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Treffen für Elektroflugzeuge

Elektropiloten suchen den Aufwind

Von Jürgen Schelling
 - 16:00
Die Lange Aviation Antares 20E mit Elektro-Klapptriebwerk posiert in Grenchen vor einer DC-3. Bild: Schelling, F.A.Z.

Elektroantrieb ist die Zukunft. Dieser Einschätzung, auf der Automesse IAA in Frankfurt breitgetreten, schließen sich auch viele Fachleute in der Luftfahrt an. Wann genau diese Zukunft am Himmel einsetzen wird oder ob sie schon begonnen hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. Um Informationen zu sammeln und eine solide Grundlage für die Diskussion zu schaffen sowie die jüngsten Modelle im Elektroflug zu präsentieren, luden die Organisatoren des ersten europäischen Treffens für Elektroflugzeuge – neudeutsch Smartflyer Challenge genannt – an den eidgenössischen Airport Grenchen ein. Veranstalter waren der Flughafen zusammen mit dem Schweizer Aero Club und verschiedenen Luftfahrtverbänden.

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Mit einer Premiere begann es, denn der aus Deutschland eingeflogene Elektro-Motorsegler E-Genius markierte am Tag vor Veranstaltungsbeginn die erste Landung eines Elektroflugzeugs auf dem mehr als 80 Jahre alten Flughafen Grenchen unweit von Bern. An den nächsten zwei Tagen zeigten eidgenössische und weitere europäische Hersteller schon fliegende oder vor dem ersten Abheben stehende Reiseflugzeuge, Motorsegler, Hängegleiter und Multicopter, die alle eines verbindet. Sie werden von einem oder mehreren Elektromotoren angetrieben.

Noch sind einige der dort vorgestellten Konzepte reine Zukunftsmusik, andere fliegen aber schon und wurden auch im Flug vorgeführt. Etwa der zweisitzige Motorsegler E-Genius des Instituts für Flugzeugbau der Technischen Universität Stuttgart, der aber als reiner Versuchsträger nie in Serie gebaut werden soll. Anders die doppelsitzige Magnus E-Fusion des ungarischen Herstellers Magnus Aircraft. Angetrieben von einem 45 Kilowatt Dauerleistung starken Siemens-Elektromotor zeigte die E-Fusion beeindruckend leise Flüge. Auch die Akkus stammen vom deutschen Elektrokonzern. Die Maschine soll als leichtes Trainings- und Schulflugzeug in Serie gebaut werden. Weil Siemens in der künftigen Elektrofliegerei eine wirtschaftliche Perspektive sieht und seit 2016 gemeinsam mit Airbus ohnehin Elektroflug-Projekte entwickelt, zeigte das Münchener Unternehmen mit einem großen Messestand in Grenchen Präsenz.

Ein deutscher Hersteller ist sozusagen der Tesla unter den Elektroflugzeugbauern, zumindest was die Stückzahl angeht. Lange Aviation aus Zweibrücken zeigte seinen Motorsegler Antares 20/23 E mit Elektroantrieb, der schon seit 2004 in Serie gebaut wird. Bisher sind mehr als 70 Exemplare des einsitzigen Elektrofliegers mit Klapptriebwerk produziert – im Flugzeugbau eine beeindruckende Zahl.

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Es sind aber vor allem kleinere Startups, die in der Elektroflugszene eine Pionierrolle übernehmen. Etwa die Entwickler der Votec Evolaris, eines Kunstflugzeugs mit Elektroantrieb. Die einsitzige Maschine, entwickelt von Studenten der Fachhochschule Bern und dem Schweizer Flugzeugbauer MSW Aviation, soll noch vor Jahresende fliegen. Der 230 kW leistende Elektromotor wurde nicht zugekauft, sondern in Eigenregie entwickelt. Seine Laufzeit soll ausreichen, um eine maximal zwanzigminütige Kunstflugvorführung zu absolvieren, dann bleiben noch einige Minuten Reserve zum Landen. Das ist deutlich umweltfreundlicher als bisher, weil die leisen Fluggeräusche nur noch vom Propeller, nicht aber vom Motor erzeugt werden. Bei genügend Interesse könnte die Votec Evolaris in einer Kleinserie entstehen. Sogar ein achtmotoriges Luftfahrzeug war in Grenchen zu sehen. Der futuristische Whisper des französischen Herstellers EAC ist ein zweisitziger Multicopter, der senkrecht wie ein Helikopter starten und landen soll. Elektromotoren treiben acht Rotoren an, ein Computer überwacht den Piloten. Ein zentraler Steuerknüppel sitzt in der Mitte zwischen den Insassen und kann von beiden genutzt werden. Wann der Whisper zum ersten Mal abheben wird, steht noch nicht fest, es dürfte aber nicht vor 2019 sein.

Auch weniger exotische Projekte wurden während der Smartflyer Challenge vorgestellt, darunter viersitzige Reisemaschinen. Zwei Unternehmen aus der Schweiz planen unabhängig voneinander derartige Flugzeuge und gehen im Design von ähnlichen Ansätzen aus. So sitzt der Elektromotor mitsamt Propeller sowohl im „Smartflyer“ als auch im „Traveller Hybrid“ oben im Seitenleitwerk. Das ist nicht nur strömungsgünstig und verhilft zu einer sauberen Aerodynamik, sondern macht das Motorgeräusch für die Insassen fast unhörbar. Beide Konzepte bieten optional einen Hybridantrieb. Da Start und Landung rein elektrisch geschehen sollen, sind diese Flugzeuge für ihre Umwelt flüsterleise. Erst im Reiseflug wird der Verbrennungsmotor zum Aufladen der Bordakkus gestartet.

Ähnlich wie in der Autoindustrie gibt es bisher aber drei große Schwierigkeiten in der aviatischen Elektromobilität: Reichweite, Infrastruktur und Kosten. Reine Elektroflugzeuge ohne Unterstützung durch einen Hybridantrieb haben bisher nur sehr geringe Reichweiten. Deswegen werden zunächst vorwiegend Hybridlösungen verwirklicht, bis die Akkus leistungsfähiger sind. Die Strom-Infrastruktur ist ein zweites Problem. Für diese Flugzeuge müssen an Flugplätzen Elektrotankstellen geschaffen werden, die ihre Energie möglichst aus Wasser-, Wind- oder Sonnenkraft beziehen sollten. Eine Verbreitung dieser Ladestationen ähnlich herkömmlicher Flugzeugtankstellen für Benzin ist Zukunftsmusik. Ende August hat der slowenische Flugzeughersteller Pipistrel, der auch Elektroflugzeuge baut, an einem slowenischen Flugplatz die allererste Elektroflug-Aufladestation installiert.

Winzige Stückzahlen von Elektroflugzeugen stellen ein weiteres Manko dar. Denn in der Luftfahrt müssen die neuen Elektro- oder Hybridantriebe, Akkus oder Flugzeuge erst aufwendig zertifiziert werden, bevor an einen Serienbau zu denken ist. Es bleibt also nicht nur für die Teilnehmer der ersten Smartflyer Challenge noch einiges zu tun, bevor es mit der elektrischen Revolution am Himmel etwas wird.

Quelle: F.A.Z.
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