Land Rover Experience Tour

Expedition Inka

Von Elena Witzeck
 - 09:04
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Es ist später Nachmittag, als der Konvoi hinter einem klapprigen Reisebus bremst. Im Dämmerlicht, das im Urwald der Dunkelheit sehr nah ist, warten Frauen mit Kleinkindern am Straßenrand. Neun Stunden Fahrt liegen hinter der Gruppe mit den weißen Geländewagen, von der Kleinstadt Jauja entlang der Huaytapallana-Bergkette bis zur Schneise durch den Dschungel nach Satipo, 200 Kilometer, mehr als 3500 Höhenmeter, viel Regen. Vor den 45 Reisenden eine Gerölllawine, die den Weg nach einem Erdrutsch nahe dem Nachtquartier versperrt. Die Eifrigsten beginnen an den Steinen zu zerren, aber der Haufen bewegt sich nicht. Eine alternative Strecke gibt es weder durch den Urwald noch über das Gebirge. Manche Abenteuer lassen sich planen. Andere passieren einfach.

Alle zwei Jahre rollt die Land Rover Experience Tour durch Gegenden der Welt, die ohne Offroad-Fahrzeuge und professionelle Ausrüstung nicht zu erreichen sind. In Afrika, Asien, Europa, Mittelamerika und Australien war das Team um Tourchef Dag Rogge mit ausgewählten Teilnehmern und Journalisten schon unterwegs, elf Mal insgesamt; eine erfolgreich durchorganisierte Marketingaktion, die keinen Anlass zu brauchen scheint. Jetzt also Peru.

Zwei Jahre Planung

Mitte Oktober machen sich 15 neue, 340 PS starke, verhältnismäßig leichte Land Rover Discovery und vier Range Rover Sport mit Automatikgetriebe und Benzinmotor auf den Weg. Sie sind auf die Fahrt durch Wüstengegenden, Hochgebirge und Schlamm vorbereitet: mit Stahlplatten unter den Stoßstangen, Funksendern und Benzinkanistern auf den Dachträgern, höher belastbaren Reifen und Kunststoff-Sitzüberzügen. In zweifacher Ausführung liegen Material und Technik neben Zelten und Verpflegung in den großzügigen Kofferräumen. Dann sind da noch ein Koch, ein Arzt, Techniker, Instruktoren, Organisationtalente und ein paar Witzbolde, die die Stimmung hoch halten, wenn etwas schiefgeht. Zwei Jahre hat Rogges Team in die Planung gesteckt, nichts blieb dem Zufall überlassen, mühsam wurden die Wagen aus Kolumbien und Brasilien in letzter Minute durch den Zoll gebracht. Alles, was sich planen ließ, ist geplant.

Die Gruppe hat sich vor dem Geröllberg versammelt, als der Busfahrer, ein zahnloser Mann mit Sportjacke, hinzutritt: Im nächsten Ort, sagt er, gebe es einen Radlader, mit dem der Weg frei geräumt werden könne. Den müsse aber jemand bezahlen. Dag Rogge beraumt eine Teambesprechung an. Bis der Radlader da ist, kann es dauern, und keiner weiß, ob die Strecke dahinter bei alldem Regen befahrbar bleibt. Zum Aufschlagen der Zelte ist die Gegend zu gefährlich, weil jederzeit Erde nachrutschen kann. Auf 4000 Metern will auch niemand übernachten. Irgendwann fährt sich Rogge, ein drahtiger Mann, durch das schütter gewordene graue Haar und sagt: „Die sicherste Lösung ist umzukehren.“ Ein Seufzen geht durch die Runde. Die Nacht wird lang.

Die sechs Regeln

Es ist nicht das erste Mal, dass die Natur der Experience Tour dazwischenfunkt. Trotzdem haben sich in diesem Jahr wieder mehr als 30.00 Menschen um die Teilnahme beworben. Land Rover hat sechs junge Fahrer ausgesucht, die in der Vorauswahl einen belastbaren und teamfähigen Eindruck machten. Die zupacken, wann immer sich die Gelegenheit ergibt, so wie Niko Sollazzo aus Ratingen, der bei Reifenpannen als Erster auf dem Dach steht und den Ersatzreifen holt.

Die ihren Job während der Tour ernst nehmen, so wie Marcel Illner aus Aachen, Pilot bei der Luftwaffe, der bei seinen Funksprüchen auf Seriosität achtet. Die das Offroad-Erlebnis ganz auskosten, so wie Judith Schneider, Krankenschwester aus Berlin, die sich morgens unter eine eisige Campingdusche stellt.

