Motor
Trendsport Rudern

Komm her, Welle

Von Jörg Niendorf
© Hersteller, F.A.S.

Ein Sportruderboot für jedermann? Mit richtigen Auslegern und Rollsitz, aber trotzdem leicht und einfach zu bewegen, selbst von Anfängern und sogar bei Wellengang? Da werden die meisten Ruderer, zumal in den deutschen Vereinen, abwinken – das gibt es nicht. So schnell lernt das Rudern keiner! Eine gängige Regel lautet, dass kippstabile Anfängerboote immer Dickschiffe zu sein haben, schwer, behäbig, altmodisch. Es sei denn, man schaut einmal zu unseren Nachbarn: nach Frankreich, Benelux, Skandinavien.

Dort bauen gleich mehrere Werften sehr leichte Fiberglas- oder Karbonboote, die über die Wellen gleiten können wie ein Surfboard und doch den Vorteil des Ruderboots haben, nämlich den kräftigen Anschub durch zwei Skulls und lange Hebelwirkung. Das gibt Tempo, selbst bei rauhem Wasser. Und es hat das „Coastal Rowing“ an manchen Orten populär gemacht, unter Rennruderern genauso wie unter Neueinsteigern, die damit das Rudern erlernen. Höchste Zeit für eine Probefahrt in einem dieser Skiffs, einem Einer der französischen Marke „Euro-Diffusion’s“. Die wird mittlerweile direkt in Deutschland vertrieben.

Mit 30 Kilo Gewicht ist der „X19“ von Euro Diffusion’s leicht zu zweit von der Bootshalle bis zum Steg zu tragen, 40 oder 50 Schritte hinunter zum Wasser. Eine Sportlerin des Ersten Kieler Ruder-Clubs hilft. Aus ihrem Verein stammt das Boot. Dort gibt es neuerdings einige dieser seegängigen Modelle, der Importeur stellt sie zum Ausprobieren zur Verfügung. Sechs Meter misst das Boot, in der Mitte ist es 80 Zentimeter breit. Das ist mehr als doppelt so viel wie bei einem Renneiner, jenen Booten, die sonst in den Hallen des Kieler Klubs übereinandergestapelt liegen.

Durchs offene Heck kann jede Welle sofort ablaufen.
© tomski-media, F.A.S.

Wofür die Breite gut ist, soll sich gleich auf der Kieler Förde zeigen. Es geht ein mäßiger Westwind, ein Stück entfernt vom Ufer kräuseln sich ein paar Wellen. Die wollen wir. Und außerdem gibt es ja auch noch die klobigen Hafenfähren, die ordentlich Bugwelle schieben – da müssen wir hinein! Weiter draußen vor Kiel-Holtenau, am Eingang des Nord-Ostsee-Kanals, fahren vielversprechend große Dampfer, die für schön kabbeliges Wasser sorgen. Also schnell hin. Es soll das echte Gegenprogramm zum sonstigen Rudern sein, bei dem man alle Wellen möglichst zu umfahren versucht.

Der X19-Einer hat einen kantigen Bugsteven, fast rechtwinklig zur Wasserlinie. Das erinnert an jene „Surfski“, die zum Trend in rauhem Wasser wurden, an ein „Epic“-Kajak zum Beispiel. Ohnehin ähneln sich die heutigen Coastal-Rowing-Boote und die langen flachen Rümpfe solcher Surfskis sehr. In der Längsansicht sind beide wie ein Keil: vorn höher, hinten flach. Der geliftete Bug des X19 soll durchs Wasser schneiden, und dahinter übernimmt der Plattboden des Boots seine Aufgabe und bringt es ins Gleiten. Im ersten ernsthaften Wassergewühl, kurz hinter einer Fördefähre namens „Strande“, klappt es dann. Kein Stampfen, sondern Surfen. Wir treiben das Boot mit den leichten Kohlefaser-Skulls beständig an, egal, aus welcher Richtung eine Welle kommt. Das Boot behält sein Tempo, schiebt sich voran, gleitet in ein Wellental hinab, bekommt Schwung für die nächste Berg- und-Tal-Fahrt, statt zwischen den Wellen festzustecken, wie es ein Verdrängerrumpf jetzt wohl täte. Jede überkommende Welle fließt sofort wieder ab, denn das Heck ist selbstlenzend.

„Gigs“ sind die breiteren Modelle

Spätestens nun ist klar, dass dieses Rudern rein gar nichts zu tun hat mit dem Fahren in einem üblichen Gigboot. Daran denken die meisten Rudersportler erst einmal, wenn sie vom Küstenrudern hören. „Gigs“ sind die breiteren Modelle, mit denen man bei unruhigem Wasser oder auf Wanderfahrten unterwegs ist. Auch gibt es „Seegigs“ aus Dänemark: noch schwerere robuste Holzboote mit abgedecktem Bug und Heck gegen Wellen. Hier ist das anders. Wir haben zwar auch einen breiten, geschlossenen Rumpf unterm Hintern, aber er ist leicht und wendig. Der gelb lackierte Fiberglas-Karbon-Einer reagiert auf jedes Manöver sofort, dreht wie auf dem Teller, springt auf jeden Ruderschlag an und beschleunigt. Was man auch anstellt, er steht stabil im Wasser. 80 Zentimeter lassen da eben grüßen.

