Neue Volvo-Marke Polestar

Die schöne Tochter soll elektrisieren

Von Boris Schmidt
 - 10:50
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Wenn der Chef eine bemerkenswerte Idee hat, sollte man nicht unbedingt widersprechen. Håkan Samuelsson, Vorstandsvorsitzender von Volvo, fand vor vier Jahren die auf der Frankfurter IAA präsentierte Studie „Concept Coupé“ so spannend, dass er vorschlug, eigens dafür eine neue Marke zu gründen. Vergangene Woche debütierten in Schanghai die neue Marke Polestar und dazu das Coupé von damals, heute schlicht Polestar 1 genannt. 2019 kommt es auf den Markt. Gleichzeitig wurde angekündigt, dass kurz danach der Polestar 2 lanciert wird, und für 2021 ist der Polestar 3 avisiert.

Die Nummer 1 trägt unverkennbar Volvo-Gene in sich, was auch nicht geleugnet wird. Im Gegenteil, Volvo versteht Polestar als schöne Tochter für das besondere Automobil. Bisher war es die Volvo-Tuningmarke. Das 1986 gegründete, ehemals selbständige Unternehmen hatte man 2015 übernommen. Im Prinzip ist der 1 ein auf 4,50 Meter verkürzter S90, es fehlen 20 Zentimeter Radstand und 32 Zentimeter hinterer Überhang. Auch die Antriebstechnik steuert die Mutter bei, 600 PS und 1000 Newtonmeter Drehmoment lassen Sportwagen-Fans aufhorchen. 150 Kilometer rein elektrische Reichweite sind dagegen ein Gruß an die Grünen.

Für diese Eckdaten sorgen gleich vier Motoren uns ein großes Batterie-Paket. Vorn unter der Haube steckt ein 2,0-Liter-Vierzylinder, an der Hinterachse arbeiten je Rad ein 80-kW-Elektromotor, der vierte im Bunde ist der Starter-Generator, der weitere 34 kW beisteuert. Zweimal 109 PS plus 46 PS des Generators plus die 336 PS des Turbobenziners ergeben 600 PS.

Allradantrieb ist selbstverständlich, und dann sind da noch die Akkus im Mitteltunnel und im Heck, die bieten 34 kWh – das ist fast ebenso viel wie beim rein elektrischen VW Golf. Ein Wermutstropfen ist der kleine Kofferraum, der wohl kaum über 200 Liter hinauskommt. Aber es gibt ja noch die Rückbank. Der Polestar 1 ist ein klassischer 2+2-Sitzer, wobei zwei plus zwei in dieser Autogattung niemals vier ergibt.

Völlig neu für Volvo ist das Karosseriekonzept. Der Kern des Wagens ist zwar aus Stahl, aber die gesamte sichtbare Karosse besteht aus Karbon, was jene 230 Kilogramm Gewicht spart, die durch die Batterien wieder draufgepackt werden. Produziert wird der P1 in Chengdu in China, es wird eigens ein nagelneues Werk eingerichtet, das schon im Bau ist und 2018 fertiggestellt sein soll.

Geplant wird mit nicht mehr als 500 Einheiten P1 im Jahr, als Preis nennt der zusätzlich zum Polestar-Chef ernannte Volvo-Chefdesigner Thomas Ingenlath rund 150 000 Euro. Allerdings wird das Hybrid-Coupé ausschließlich über eine Art Leasing zu erhalten sein. In der monatlichen Rate (ohne Anzahlung) sind alle Kosten abgedeckt, die anfallen, auch Versicherung, Steuer, Reparaturen, Wartung und Service. Um die 1500 Euro dürfte die Rate betragen. Der Vertrieb soll hauptsächlich online erfolgen, gedacht ist aber an 80 Polestar-Shops in attraktiven Lagen weltweit, allerdings jeweils ohne Werkstatt. Hierfür sollen dann wieder die regulären Volvo-Händler eingespannt werden.

Während in Schanghai der Polestar 1 zu sehen und anzufassen war, wird um die beiden anderen Modelle noch ein Geheimnis gemacht. Der 2 ist ein rein elektrisches Auto von kompaktem Format, das den Tesla 3 angreifen soll. Es wird das erste rein elektrische Auto der Volvo-Gruppe sein. Hier erwartet man auch höhere Stückzahlen, ohne genauer ins Detail zu gehen. „Die Kapazität in Chengu ist auf jeden Fall fünfstellig.“ Mehr ließ sich Ingenlath nicht entlocken. Der Polestar 3 wird wiederum ein rein elektrisches Fahrzeug, angekündigt wird ein SUV.

Mit dem Schachzug, eine eigene Elektroauto-Marke zu gründen, folgt Volvo Vorbildern wie Mercedes-Benz (EQ), es bedeutet jedoch nicht, dass es keine rein elektrischen Volvos in naher Zukunft geben werde. Die Marken sinnvoll abzugrenzen ist aber gewiss keine einfache Aufgabe.

Quelle: F.A.Z.
Boris Schmidt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Frank Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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