Warum können sich so viele Menschen nichts Besseres vorstellen als eine tagelange Allradfahrt mit viel Schlamm und wenig Schlaf? Wer die Teilnehmer in Peru fragt, erfährt etwas von großen Träumen und einmaligen Gelegenheiten. Nach einer Woche hinter dem Lenkrad ist klar: Es hat etwas mit den sechs Regeln der Abenteuer-Tour zu tun.

Aufmerksamkeit und Entschleunigung

Aufmerksamkeit. Am Morgen nach der Rückkehr aus dem Dschungel stehen 17 weiße und zwei graue Expeditionswagen an einer Tankstelle bei Huanyaco Schlange, umringt von Taxifahrern mit farbig geschmückten Motorrad-Tuk-Tuks. Den Plan, weiter in den Urwald hineinzufahren, musste Dag Rogges Team wegen der Regenfälle aufgeben. Stattdessen soll es über Landstraßen, einen Gebirgspass und durch einen Canyon nach Pisco ans Meer gehen. In den Bergdörfern winken die Bewohner und reichen Kokablätter durch die Fenster. Dann auf Serpentinen in die Berge. „Fahrzeug eins passiert Hindernis“, sagt Marcel Illner, der vorausfährt, per Funk durch, wenn ein Laster am Straßenrand hält und er sich mit seinem Wagen Zentimeter für Zentimeter an ihm vorbeikämpft, immer bedacht darauf, dem Abgrund nicht zu nahe zu kommen.

Entschleunigung. Man fährt also und fährt, sieht in aller Ruhe Berge, Lamas, Schluchten, Kakteen, Abhänge und spitze Steine vorbeiziehen und hofft darauf, nicht der Erste zu sein, dem ein Reifen platzt (vergebens). Für die im Schnitt 200 Kilometer langen Tagesetappen sieht das Roadbook zehn Stunden Fahrt vor, tatsächlich braucht die Karawane oft noch länger. Das hat nicht nur mit dem ungesicherten Gelände zu tun. In der ersten Woche steht ein Lastwagen eingekeilt in einer Kurve, der befreit werden muss. An einem Tag in der zweiten Woche ist im ganzen Land Volkszählung. Es herrscht Reiseverbot, aber das Team hat eine Ausnahmegenehmigung für die Fahrt bekommen, was die Militärposten nicht davon abhält, mehrfach zu kontrollieren, Kennzeichen und Anzahl der Fahrer zu notieren.

Das Harter-Kerl-Prinzip

Dass sich beim Zeltaufbau und Ablassen des Reifendrucks sofort Freiwillige finden, liegt an der Ursprungsidee der Allrad-Expedition. Vor der Experience Tour organisierte Dag Rogge, der nebenher einen Offroad-Trainingsplatz in einem Steinbruch bei Düsseldorf betreibt, die lange von Land Rover gesponserte Camel Trophy: eine Art Autorallye, bei der Teams gegeneinander antraten, Autos auf dem Dach landeten und die Teilnehmer weitestgehend auf sich gestellt waren. Das Prinzip der Tour war damals härter als heute. „Abends bist du im Zelt aus einer Hose gestiegen, die steif vor Dreck war und am nächsten Morgen noch so dastand“, sagt Outdoor-Experte Volker Lapp, der 1984 die Tour in Brasilien begleitete. 2000 wurde die Trophy eingestellt. Das Konzept war zu einer Großveranstaltung für Profisportler zerfasert, außerdem hatte der Veranstalter „World Wide Brands“ andere Vermarktungsideen.

Seitdem Dag Rogge die Tour im Auftrag von Land Rover organisiert, soll sie zwar hart aussehen, aber möglichst wenige Risiken bergen. Damit die Botschaft stimmt, müssen die Autos die Herausforderungen ohne Probleme meistern. Es sind also zehnstündige Fahrten ohne Pausen, das Aufbauen von Zelten im Dunkeln, Reifenwechsel am Steilhang und Fahrten auf 4800 Meter Höhe, die dabei helfen, das Image der Abenteuer-Tour zu erhalten. Und sobald der Pazifik in Sichtweite kommt, gehört es sich, hineinzuspringen.

Freie Fahrt

Was sich seit den Zeiten der Camel Trophy nicht verändert hat, ist die Freiheit, dorthin zu fahren, wo nur bestens ausgestattete Allrad-Fahrzeuge zurechtkommen. Auf 4000 Metern grasen noch Alpacas mit bunt geschmückten Ohren, danach wird es einsam. Je karger die Landschaft wird, desto mehr Kraft brauchen die Fahrzeuge in der dünner werdenden Gebirgsluft. Wer kurz aussteigt, um Bilder zu machen, was nicht häufig vorkommt, denn Dag Rogge ist kein Mann der Pausen, kommt schwer atmend zum Auto zurück. Zwischen dem Bergpass und der Wüste liegen nur vier Stunden Fahrzeit auf in den Berghang gesprengten einspurigen Kieswegen. Obwohl die sechs Teilnehmer wegen der Planänderung nach der Sackgasse im Dschungel schon zum zweiten Mal im Sand fahren, ist die Stimmung ungetrübt: Aus Fahrzeug 1 schallt Schlagermusik, während sich der Konvoi von der Wüstenstadt Ica auf dem Weg zum Meer immer weiter in die Dünen vorarbeitet.