Gründe genug gäbe es, in den Wellen irritiert oder nervös zu sein, gerade für eher unerfahrene Ruderer: Der Rollsitz bewegt sich – und damit der ganze Körper des Ruderers –, das Boot kippelt, und in den Händen hält man „nur“ zwei wacklige Skulls. Aber: Da ist rechts und links vom schmalen Sitz noch richtig viel Bordkante, das beruhigt. Ein Kentern ist nicht zu befürchten. Aus dem Grunde eignet sich solch ein Boot gerade für Quereinsteiger oder Ruderer, die nach langer Pause wieder loslegen und doch sportlich vorankommen wollen. Und wohl auch für Anfänger, die darin das komplexe Rudern besser und stabiler als in anderen Modellen erlernen können. Darauf verweist der französische Hersteller mittlerweile häufig, und das zieht in Frankreich und auch Italien offenbar schon. Es lassen sich neue Sportlergruppen ansprechen, Individualruderer, die abseits der Vereine ihr Boot zu Wasser lassen und zur Feierabendtour starten. Ganz so, wie es beim Paddeln gang und gäbe ist.

Bei Volans sitzt man fest im Boot

Gleich mehrere Anbieter schielen auf diesen neuen Markt und wollen mehr Boote nach Deutschland bringen. Aus Frankreich kommen außer Euro Diffusion’s die seegängigen Lite Boats, erdacht vom Extremsportler Mathieu Bonnier. Ähnliche Kunststoffboote gibt es von Leo Coastal Rowing aus Schweden. All diese Modelle sieht man auf großen Meisterschaften, wenn Rennen gefahren werden und werbewirksame Bilder von über Wellenkämme springenden Booten entstehen. Die Volans-Werft aus den Niederlanden führt die Idee weiter mit dem wellengängigen, gleitenden Ruderboot mit einem gleitenden Ausleger für die Küste und die Brandung. Bei Volans sitzt man fest im Boot und nicht auf einem rollenden Sitz, dafür bewegen sich die Ausleger. Marktführer Euro Diffusion’s aus Avignon bietet die breiteste Modellpalette an Küstenruderbooten. Jüngste Neuerung ist ein besonders leichter und etwas kürzerer Einer (4,85 Meter) namens X-Light, der aufs Autodach passt (ab 5000 Euro). Sämtliche Euro-Diffusion’s-Boote gibt es jeweils für Wettkämpfe oder für Breitensportler. Der normale Einer kostet 3800 Euro aufwärts, die Preise für den Zweier beginnen bei 7700 Euro. Das größte Boot ist ein Vierer mit Steuermann (ab 13.400 Euro), als Regattaboot aus Karbon zum stolzen Preis von 19.000 Euro.

Aber zurück auf die Kieler Förde, die an diesem Tag, zugegeben, zu friedlich bleibt. Immerhin, „MS Laboe“, wieder eine Fördefähre, kommt nun vorbei. Die grüne Fahrwassertonne neben uns schaukelt ganz schön. Ab und an schwappt ein Schwung Wasser über die Ausleger, aber selbst das bremst kaum, Boot und Rigg sind darauf ausgelegt. Euro Diffusion’s baut meistens Flügelausleger an seine Modelle, sie sind stromlinienförmig und bewähren sich am besten bei Wellen. Wir sind mit zwei Booten unterwegs. Im anderen sitzt die Sportlerin des Kieler Klubs, sie testet den Einer der Yole-Serie der Franzosen. Das sind die einfacheren Modelle, für den Freizeitsport gedacht. Aber die Wellen surft der Yole genauso geschmeidig hinab, nicht schlechter als unser X-Boot. Man muss sie nur laufen lassen. Schön geradeaus gehalten werden sie dabei von einer bananenförmig geschwungenen Finne am Heck. Die hat jedes Modell, und darauf muss man besonders achten, will man zum Beispiel von einem Strand aus starten und dort anlanden. Rudert man ein Coastal-Boot, empfehlen sich unbedingt Neopren-Schuhe, weil immer etwas Wasser im Fußraum steht. Coastal Rowing ist Rudern mit einer Prise Segeln und Surfen, nassem Neopren, Salzwasser, dazu das beständige Plätschern im offenen Heck inklusive.

Drei Kammern hat der X-Einer, wodurch er unsinkbar sein soll. Karbonanteile stecken im Rumpf, daher ist er so leicht und steif zugleich. Zieht man hart an den Skulls und tritt mit den Beinen in das Stemmbrett, spürt man durchaus die Stabilität der Konstruktion. Nichts federt nach. Das X-Modell kann ruhig einmal richtig rangenommen werden und muss jenen Kräften widerstehen können, die von außen einwirken, wenn es durch die Brandung im Meer geht.

Aber dann – wieder so eine Neuerfahrung für Ruderer – brauchte man gewiss doch noch etwas mehr Neopren als nur an den Füßen.

Weitere Informationen: Euro Diffusion’s in Deutschland fast-sports.de; außerdem leocoastalrowing.com, liteboats.fr, volanswatersports.com

Quelle: F.A.S.
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