb mit dem Heli etwas aus, um so sicherer in der Luft unterwegs zu sein.

Seine Landwirte haben sich daran gewöhnt, dass er manchmal vom Himmel kommt, um nach dem Vieh zu schauen. Anfangs, so erzählt Kappelmann lachend, hätten es die Bauern noch für einen Scherz gehalten, wenn er am Telefon gesagt habe: „Heute komme ich aus der Luft.“ Als er dann tatsächlich am Himmel auftauchte und zur Landung ansetzte, seien alle Familienmitglieder zusammengelaufen, um zuzuschauen. Mittlerweile ist sein Starten und Landen auf ihren Anwesen für die Landwirte nahezu Normalität. Sie finden vor allem gut, dass der Tierarzt im Notfall so rascher bei ihnen sein kann.

Auch der fliegende Doktor freut sich, dass er die Kühe auf den Höfen unkompliziert erreichen und termintreuer behandeln kann – zumindest solange das Flugwetter auf seiner Seite ist. Denn bei Nebel, zu tiefer Wolkenuntergrenze oder auch bei Minustemperaturen im offenen Cockpit ist Gyrofliegen für ihn tabu. Dann kommt eben sein Auto zum Einsatz.

Quelle: F.A.S.
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