Zu den Wüstenvorkehrungen gehört: Luftdruck ablassen, Höhenregulierung anpassen, die Stabilitätskontrolle DSC ausschalten und das „Sand-Programm“ im Terrain-Response-System einlegen. Dann „schwimmt“ der Geländewagen auf dem weichen Untergrund. „Abstand halten, an der Hügelkuppe Gas weg, dann gerade bergab rollen lassen“, zählt Dag Rogge bei 40 Grad im Sand unter der Mittagssonne auf. „Bergauf immer schön auf dem Gas bleiben“, rät Marcel Illner, neuer Wüstenspezialist. Fünf Minuten geht das gut, bis die ersten Wagen in Staubwolken durcheinanderrutschen.

Am Ende liegt die Riesendüne. 80 Meter führt sie mit einer Neigung von 60 Grad in die Tiefe, dahinter das Meer. Wer sich beim letzten Mal nicht über die Kuppe getraut hat, traut sich jetzt. Wie ein Maulwurf gräbt sich der Geländewagen durch den Sand. Unten wartet der Campingplatz, und natürlich springen die Teilnehmer unter dem liegenden Mond in den Pazifik.

Der Optimismus

Dag Rogge, der in seiner Freizeit Oldtimer-Rallyes fährt und einen Bauernhof betreibt, der also niemals müde zu werden scheint, ist der Inbegriff des Optimismus. Dreimal war er mit seinem Team in Peru, um die Route vorzubereiten. „Die Vortouren sind die härtesten und schönsten“, sagt Rogge. Wenn noch alles neu ist. Wenn sich aus fremden Gegenden ein vollständiges Bild zusammenfügt.

Für die überflutete und verschüttete Urwald-Strecke hat das Team schon bei der Vortour 20 Stunden gebraucht. Aber sie war einfach zu schön, um auf sie zu verzichten. Wenn etwas schiefläuft, und in Peru läuft viel schief, dauert es genau fünf Minuten, bis Rogge seine Fassung zurück und einen neuen Plan hat. Anschließend verkündet er zuerst die schlechte, dann die gute Nachricht. Und eine gute findet sich immer.

Die Überraschungen

Zu einer Tour mit 45 Beteiligten gehört auch die Vielfalt der sich widersprechenden Informationen. „Es ist nur noch eine Stunde bis zum Campingplatz“, sagt der Fotograf aus England. „Niemals sind wir vor Sonnenuntergang da“, sagt die Teilnehmerin aus Berlin. Jeder weiß Bescheid, aber wie der Tag endet, kann keiner sagen. Vor allem dann nicht, wenn irgendwann nichts mehr nach Plan läuft. Erst startet der Flieger, den Rogges Team als Ersatz für die Fahrt durch den Dschungel gebucht hat, wegen Gewitters nicht. Beim nächsten Versuch gibt es technische Probleme, und der Ersatzflieger landet verspätet in Cusco. Für ein paar Stunden steht auf einmal sogar das Ziel der Reise, die Ruinenstadt Machu Picchu, in Frage. Also sitzt Dag Rogge im Fußraum eines überfüllten Busshuttles, telefoniert mit dem Funktelefon und treibt sein Team beim Aussteigen so unerbittlich an, dass es doch noch gutgeht: Der Zug zum Gipfel fährt in dem Moment ab, als alle 45 Abenteurer an Bord sind.

Am Ende der 1700 Kilometer langen Reise liegt Machu Picchu. Die Inkastadt, in deren Nähe keine Geländewagen kommen, sondern nur klapprige Reisebusse. Die schon seit mehr als 500 Jahren steht, unangefochten von den Erdbeben, Regenzeiten und Schlammlawinen Perus. Jeder kann sie besuchen, ganz einfach, mit einem Ticket, einem Reisepass und ohne Allrad. Aber einfach kann ja jeder.

Land Rover Experience Tour

Die Land Rover Experience Tour ist die Erbin der Camel Trophy und die einzige Abenteuertour ihrer Art. Im Frühjahr wird sie mit kürzeren und komfortableren Etappen für zahlende Gäste angeboten. Bis jetzt sind schon 60 Anfragen eingegangen, Platz ist für zehn Teilnehmer.

Quelle: F.A.S.
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